Klimagerechtigkeit braucht Feminismus

Es geht nicht nur um Wälder und Eisbären, es geht um den Kern des Problems: Ausbeutung. Der Kampf für das Klima, für Umweltschutz und gerechten Zugang zu Ressourcen ist derselbe Kampf wie für Geschlechtergerechtigkeit.


Einige Frauen mit vielen Metallkannen vor einem Trinkwasserbrunnen im Süden von Bangladesch.
In Bangladesch ist Trinkwasser oft knapp. Der Anstieg des Meeresspiegels lässt das Grundwasser versalzen. Allein das Besorgen von Wasser kostet Frauen viele Stunden. (Foto: Verena Kern)

"Feminismus oder Tod" – so nannte Françoise d'Eaubonne 1974 das Werk, mit dem sie den Begriff Ökofeminismus prägte.

Extinction Rebellion, Ende Gelände, Fridays for Future – sie alle rebellieren gegen das Aussterben. Gegen den Tod.

Mit der Zerstörung von Wäldern, dem Verseuchen von Gewässern, Grundwasser und Böden und der Verschmutzung der Luft gefährden wir massiv die Lebensgrundlage von Mensch und Tier. Wir alle wissen das. Es steht außer Frage, dass wir für eine enkeltaugliche Zukunft ressourcenschonende, saubere Lösungen brauchen.

Aber was durchaus zur Frage steht, ist: Wie kriegen wir das hin?

Die heutige Klimagerechtigkeitsbewegung spielt mittlerweile eine zentrale Rolle in der Bekämpfung der Klimakrise. Ihre Innovation? Sie redet nicht nur von Umwelt und Natur.

Die Idee ist nicht neu, aber erst die heutige Klimagerechtigkeitsbewegung um Menschen wie Greta Thunberg und junge Aktivist:innen weltweit hat sie gesellschaftsfähig gemacht. Inzwischen ist klar: Die Klimakrise ist eine Geschlechterkrise.

Klimagerechtigkeit ist mehr als Umweltschutz

Es geht um Intersektionalität, das Zusammenspiel verschiedener sozialer Faktoren bei Diskriminierung und Benachteiligung. Wir können die Klimakrise nicht lösen, wenn wir nicht über den Umweltrand hinausdenken und die Ursachen dafür betrachten.

Es geht nicht nur darum, Wälder zu retten oder das Eis am Nordpol zu erhalten. Es geht darum, an den Kern des Problems zu gehen: Ausbeutung und Unterdrückung.

Die Ausbeutung von Natur und Umwelt funktioniert nach denselben Mechanismen wie die Ausbeutung gesellschaftlicher Minderheiten, sozial benachteiligter Menschen oder wirtschaftlich schwacher Regionen.

Zugunsten unseres Wirtschaftswachstums bedienen wir uns an natürlichen Ressourcen auf Kosten von Artenvielfalt und einer gesunden, sich selbst regenerierenden Umwelt.

Genauso nutzen wir die Arbeitskraft von Kindern, weiblich sozialisierten und anderen sozial benachteiligten Menschen in wirtschaftlich schwachen Regionen auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Rechte und Lebensgrundlagen.

Ökofeminismus bedeutet also nichts anderes, als dass wir aufhören, natürliche – inklusive menschliche – Ressourcen auszubeuten, und die Rechte von Mensch, Tier und Natur stärken.

Frauen sind in der Klimakrise stärker betroffen

In den meisten Haushalten der Welt sind Frauen für die Wasser- und Energieversorgung zuständig – zum Kochen, Heizen, Waschen und so weiter. Besonders in Ländern des globalen Südens, wie zum Beispiel Äthiopien oder Indien, aber auch in Osteuropa und dem Kaukasus sind Haushalte dabei stark auf Heizmaterialien auf Holzbasis angewiesen, und die Infrastrukturen dieser Regionen bieten häufig einen mangelhaften bis schlechten Zugang zu sauberem Wasser.

Dürre, Trockenheit und großflächige Abholzung von Wäldern erschweren die tägliche Arbeit von weiblich sozialisierten Menschen massiv. Weltweit gesehen sind Frauen häufiger als Männer in der Landwirtschaft tätig und haben somit unmittelbar mit der Vermeidung von Ernteausfällen zu kämpfen.

Genderrollen und die daraus folgende Aufgabenverteilung führen auch dazu, dass weiblich sozialisierte Menschen von Naturkatastrophen stärker betroffen sind als männlich sozialisierte. Unter den Opfern des Zyklons Sidr 2008 in Bangladesch waren beispielsweise 80 Prozent Frauen und Mädchen und nur 20 Prozent waren männlich kategorisiert.

Beim Erdbeben in Serbien 2010 wurden durch Erdrutsche Brunnen zerstört und das Wasser verseucht, was vor allem für Frauen eine Belastung bedeutete, da sie traditionell für die Wasserversorgung zuständig sind. Das Stereotyp von Frauen als Opfer wurde hier sogar noch verstärkt, indem die Regierung "tausend starke Männer" als Freiwillige anforderte und als Helden feierte. Frauenorganisationen, die sofort Unterstützung in betroffenen Krisenregionen leisteten, wurden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Weiblich sozialisierte Menschen haben tendenziell weniger Möglichkeiten sich zu schützen, da sie oftmals erschwerten Zugang zu Informationen, weniger finanzielle Mittel und weniger Mitspracherecht haben.

Weltweit gesehen sind beispielsweise nur 20 Prozent des Landbesitzes in Frauenhand. Auf der anderen Seite werden mancherorts bis zu 80 Prozent der Lebensmittel von Frauen produziert. Die meisten Landwirtinnen arbeiten also auf den Feldern ihrer Ehemänner, Väter und Brüder.

Genauso sind Frauen in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsgremien meist unterrepräsentiert und haben dadurch oft nicht die Möglichkeit mitzuentscheiden, wenn es um gesetzliche Beschränkungen von Giftstoffen oder Regelungen zum Wasser- und Energiezugang geht.

Die (Gender-)Rolle des globalen Nordens

Auch im globalen Norden ist beim Klima- und Umweltschutz eine Ungleichheit zu beobachten. Auch hier sitzen überwiegend männlich sozialisierte Menschen in Entscheidungsgremien. Beispielsweise liegt die Vorstandsquote von großen börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen in Deutschland im Jahr 2019 bei gerade mal 8,5 Prozent.

Porträtaufnahme von Julika Zimmermann.
Foto: privat

Julika Zimmermann

wurde 1990 in Stuttgart geboren und studierte Germanistik an der Universität München. Sie ist Aktivistin in der Klimagerechtigkeitsbewegung und arbeitet bei der feministischen Umweltorganisation Women Engage for a Common Future (WECF) in München. 

Dazu kommt, dass Frauen in Deutschland etwa 20 Prozent weniger Einkommen haben als Männer. Und das Einkommen hängt mit der Größe des eigenen CO2-Abdrucks zusammen.

Heißt: Wir im globalen Norden verursachen pro Kopf viel mehr CO2 als der globale Süden. Und männlich sozialisierte Menschen produzieren im Schnitt mehr CO2 als weiblich sozialisierte.

Warum? Um ihrer Geschlechterrolle gerecht zu werden, fahren sie die größeren Autos, fahren mehr und schneller, benutzen mehr elektronische Geräte und essen mehr Fleisch. Und weiblich sozialisierte Menschen? Diese nehmen nach wie vor oft den größeren Teil der Sorgearbeit auf sich und kümmern sich um Familie und Haushalt.

Das bedeutet, dass auch der Mehraufwand, den eine nachhaltige Haushaltsführung mit sich bringt, ihnen zufällt: Plastikgebrauch reduzieren, Öko-Shampoo selbst herstellen und der Vollverwertung wegen sogar aus Karottengrün noch Pesto machen.

Dazu kommt, dass die moderne Frau des globalen Nordens zusätzlich noch einem Beruf nachzugehen hat. Klima- und Umweltschutz ist also in jedem Fall eine feministische Angelegenheit.

Das Problem sind nicht die Männer, sondern das Patriarchat

Die genannten Probleme sind weder die Schuld der Männer noch die Schuld von Frauen oder irgendeines anderen Geschlechts. Das Problem liegt in Geschlechterrollen, mit denen wir gleichermaßen von Geburt an sozialisiert werden.

Wer sich also für welches Auto – oder überhaupt für ein Auto – entscheidet, hat selten etwas mit angeborenen persönlichen Vorlieben zu tun, sondern damit, welchen gesellschaftlichen Erwartungen wir ausgesetzt sind.

Viele Männer haben keine Lust mehr auf Mackertum und dominante Verhaltensweisen. Sie fühlen sich eher zu einer Form von Männlichkeit hingezogen, die auch Fürsorge, Sanftmut und Zurückhaltung zulässt – Eigenschaften, die bisher eher Frauen zugeschrieben wurden.

Um zu ermöglichen, dass wir die Eigenschaften leben können, die wir leben wollen und nicht jene, die uns aufgrund eines Geschlechts zugeordnet werden, braucht es uns alle. Es braucht einen Wertewandel. Darum betrifft Ökofeminismus uns alle.

Ökofeminismus bedeutet, ein Gleichgewicht herzustellen und den patriarchalen Vorstellungen aller Formen von Unterdrückung zu trotzen. Und zwar nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen allen Unterdrückten und Unterdrückenden: zwischen Cis-Männern und FLINT, zwischen Arm und Reich, zwischen "Weiß" und BIPoC und auch zwischen Mensch und Natur.

Der Kampf für das Klima, Umweltschutz und gerechten Zugang zu Ressourcen ist derselbe Kampf wie für Geschlechtergerechtigkeit. Er nimmt nur verschiedene Formen an.

Die Welt wird leben – wenn wir sie lassen

Wir brauchen Entscheider:innen in der Politik, die das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen und den Lösungen für eine nachhaltige Welt mehr Bedeutung beimessen als einem destruktiven Wachstumsgedanken.

Wir brauchen Menschen in der Wirtschaft, die sicherstellen, dass Unternehmen das Vorsorgeprinzip befolgen und keine schädlichen Chemikalien auf den Markt bringen, Saatgut nicht patentieren lassen oder Wasser privatisieren.

Wir brauchen Regierungen, die saubere, dezentrale Energie ernsthaft voranbringen und eine Kreislaufwirtschaft organisieren. Wir brauchen Politiker:innen, die den Zugang zu sauberem Wasser, zu Energie und Medikamenten sicherstellen. Nur so können wir Lücken der Ungleichheit schließen.

Ökofeminismus hilft uns dabei, strukturelle Hindernisse zu erkennen, die zwischen uns und einer geschlechtergerechten Welt mit einer gesunden Umwelt stehen, und gibt uns die Werkzeuge an die Hand, mit denen wir diese Hindernisse überwinden können.

Als Organisation, die sich für eine gesunde und gerechte Welt einsetzt, ist Women Engage for a Common Future bewusst, dass diese Werkzeuge vielfältig sein müssen. Es bedarf individueller Lösungsansätze je nach Problem, Region und jeweiligen sozialen und kulturellen Gegebenheiten.

Die Welt wird leben. Denn wir sehen unsere Verantwortung darin, die demokratischen Mittel, die uns (noch) zur Verfügung stehen, anzuwenden, um auf Entscheider:innen einzuwirken. Genauso sehen wir unsere Verantwortung darin, uns unseres eigenen Handlungsspielraums bewusst zu werden und diesen zu nutzen. #reclaimökofeminismus – und die Welt wird leben.

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