Ausstieg auch aus dem Netzausbau?

Aus der Kohle steigt Deutschland aus – was wird dann aus den vielen geplanten Stromtrassen, die das Land von Nord nach Süd durchziehen sollen? Müssen die bleiben oder sogar mehr werden oder kann man da auch aussteigen? Die Kritik an den großen Strom-Autobahnen sucht sich neue Argumente.


Karikatur: In einem Haus unter einer Starkstromleitung sagt ein Mann zu seiner Frau:
Die Kritiker sind sich sicher, dass die Energiewende nur ein vorgeschobener Grund für die neuen Stromtrassen ist. (Karikatur: Gerhard Mester/​SFV)

Für den Südostlink, eine der fünf großen sogenannten Stromautobahnen, hat der planerische Endspurt begonnen. Die knapp 600 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitung (HGÜ) soll von Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt bis zum Kraftwerk Isar bei Landshut in Bayern reichen und den Ökostrom aus dem Norden in den Süden bringen, wo es bald keine Atomkraftwerke mehr gibt.

Seit gut drei Monaten versucht der zuständige Netzbetreiber Tennet, die skeptischen Menschen im nördlichen Bayern vom Südostlink zu überzeugen. Kein einfaches Unterfangen. Denn auch die Landesregierung stellt sich, jedenfalls nach außen hin, an die Seite der Trassenkritiker.

Nach einem Vor-Ort-Treffen vor einigen Tagen ließ sich der bayerische Energieminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bezüglich der beiden zur Debatte stehenden Trassenverläufe für den Südostlink so zitieren: "Wir haben jetzt die Wahl zwischen Erhängen und Erschießen."

Für ihn sei ein Trassenverlauf entlang der Autobahn A 93 "technisch kaum realisierbar", ließ Aiwanger wissen. Genauso schlecht sei auch die zweite Variante mit dem Beinamen "querfeldein". Er wolle keine dieser Trassen und zähle sich selbst zu den Trassengegnern, sagte Aiwanger, räumte aber gleichzeitig ein, dass er als Landesminister nichts ausrichten könne.

Etwas ausrichten gegen den Südostlink will aber der "Initiativkreis NEP 2030", ein Zusammenschluss von Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und Kommunen. Dieser legte kürzlich ein Gutachten vor, das den NEP, den regierungsamtlichen Netzentwicklungsplan 2030, für ziemlich fehlerhaft hält.

Vor allem seien beim derzeitigen NEP, erklärt Gutachter Lorenz Jarass, die Netzausbaukosten unberücksichtigt geblieben, woraus ein überhöhter Netzausbau resultiere.

Grüner Wasserstoff statt neuer Hochspannungstrassen

Auf den Punkt gebracht heißt das: Mit dem Fortschreiten der Energiewende – mehr dezentrale Erzeugung aus Wind und Sonne, mehr Speicher und mehr regionale Grünstromvermarktung – wird der Bau der großen Stromtrassen immer fragwürdiger.

Dennoch werde dem Netzausbau immer noch oberste Priorität eingeräumt, kritisieren die Trassengegner. Würden aber die wahren Ausbaukosten berücksichtigt, kämen auch andere Lösungen ins Spiel.

Wirtschaftswissenschaftler Jarass hat in seiner Studie durchaus neue Argumente und Vorschläge ausgegraben, um den Bau der HGÜ-Trassen zu verhindern und ganz überflüssig zu machen. Als Beispiel für eine kostengünstige Alternative nennt er den Ausbau der Power-to-Gas-Technologie.

Um das kostspielige Abregeln von nicht verwendbarem Ökostrom zu verhindern, sollen nicht die Netze erweitert, sondern der Ökostrom an den Netzknoten in grünen Wasserstoff umgewandelt werden, schlägt Jarass vor.

Der Aufbau von 6.000 Megawatt Power-to-Gas-Kapazität an der Küste würde die gesicherte Übertragungsleistung von zwei HGÜ-Trassen, Südostlink und Suedlink, von zusammen 6.000 Megawatt entbehrlich machen, rechnet Jarass vor. Zugleich würden die Netzausbaukosten sinken – selbst wenn man die Power-to-Gas-Investitionen hundertprozentig bezuschusse.

Alle diese Überlegungen blieben im Netzentwicklungsplan unberücksichtigt, kritisiert der Gutachter.

Für die 6.000 Megawatt müsste allerdings das Wirtschaftsministerium überzeugt werden, seine Ausbaupläne deutlich aufzustocken. Bislang plant das Ministerium im Rahmen seiner Wasserstoffstrategie, bis 2030 nur 3.000 bis 5.000 Megawatt an Power-to-Gas-Kapazitäten neu aufzubauen – und die sind zu einem großen Teil für industrielle Einsatzgebiete gedacht.

"Denken in völlig veralteten Dimensionen"

Besonders stört die Trassengegner, dass der gesamte Leitungsbau vor allem die Interessen europaweiter Stromhändler bedient – so ihre Überzeugung. Ihre Kritik richte sich gegen ein System, das einen massiven Ausbau des europäischen Stromhandels zum Ziel habe, erklärt Dörte Hamann vom Aktionsbündnis gegen die Süd-Ost-Trasse gegenüber Klimareporter°.

"Dieser Handel beteiligt sich nicht an den Netzkosten oder auch nicht an den Transportverlusten." Für Stromkunden in Europa bedeute dies, dass sie die Kosten für einige wenige Profiteure tragen müssen – ein höchst unsoziales Vorgehen, findet Hamann.

Aus diesem Blickwinkel helfen der Politik auch akzeptanzfördernde Maßnahmen wie die Erdverkabelung wenig – im Gegenteil. Das Ausweichen auf Erdkabel führe nur dazu, so Hamann, dass die jetzigen Gleichstrom-Autobahnen ein Vielfaches der Kosten von Freileitungen verursachen.

Die Bundesnetzagentur denke in völlig veralteten Dimensionen und schätze den künftigen Energiebedarf falsch ein, meint auch Werner Neumann, Sprecher des Arbeitskreises Energie beim Umweltverband BUND. "Die Zeiten, in denen Strom beliebig durch die Republik geschickt werden muss, sind lange vorbei", betont er.

Mit flexiblen Kraftwerken, Kraft-Wärme-Kopplung und Laststeuerung sei ein regionaler Ausgleich einfach möglich, so Neumann. Hierfür brauche es keine überdimensionierten Stromtrassen.

Netzbetreiber erwarten viel mehr Ökostrom-Austausch

Der Überzeugung der Trassengegner, der Netzausbau diene vor allem dem europaweiten Handel mit Atom- und Kohlestrom, kann Matthias Koch, Energieexperte beim Öko-Institut, nicht folgen.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas gebe es Ziele, aus dem Atom- und Kohlestrom auszusteigen, erklärt Koch gegenüber Klimareporter°. "Die installierte Leistung von Atom- und Kohlekraftwerken und auch deren Stromproduktion gehen in Europa zurück." Zudem wirke sich auch der steigende CO2-Preis negativ auf die Kohleverstromung aus.

Koch verweist dazu auf die Szenarien der europäischen Netzbetreiber für die künftige Netzentwicklung. Diese erwarten für 2040 einen Anteil erneuerbaren Stroms am Strommarkt von 72 bis 82 Prozent – gegenüber 35 Prozent im vergangenen Jahr.

Die Stromerzeugung aus Kohle werde bis 2040 von zuletzt jährlich 470 Milliarden Kilowattstunden auf 30 bis sieben Milliarden Kilowattstunden zurückgehen. Parallel dazu werde sich in Europa auch die Stromproduktion aus Atomkraftwerken in etwa halbieren.

Künftig, bilanziert Koch, würden die europäischen Länder damit "überwiegend erneuerbaren Strom über das Stromnetz austauschen und damit zur Einhaltung der Klimaziele beitragen".

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