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Auf der Suche nach echtem Ökostrom

Wer seinen Strom von der eigenen Solaranlage oder direkt vom Windrad in der Nähe bezieht, kann sicher sein, woher die Ökoenergie kommt. Fast alle anderen, die grünen Strom beziehen wollen, sind auf sogenannte Herkunftsnachweise (HKN) angewiesen. Eine Studie zeigt die teilweise bizarren Folgen und sucht nach Auswegen.


Blick über den Windpark Straubenhardt und den Schwarzwald.
Windpark am Nordrand des Schwarzwaldes: Sieht aus wie erneuerbare Energie, aber Herkunftsnachweise gibt es dafür nicht. (Foto: Marco Verch/​Flickr, CC BY 2.0)

Das sonnige Ostern sorgte in der Bundesrepublik dafür, dass um die Mittagszeit deutlich mehr als die Hälfte des Stroms aus Solaranlagen kam. Leider wehte der Wind dieser Tage recht schwach, so mussten noch konventionelle Kraftwerke laufen. Wer deren fossilen oder atomaren Strom nicht will, steigt heutzutage auf einen der vielen Ökostrom-Tarife um.

Der Haken an der Sache: Real fließt aus der heimischen Steckdose immer der Strom aus dem nächstgelegenen Kraftwerk, egal welcher "Brennstoff" genutzt oder nicht genutzt wird.

Etwas technischer liest sich das in der Studie, die das Hamburg Institut kürzlich im Auftrag des Ökostrom-Unternehmens Lichtblick vorlegte. Weil sich der Strom im Stromnetz "selbst seinen Weg zum jeweils nächstgelegenen Ort der Nachfrage sucht", erfolge die Lieferung von Strom "nicht durch direkte Übergabe einer Ware von einem zum anderen, sondern über einen Pool: das gemeinsame Stromnetz, in das alle Erzeuger einspeisen und aus dem alle Kunden Strom entnehmen", heißt es in der Studie namens "Ökostrom 2025".

Nur in der Summe sei am Ende die erzeugte und verkaufte Strommenge aller Anbieter stets so groß wie der Verbrauch – obwohl der von den Kunden eingekaufte Strom "rein physikalisch ganz woanders verbraucht wurde".

Damit die Ökostromkunden sicher sein können, dass für ihren Tarif tatsächlich grüner Strom produziert wird, gibt es, führt die Studie weiter aus, die Herkunftsnachweise (HKN). Diese sollen dafür sorgen, dass erneuerbarer Strom auch den Anlagen zugeordnet werden kann, die grünen Strom erzeugen. Damit, so die Studienautoren, werde eine mehrfache Vermarktung desselben Grünstroms verhindert und mit dem Verkauf der Herkunftsnachweise könnten zusätzliche Erträge erwirtschaftet und den Kunden eben auch "reiner" Ökostrom angeboten werden.

Hiesige Ökostromanbieter dürfen keinen hiesigen Ökostrom anbieten

An dieser Stelle macht der deutsche Gesetzgeber den hiesigen Ökostromern jedoch einen dicken Strich durch die Rechnung. Denn Erzeuger erneuerbaren Stroms, die durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert werden, dürfen keine Herkunftsnachweise ausstellen. Der EEG-Strom wird zumeist über die Strombörse vermarktet, wo er zu sogenanntem "Graustrom" wird, einem Produkt recht unbekannter Herkunft.

Dennoch wird in Deutschland, konstatiert die Studie, immer mehr reiner Ökostrom verkauft. 2017 waren es schon 63 Milliarden Kilowattstunden, laut Studie knapp 15 Prozent der deutschen Stromabgabe. Und die Nachfrage nach Ökostrom steigt: 2017 haben schon fast 160 Anbieter ihren Haushalts- und Kleingewerbe-Kunden Tarife ausschließlich mit Ökostrom offeriert, wie die Studie angibt. Hinzu komme das zunehmende Interesse größerer Unternehmen, sich auch beim Strombezug ein grünes Image zuzulegen.

Strombilanz für E-Autos

Weil es beim Strom – anders als etwa bei Kraftstoffen – keine direkte physische Kopplung zwischen erzeugter und verwendeter Energie gibt, macht sich auch die neueste Agora-Energiewende-Studie zum Elektroauto Gedanken, wie man für eine Ökobilanz den eingesetzten Strom eigentlich berechnet.

 

Gängige Praxis sei derzeit, einfach einen Durchschnitts-Ländermix zu nehmen, schreiben die von der Berliner Denkfabrik beauftragten Autoren des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu). Steige aber zum Beispiel der Strombedarf durch E-Mobilität deutlich an, müssten für diese zusätzliche Nachfrage entweder neue Kraftwerke gebaut werden oder es kämen Kraftwerke zum Einsatz, die sonst nicht herangezogen worden wären, wie ältere Steinkohle- oder auch neue Gaskraftwerke. Es könnten sich aber auch – positive – Rückwirkungen auf die Erneuerbaren ergeben.

 

Gegenüber dem durchschnittlichen Strommix könne sich die Klimabilanz dadurch verschlechtern (Kohle), aber auch verbessern (Erneuerbare, Gas). Hier spiele auch die Tageszeit der Nachfrage eine Rolle. Ursache der Unsicherheiten sind laut den Autoren die komplexen Wechselwirkungen zwischen dem E-Automarkt, den Entwicklungen in anderen Sektoren sowie der Politik.

Fragt sich natürlich, wie der Trick funktioniert, aus "Graustrom" wieder reinen Ökostrom zu machen. Da kommen die Herkunftsnachweise wieder ins Spiel. Weil Ökostrom außerhalb des EEG in Deutschland, so die Studie, "quantitativ" keine Rolle spiele, müssten die Grünstromanbieter auf ausländische Herkunftsnachweise zurückgreifen, vor allem auf solche für Wasserkraft in Norwegen und Österreich.

Die Folgen dieses europaweiten HKN-Handels sind bizarr. So stammt der Strom, der bei norwegischen Kunden aus der Steckdose kommt, laut Studie zu 95 Prozent aus Wasserkraft. Weil die norwegischen Stromunternehmen ihre Herkunftsnachweise aber meistbietend verkaufen, weist die norwegische Stromkennzeichnung "mittlerweile überwiegend eine Stromherkunft aus fossilen Quellen" aus, wie die Autoren schreiben.

Vorschlag für Öko-Regionalstrom

Die deutschen Ökostrom-Kunden müssen für den Import von Herkunftsnachweisen jedes Jahr – über den Strompreis – einen zweistelligen Millionenbetrag zusätzlich berappen. Auf Deutschland entfielen laut der Studie 2017 kaum mehr als drei Prozent der europaweit ausgestellten Herkunftsnachweise, jedoch wurden 19 Prozent aller HKN hierzulande entwertet. Dadurch entstehe nun der "falsche Eindruck", Deutschland importiere seine Energiewende aus dem Ausland.

Erstaunlicherweise schlägt die Studie aber nicht die Abschaffung der Herkunftsnachweise vor und lehnt auch Versuche ab, jeder einzelnen Kilowattstunde eine physikalische "Geburtsurkunde" anzuheften, um sie nachverfolgen zu können. Allerdings könne es auch nicht bei der "scharfen Trennung" zwischen dem EEG-Strom und einem sogenannten "freiwilligen Ökostrommarkt" bleiben.

Für denkbar halten die Autoren zum Beispiel, neuen EEG-Anlagen zu gestatten, Herkunftsnachweise auszustellen, wenn sie den Ökostrom regional absetzen oder wenn die Einnahmen aus den Herkunftsnachweisen für neue Investitionen in Erneuerbare genutzt werden. Anstatt ins Ausland abzufließen, könnten die HKN-Einnahmen dann dazu dienen, die EEG-Kosten zu senken.

Dass das EEG einmal als veritables Hindernis für den Ausbau des Ökostroms ausgemacht wird – das hätte sich vor ein paar Jahren niemand so vorstellen können. Dass dies nicht die Erfinder des EEG zu verantworten haben, sondern seine späteren Novellierer, ist da nur ein schwacher Trost.

Redaktioneller Hinweis: Gero Lücking, Geschäftsführer von Lichtblick, gehört dem Kuratorium von Klimareporter° an.

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