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Stromnetz – das Nadelöhr der Energiewende?

Immer noch will die Bundesregierung das Stromnetz mehr und schneller als nötig ausbauen, lautet die Kritik, nachdem Wirtschaftsminister Altmaier letzte Woche seinen "Aktionsplan Stromnetze" vorlegte. Franziska Flachsbarth, Netzexpertin vom Öko-Institut, findet dagegen vieles am Plan des Ministers sinnvoll. Um die Klimaziele zu erreichen, komme Deutschland um neue Stromtrassen nicht herum.


Strommast
Eine stärker zentralisierte Energiewende hat auch Vorteile, sagt Stromnetzexpertin Franziska Flachsbarth. (Foto: Susanne Götze)

Klimareporter°: Frau Flachsbarth, nicht zum ersten Mal versucht eine Bundesregierung den Ausbau des Stromnetzes voranzubringen. Wie finden Sie den Anlauf, den Wirtschaftsminister Peter Altmaier nun unternimmt?

Franziska Flachsbarth: Den "Aktionsplan Stromnetz" des Ministers – den finde ich gar nicht schlecht. Altmaier stellt sich nicht länger auf den Standpunkt "Wir setzen allen Bedarf in Netzausbau um und drücken den auch gegen den Willen der Bevölkerung durch", sondern knüpft zum Beispiel sinnvoll an die Vorschläge der Agora Energiewende an. Der Thinktank hatte Anfang des Jahres eine "Toolbox" – also eine Art "Werkzeugkasten" – zusammengestellt, mit der sich das Stromnetz optimieren lässt.

So wird im Aktionsplan viel darüber nachgedacht, wie man den Netzausbau wirklich minimieren kann. Der "Rest" soll dann beschleunigt durchgeführt werden. Über das Letztere reden ja Befürworter wie Kritiker des Aktionsplans vor allem. Dass der Plan aber wesentlich mehr Effizienz im bestehenden Netz will, hat noch niemand wirklich wahrgenommen.

Auch aus Sicht des Klimaschutzes können wir eine Ertüchtigung des Stromnetzes gut brauchen – dazu zählt eben auch ein Ausbau. Kürzlich hat die Bundesnetzagentur ja den Szenariorahmen des neuen Netzentwicklungsplans genehmigt. Sie nahm damit im Grunde einen Paradigmenwechsel vor: Erstmals müssen die Netzbetreiber jetzt in allen Szenarien die Klimaziele der Bundesregierung einhalten. Erstmals müssen alle Szenarien dem im Koalitionsvertrag festgelegten Ökostrom-Anteil von 65 Prozent für 2030 entsprechen. Und erstmals soll in einem Kurzfrist-Szenario bis 2025 untersucht werden, wie das Netz durch Ad-hoc-Maßnahmen ertüchtigt werden kann.

Der Aktionsplan von Altmaier passt ganz gut zu diesen neuen Szenarien des Netzentwicklungsplans. Das ist sehr erfreulich. Alles in allem werden wir hoffentlich bald viel genauer wissen, welchen Bedarf an Netzausbau es nach einem annehmbaren Klimaschutz-Szenario gibt.

Trotz aller Kritik am fehlenden Netzausbau verfügt Deutschland doch noch immer über eines der zuverlässigsten Stromsysteme. Wo ist eigentlich das Problem?

Es stimmt, wir haben in Deutschland wenig Stromausfälle und einen stabilen Netzbetrieb. Das ist das Verdienst der Leute in den Netzleitwarten, die Engpässe, die sich im Stromnetz einstellen, beheben, bevor der Strom ausfällt.

Zu diesen Eingriffen zählt der Redispatch. Dabei werden vor einem Engpass konventionelle Kraftwerke herunter- und nach dem Engpass andere konventionelle Kraftwerke heraufgeregelt. Im Zweifelsfall kommt noch das Einspeisemanagement der Erneuerbaren hinzu, also das Abregeln von Ökostromerzeugern.

Foto: Öko-Institut

Zur Person

Franziska Flachsbarth studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Energienetze und Energiemarktmodellierung an der BTU Cottbus. Schwerpunkt ihrer Arbeit am Öko-Institut in Freiburg ist die Modellierung des zukünftigen Energiesystems. 

Einspeisemanagement und Redispatch zusammen sind ein Indikator, wie groß der Bedarf an Netzausbau oder Netzverbesserung in Deutschland ist. In den letzten Jahren haben wir viel über die dadurch verursachten hohen Kosten gesprochen. In diesem Jahr sind die Kosten zumindest rückläufig. Es wurden ja auch ein paar Netzausbauvorhaben abgeschlossen.

... wie die Thüringer Strombrücke. Das reicht aber nicht?

Wir haben in den nächsten Jahren noch einiges vor. Bis 2022 ist der Atomausstieg zu vollenden, und um den Klimawandel zu begrenzen, brauchen wir auch eine schleunige Reduktion der Kohleverstromung. Um das wiederum zu ermöglichen, wollen wir die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien vorantreiben. Die Bundesregierung will ja den Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bis 2030 auf 65 Prozent anheben.

Die bisherige Struktur der Stromerzeugung in Deutschland ändert sich damit grundlegend, die Nachfrage nach Strom allerdings eher nicht – und das verändert den Transportbedarf für den Strom. Insbesondere in Nord-Süd-Richtung wird künftig mehr Strom transportiert als bisher – und dafür benötigen wir ausreichend Kapazität im Netz.

Die 65 Prozent Ökostrom, die die Bundesregierung offiziell anpeilt, scheinen derzeit genauso unerreichbar wie das Klimaziel für 2030.

Also, da bin ich optimistisch. Beide Ziele sind für ein Land wie Deutschland wirklich erreichbar – und wir müssen sie auch erreichen, wenn wir noch ansatzweise in einer Welt leben wollen, die wir kennen.

Der Ausbau der Erneuerbaren ging in letzter Zeit auch deshalb zurück, weil die Kosten für Redispatch und Einspeisemanagement so angestiegen waren. Da würde ein Netzausbau helfen, dann gäbe es auch ein Argument weniger gegen die Erneuerbaren.

Der derzeitige Wirtschaftsminister gilt allerdings nicht gerade als Fan der Erneuerbaren. So warten wir noch immer auf die versprochenen Sonderausschreibungen.

Ausdrücklich bekannt hat sich Altmaier noch nicht zu den Erneuerbaren-Zielen im Koalitionsvertrag. Dennoch: Der Minister kümmert sich jetzt um die Übertragungsnetze. Die hält er für das Nadelöhr der Energiewende. Damit bewegt sich Altmaier zwar im Denksystem der Regierung – auch der Koalitionsvertrag koppelt ja die Erneuerbaren-Ziele an die Netzentwicklung. Aufgrund der Zeitnot, die wir beim Klimaschutz haben, halte ich es aber für wichtig, die Stromnetze zu ertüchtigen.

In der Erneuerbaren-Branche heißt es, die Netze seien die meiste Zeit des Jahres nur zu 20 Prozent ausgelastet.

Unsere Rechnungen bestätigen das. Die Netze müssen eben Extremsituationen wie der sogenannten Jahreshöchstlast standhalten, und so werden sie ausgelegt. Ob sie aber so ausgelegt werden müssen – darum gibt es schon eine Debatte.

So können bereits erprobte Maßnahmen wie der Einsatz von Phasenschiebern dazu beitragen, den Stromfluss so zu steuern, dass das Netz gleichmäßiger genutzt wird. Auch eine stete Überwachung der Temperatur in den Leitungen ist kurzfristig durchführbar, um das Netz stärker auslasten zu können. Das haben schon viele Experten angeregt. Altmaier greift das nun in seinem Aktionsplan auf.

Darüber hinaus brauchen wir aber auch neue Trassen, wenn wir 2030 die 65 Prozent erneuerbaren Strom und 2050 eine ausschließlich regenerative Stromversorgung haben wollen. Man kann sicher diskutieren, ob die eine oder andere Leitung nötig ist – von der Größenordnung her ist es aber nicht falsch, einen Netzausbau anzustreben, wie er im Bundesbedarfsplangesetz festgelegt ist.

Hilfreich wäre es allerdings, zunächst eine Netzplanung bis 2050 zu machen und dann zeitlich rückwärts zu schauen, welcher Ausbau bis wann nötig ist. Zeichnet sich zum Beispiel im Netz ein Engpass ab, weil dort 2030 noch ein Kohlekraftwerk einspeist, das aber 2035 abgeschaltet wird, wäre es sinnvoll, den Engpass nicht durch eine neue Leitung, sondern durch alternative Maßnahmen zu beheben. Durch den Blick von 2050 zurück kann ein Netzausbau für "Brückentechnologien" wie Erdgas oder Kohle vermieden werden.

Die jüngst veröffentlichte Netz-Transparenz-Studie Ihres Instituts hat gezeigt, dass mit einer besseren regionalen Verteilung der erneuerbaren Erzeugung, vor allem von Wind und Sonne, neue Stromtrassen überflüssig werden können. Der Aspekt findet sich in Altmaiers Aktionsplan nur unter ferner liefen ...

Wenn wir zu einer regenerativen Stromversorgung übergehen, haben wir ein geradezu klassisches Problem: Die Ökostromanlagen sind da besonders ertragreich, wo die Nachfrage nach Strom gering ist. Der Strom muss dann also teilweise über große Entfernungen transportiert werden. Hieraus leitet sich der Bedarf für den Netzausbau ab.

Gelöst werden könnte das Problem, indem man die regenerative Erzeugung bevorzugt dort errichtet, wo ausreichend Verbraucher sind. Passt sich diese Erzeugung dann zudem noch der Stromnachfrage an, sinkt der Bedarf weiter, Strom übers Netz zu transportieren.

Derartige Szenarien haben wir mit dem Projekt "Transparenz Stromnetze" untersucht und konnten zeigen, dass der Ausbaubedarf dann deutlich zurückgeht. Altmaier hat diesen Punkt in seinem Aktionsplan zumindest an einer Stelle aufgenommen. Der verbrauchernahe Erneuerbaren-Ausbau müsste aber noch in den Ausschreibungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes verankert werden.

Dieses Vorgehen bedeutet aber auch, dass erneuerbare Energien an weniger ertragreichen Standorten gebaut werden müssen. Um dieselbe Strommenge liefern zu können, würde man also insgesamt mehr Fläche und Ressourcen verbrauchen. Windkraft würde da auch näher an die Bevölkerung heranrücken – das führt zu Interessenkonflikten.

Altmaiers Aktionsplan will den Netzausbau auch beschleunigen, indem die Bürgerbeteiligung zurückgefahren wird. So soll mit dem Bau der Trassen schon begonnen werden können, bevor der letzte Kilometer genehmigt ist. Provoziert das nicht neue Konflikte?

Zur Beschleunigung schlägt Altmaier drei Punkte vor. Zunächst einmal soll der Netzausbau professioneller überwacht und in einem festen Turnus überprüft werden. Das halte ich für sinnvoll. Dieses "vorausschauende Controlling" erscheint mir einigermaßen transparent und sorgt auch dafür, dass einige Beteiligte stärker einbezogen werden.

Als zweiten Punkt schlägt Altmaier vor, im Planungsrecht zu streichen. So sollen die Länder auf ihr Recht verzichten, alternative Trassen vorschlagen zu können. Die Bürgerbeteiligung aber weiter einzuschränken halte ich für das Gelingen der Energiewende eher für kontraproduktiv. Viele Rechte sind ja im Zuge diverser Gesetzesänderungen in den letzten Jahren schon außer Kraft gesetzt oder abgeschwächt worden.

Der dritte Vorschlag von Altmaier zielt darauf, den Netzbetreibern einen ökonomischen Anreiz zu geben, damit diese die richtige Maßnahme zur Netzertüchtigung zum richtigen Zeitpunkt wählen.

In Ihrer Netztransparenz-Studie hatten Sie allerdings Vorschläge gemacht, um die Bürger real besser zu beteiligen – zum Beispiel, ein bürgernahes Gremium direkt bei der Bundesnetzagentur einzurichten. Davon findet sich im Aktionsplan von Altmaier nichts. Sind Sie enttäuscht?

Es hätte mich extrem erfreut, wären einige unserer Ideen im Aktionsplan aufgegriffen worden. So halte ich den Vorschlag, einen Forschungskomplex zum Thema "Energiewende und Netze" zu schaffen, für sehr hilfreich. Es geht darum, künftig mit gebündelter Kompetenz über ein Stromnetz im Zeichen des Klimaschutzes nachzudenken.

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