Redispatch-Boom durch Frankreichs Atomkraftwerke

Auf den neuen Rekordwert von 1,4 Milliarden Euro stiegen 2017 die Kosten, um das inländische Stromnetz stabil zu halten. Die schwankende Erzeugung der erneuerbaren Energien hat daran aber einen überschaubaren Anteil.


Das Bild zeigt ein Kohlekraftwerk. Im Vordergrund stehen einige Windräder.
Wenn Windräder stillstehen und Altkraftwerke weiterlaufen, hat das Klima das Nachsehen. (Foto: Crux/​Wikimedia Commons)

Auf die Zahl haben Kritiker des Stroms aus Wind und Sonne vermutlich schon sehnsüchtig gewartet. Auf rund 1,4 Milliarden Euro beziffert die Bundesnetzagentur in ihrer jetzt veröffentlichten Jahresbilanz die Kosten, die 2017 den Stromkunden entstanden, um mit dem Herauf- und Herunterregeln von Kraftwerken oder der Abregelung von Ökostrom das Netz vor Fehlbelastung zu bewahren. Diese Kosten liegen laut der Behörde "weit über denen des windarmen Jahres 2016". Das hatte mit rund 880 Millionen Euro zu Buche geschlagen, das vergleichbare Windjahr 2015 mit rund 1,1 Milliarden Euro.

Die 1,4 Milliarden für 2017 setzen sich aus drei großen Blöcken zusammen.

  • Rund 400 Millionen Euro entfallen auf das sogenannte Redispatch. Dabei werden – nahezu ausschließlich – konventionelle Kraftwerke in ihrer Erzeugung herauf- oder heruntergefahren. Braunkohleverstromer haben daran laut Bundesnetzagentur einen 60-Prozent-Anteil.
  • Zweite Kostenstelle sind die Entschädigungen für die Ökostrom-Einspeiser, vor allem für Windkraft, wenn deren Anlagen wegen Netzengpässen abgeschaltet werden. Diese Ansprüche summierten sich 2017 auf 610 Millionen Euro – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2015 mit 478 Millionen und 2016 mit 373 Millionen Euro.
  • Dritter Punkt sind die Kosten für die Reservekraftwerke. Hier kamen 2017 rund 415 Millionen Euro zusammen, ebenfalls ein deutlicher Anstieg gegenüber den beiden Vorjahren.

Schaut man sich die Redispatch-Kosten näher an, fällt auf, dass von den gesamten 18,5 Milliarden Kilowattstunden, die 2017 auf diese Weise bewegt wurden, allein in den ersten drei Monaten des Jahres rund 8,5 Milliarden zusammenkamen, also etwa 46 Prozent der Jahresmenge.

Für den Redispatch-Boom führt die Bundesnetzagentur auf Nachfrage einen ganzen Ursachen-Mix an. So habe es von Anfang Januar bis Anfang Februar 2017 eine "ungewöhnliche" Situation mit hohen Stromflüssen vor allem Richtung Südwesten gegeben, dazu eine europaweite Kälteperiode und – damit verbunden – einen generell hohen Strombedarf, während Wind und Sonne zugleich wenig Strom erzeugten.

Des Weiteren gab es laut der Behörde "ungeplante Nichtverfügbarkeiten" mehrerer Atomkraftwerke in Frankreich und Deutschland. Frankreich habe, um Versorgungsengpässe zu vermeiden, vermehrt Strom aus Deutschland importiert. Dazu sei eine eingeschränkte Kohleversorgung für süddeutsche Kraftwerke gekommen, bedingt durch Niedrigwasser in Rhein und Neckar.

"Konventioneller Strom verstopft die Netze"

Weil im ersten Quartal 2017 gerade Sonne und Wind wegen des Wetters weniger Strom lieferten, gibt es für die Engpässe andere Gründe, betont auch die Berliner Energieökonomin Claudia Kemfert gegenüber Klimareporter°. Bis zu zwölf französische Reaktoren konnten in der Zeit keinen Strom liefern, und das bei hoher winterlicher Stromnachfrage, erinnert Kemfert. "Deutsche Kraftwerke sind eingesprungen, Reservekraftwerke wurden hochgefahren."

Wie viel von den 1,4 Milliarden Euro auf den speziellen Ursachen-Mix gehen und das Jahr 2017 teurer als das vergleichbare 2015 werden ließen, kann man nur erahnen. Mit der Veröffentlichung der Redispatch-Kosten ist aus Sicht von Kemfert aber eine klare Motivation verbunden: Wieder einmal solle "einseitig den Erneuerbaren die Schuld für überhöhte Netzentgelte zugewiesen und eine Begründung für einen überdimensionierten Netzausbau geliefert werden".

In Wahrheit, so Kemfert, seien die Redispatch-Kosten auch deshalb gestiegen, weil konventionelle Kraftwerke in den Zeiten, wo die Erneuerbaren viel einspeisten, nicht ausreichend abgeregelt wurden. "Gerade in Nord- und Ostdeutschland verstopft konventioneller Strom die Netze." Zudem zeigten die Zahlen, dass die Redispatch-Maßnahmen im Herbst 2017, als viel Windstrom eingespeist wurde, vergleichsweise gering ausfielen.

Offenbar hängen Ökostrom-Ausbau und Netzprobleme nicht so direkt zusammen. Für Felix Matthes vom Öko-Institut belegen die steigenden Kosten aber auch, dass es einen realen Netzengpass in Deutschland gibt und die Netze ausgebaut werden müssen. Dass beispielsweise die "Thüringer Strombrücke" 2017 dazu beitrug, die Netzkosten zu dämpfen, spricht aus seiner Sicht für einen positiven Ausbaueffekt.

Ökostrom-Abregelung trifft den Norden

"Rund 59 Prozent der Ausfallarbeit und rund 58 Prozent der ... Entschädigungsansprüche entfallen im Gesamtjahr 2017 auf Schleswig-Holstein. Es folgen Niedersachsen und Brandenburg mit zwanzig bzw. rund acht Prozent der gesamtdeutschen Ausfallarbeit. Wie ... dargestellt, weisen auch die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen hohe Abregelungsmengen auf ... Der hohe Anteil von Abregelungen in Ländern wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt heißt nicht zwingend, dass in diesen Ländern der Netzausbau unzureichend vorangetrieben würde. Die für die Maßnahmen ursächlichen Netzengpässe müssen nicht in den Gebieten liegen, in denen die Abregelungen erforderlich werden."

 

Aus dem Bericht der Bundesnetzagentur zu Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen 2017

Die volle Inbetriebnahme der Thüringer Strombrücke im September 2017 führte laut den Daten der Bundesnetzagentur dazu, dass im vierten Quartal 2017 die Überlastungszeit der Kuppelleitung Remptendorf–Redwitz – sie verbindet das ostdeutsche mit dem süddeutschen Netz – auf insgesamt nur noch 18 Stunden sank. Im vierten Quartal 2015 hatte die Remptendorf-Redwitz-Leitung bei einem vergleichbaren Windstrom-Aufkommen noch unter 1.800 Stunden Überlastung geächzt.

Ebenfalls neu war 2017, dass auch Offshore-Windanlagen in größerem Umfang abgeregelt wurden. Die Windparks auf See übernähmen inzwischen 15 Prozent der "Ausfallarbeit", gibt die Bundesnetzagentur an. Der übergroße Teil der Abregelungen, mehr als 80 Prozent, betrifft aber nach wie vor die Windräder an Land.

Dennoch hält der Bundesverband Windenergie (BWE) einen "starken Zubau" der Windkraft weiter für dringend nötig – um die noch in der Ferne liegenden Klimaziele zu erreichen, wie BWE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm gegenüber Klimareporter° erklärt.

Ganz von der Hand zu weisen sind die Netzprobleme für den BWE aber nicht. Der Verband habe sich schon 2015 aufgeschlossen in der Frage gezeigt, die Erneuerbaren in den Redispatch einzubeziehen, sagt Axthelm. Für den Windverband muss die Aufnahmefähigkeit der Netze vor allem kurzfristig deutlich verbessert werden: durch Netzoptimierung, ein flächendeckendes Netzmonitoring sowie Smart-Grid-Konzepte.

Redaktioneller Hinweis: Die Energieökonomin Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von Klimareporter°

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