Für einen fairen Ökostrom-Markt außerhalb des EEG

Das System der Herkunftsnachweise für Ökostrom sorgt für Verbrauchertäuschung. Auch zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland trägt der grün etikettierte Strom nicht bei – schlimmer noch: Er steht der Energiewende sogar im Weg.


Staudamm Svartavatn in Sauda im Südwesten Norwegens.
Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken lässt sich trickreich als Beitrag zur deutschen Energiewende verkaufen. (Foto: Karen Marie Straume/​NVE/​Flickr)

Beginnen wir mit einer Überraschung: Der Markt für Ökostrom außerhalb der EEG-Förderung boomt! Allein 2019 wurde in Deutschland die beeindruckende Menge von mehr als 100 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom gehandelt. Das geht aus einer Statistik der Association of Issuing Bodies (AIB) für Ökostrom-Nachweise hervor.

100 Milliarden Kilowattstunden entsprachen im vergangenen Jahr ziemlich genau der gesamten Stromerzeugung von Windenergie an Land. Was ist da los? Wie konnte – im Schatten des EEG – der Markt für erneuerbaren Strom still und heimlich so gigantisch wachsen?

Nun – tatsächlich handelt es sich bei den 100 Milliarden Kilowattstunden um die Menge Strom, für die 2019 in Deutschland Herkunftsnachweise für Ökostrom entwertet wurden. Herkunftsnachweise, kurz HKN genannt, sind eine Art Urkunde. Ausgestellt wird sie in Europa für jede Einheit erzeugten Ökostrom, in Deutschland ist der Strom aus EEG-geförderten Anlagen jedoch ausgenommen.

Wer erneuerbaren Strom in seiner Bilanz ausweisen möchte, ist gesetzlich dazu verpflichtet, dafür Herkunftsnachweise in entsprechendem Umfang zu erwerben und zu "entwerten". Das wird in nationalen Registern vermerkt und europäisch abgestimmt, sodass HKN nicht doppelt genutzt werden können.

Eigentlich eine gute Sache, die jedoch einen gewaltigen Haken hat: Die Herkunftsnachweise können getrennt von der tatsächlichen Stromlieferung gehandelt werden.

Das geht dann so: Ein Unternehmen deckt sich mit "grauem" Strom an der Börse sein. Der speist sich in Deutschland vor allem aus fossiler, atomarer und eben der EEG-geförderten Erzeugung und ist günstig zu haben. Gleichzeitig kauft das Unternehmen in der gleichen Menge Herkunftsnachweise ein. Diese Herkunftsnachweise kann es nun "entwerten" – und gegenüber den Kunden und der Öffentlichkeit wird aus dem vormals "grauen" Strom lupenreiner Ökostrom.

Ramsch-Zertifikate aus alten Wasserkraftwerken

Das System hat für Unternehmen, die ihre Umweltbilanz aufhübschen möchten, Charme. Denn Herkunftsnachweise sind sehr günstig.

Die Preise reichen je nach europäischem Herkunftsland und sonstigen Merkmalen wie dem Anlagenalter von zehn Cent bis sieben Euro pro Megawattstunde. Hinzu kommen noch die Kosten für den Strom. Nach aktuellen Börsenpreisen sind das etwa 40 Euro je Megawattstunde.

Porträtaufnahme von Constantin Zerger.
Foto: Charlotte Finke

Constantin Zerger

leitet seit 2019 bei der Deutschen Umwelt­hilfe (DUH) den Bereich Energie und Klimaschutz. Zu seinen Schwer­punkten zählen Erneuerbaren-Ausbau, Gebäude­effizienz, Netzausbau und Erdgas-Ausstieg. Zuvor war er über zehn Jahre im Umwelt­bereich der Deutschen Bahn tätig. Er hat in Berlin und Kopenhagen Politik­wissen­schaft studiert.

In Summe ist es also günstiger, Ökostrom für 40,10 Euro bis 47 Euro pro Megawattstunde zu beschaffen, umgerechnet also vier bis 4,7 Cent pro Kilowattstunde.

Zum Vergleich: Bei der jüngsten Ausschreibung von Windenergie an Land lagen die Gebote bei durchschnittlich 6,2 Cent. Und da muss noch die Absicherung für die schwankende Erzeugung hinzugerechnet werden.

Dass der "graue" Strom an der Börse hierzulande billig ist, wundert angesichts der noch immer bestehenden Überkapazitäten bei der Erzeugung nicht, wegen der Coronakrise sank bekanntlich auch der Strombedarf. Warum aber sind die Herkunftsnachweise so günstig?

Hintergrund dafür ist ein schier unerschöpfliches Angebot aus dem europäischen Ausland. Laut der AIB wurden 2019 von den 100 Milliarden Kilowattstunden HKN mehr als 96 aus dem Ausland importiert.

Der tatsächlich erzeugte Ökostrom selbst – in dem Fall die 96 Milliarden Kilowattstunden – geht im jeweiligen Heimatland in den Vertrieb. Dabei handelt es sich wohl ganz überwiegend um Bestandskraftwerke und vor allem um Wasserkraft – das sind Anlagen, die häufig Jahrzehnte alt sind.

Marktführer ist Norwegen: Im Jahr 2019 stammten 42 Prozent aller in Europa gehandelten Grünstromzertifikate aus dem skandinavischen Land. Mit dem zusätzlichen und vom Stromvertrieb entkoppelten Verkauf der Herkunftsnachweise verdienen sich die Betreiber der erneuerbaren Erzeugungsanlagen dann auf einfache Weise noch ein Zubrot.

Konzerne können CO2-Neutralität vortäuschen

Zur Energiewende in Deutschland trägt dieser grün etikettierte Strom nicht bei. Es ist auch offensichtlich, dass mit den Ramsch-Preisen von zehn Cent bis sieben Euro für die Megawattstunde allein kein Zubau erneuerbaren Anlagen finanziert werden kann. Auch im europäischen Ausland liegen die Kosten zur Errichtung von Windenergie- oder Photovoltaikanlagen darüber.

Der Vertrieb der Herkunftsnachweise ist deshalb nicht mehr als ein zusätzlicher Gewinn, den der Betreiber zum Beispiel in Norwegen quasi im Vorbeigehen mitnehmen kann. Der Betriebswirt nennt dies einen "Windfall-Profit". Und sicher ist: Ein Ausbau der erneuerbaren Energien wird damit nicht vorangebracht.

Problematisch ist dabei, dass viele Verbraucher:innen damit getäuscht werden. So gibt es eine Vielzahl großer Unternehmen, die mit Ökostrom-Strategien oder gar 100 Prozent erneuerbarem Strom werben. Beispiele sind die Deutsche Bahn ("100 Prozent Ökostrom im Fernverkehr"), Siemens ("bis 2030 CO2-neutral") oder der Discounter Lidl ("100 Prozent Grünstrom aus Wasserkraft").

Die Kommunikationsstrategien gleichen sich dabei in der Regel: Ins Schaufenster werden vorzeigbare Pilotprojekte gestellt, die jedoch ein sehr begrenztes Stromaufkommen haben. Die überwältigende Mehrheit des "Ökostroms" stammt dagegen aus dem beschriebenen Einsatz von Herkunftsnachweisen zu Ramsch-Preisen.

Ganz genau lässt sich dies leider nicht feststellen, weil Unternehmen zu dieser Art der Beschaffung verständlicherweise keine Auskunft geben. Gesetzlich sind sie dazu auch nicht gezwungen. Zur Offenlegung dieser Details enthalten die Veröffentlichungspflichten zum Strommix keine Vorgaben.

Unternehmerische Strategien zur Umstellung auf 100 Prozent Ökostrom sind natürlich lobenswert – doch es kommt eben darauf an, mit welchen Instrumenten gearbeitet wird.

Handelt es sich um eine bloße "Begrünung" günstig beschaffter Strommengen mit Herkunftsnachweisen, ist es Etikettenschwindel und Greenwashing. Die Nachfrage der Kunden führt dann nicht zu mehr Ökostrom, sondern nur zu einem Verschiebebahnhof ohne Klimawirkung.

Beitrag zur Energiewende: Null

Dabei können Unternehmen auch langfristige Bezugsverträge für echten Grünstrom – sogenannte Power Purchase Agreements (PPA) – abschließen oder selbst in Anlagen investieren. Dies wäre tatsächlich ein Beitrag zum Ausbau der erneuerbaren Energien.

Hier die Spreu vom Weizen zu trennen ist wegen der großen Intransparenz fast unmöglich. Aber die gigantische Menge von 96 Milliarden Kilowattstunden importierter Herkunftsnachweise ist ein sehr starkes Indiz dafür, dass die überwältigende Anzahl von Unternehmen sich für die günstige, aber klimapolitisch unwirksame Lösung entschieden hat.

Denn: Auch wenn Herkunftsnachweise in Deutschland entwertet werden, können sie nicht auf den inländischen Anteil erneuerbarer Energien angerechnet werden. Hier gilt strikt das Territorialprinzip: Nur was in Deutschland selbst an Ökostrom erzeugt wurde, wird im deutschen Mix angerechnet.

Der HKN-Handel trägt also überhaupt nicht dazu bei, das Ziel von 65 Prozent Ökostrom-Anteil am Verbrauch für 2030 zu erfüllen. Das ist ein weiterer kritikwürdiger Aspekt neben der Verbrauchertäuschung.

Ein Gedankenspiel aber lohnt sich: Wären diese 96 Milliarden Kilowattstunden in Deutschland zusätzlich zum EEG-Strom erzeugt worden, hätte das den Ökostromanteil schon jetzt auf 65 Prozent erhöht. Das Ziel für 2030 wäre bereits erreicht.

In Wirklichkeit könnte der "Öko"-Boom dank der Herkunftsnachweise gegenteilige Folgen haben. In den kommenden Jahren werden immer mehr Anlagen aus dem EEG entlassen. Diese "Post-EEG-Anlagen" stehen nun am Markt im Wettbewerb mit den Ramsch-Angeboten aus dem HKN-System.

Fairen Markt für Ökostrom aufbauen

Das HKN-System sorgt damit nicht nur für Verbrauchertäuschung und ist ein verschenktes Potenzial für die Erneuerbaren – sondern steht nun auch der Energiewende direkt im Weg: Windparks können nicht weiterbetrieben werden, weil sie von Ramsch-HKN aus dem Markt gepreist werden.

Deshalb gibt es dringenden Handlungsbedarf. Ziel muss dabei sein, einen fairen Markt für Ökostrom außerhalb des EEG aufzubauen. Dazu muss untersagt werden, Herkunftsnachweise ohne eine tatsächliche Stromlieferung zu handeln. Dafür muss die Rechtsgrundlage dringend angepasst werden.

Schon heute ist eine Kopplung von HKN und Stromlieferung möglich. Von dieser Option wird aber wegen den daraus entstehenden höheren Preisen und unnötigen bürokratischen Hürden so gut wie kein Gebrauch gemacht.

Gefragt sind Politik und Unternehmen. Vorrang hat zunächst, dass die Politik die Rechtsgrundlage ändert und nur noch die gekoppelte Lieferung von Herkunftsnachweisen und Strom zulässt.

Aber auch die Unternehmen müssen jetzt erkennen, dass sie mit Ramsch-HKN nicht zum Ausbau der Erneuerbaren beitragen und damit Verbrauchertäuschung betreiben. Wenn sie wollen, können sie schon heute auf andere Beschaffungsoptionen umsteigen und einen echten Beitrag zur Energiewende leisten.

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