Indien setzt auf Kohle

Indien hat gigantische Kohleprojekte in sein Corona-Krisenpaket aufgenommen. Betroffen sind viele wertvolle Waldflächen und die dort lebende indigene Bevölkerung. Zwar sind Solarparks inzwischen billiger, doch die Kohlebranche ist mit der politischen Führung verbandelt.


Weidende Rinder zwischen Mauern, im Hintergrund ragt ein riesiges Kohlekraftwerk aus dem Dunst.
Bewachte Mauern halten Dorfbewohner und ihre Weidetiere fern: Adani-Kohlekraftwerk Mundra mit Industriepark. Hier im indischen Bundesstaat Gujarat begann der Aufstieg von Kohlemagnat Adani und Premier Modi. (Foto: Ariane Wilkinson/​Flickr)

Indien gibt gerne den Vorreiter der erneuerbaren Energien. Es kürzlich hat Premierminister Narendra Modi im Bundesstaat Madhya Pradesh das größte Solarkraftwerk Asiens mit 750 Megawatt Spitzenleistung eingeweiht. Die Photovoltaik sei "sure, pure and secure" (etwa: verlässlich, sauber und sicher), sagte Modi.

Doch gleichzeitig versucht die Regierung, auch der darbenden Kohlebranche im Land einen neuen Push zu geben. Nicht weniger als 40 neue Kohlegruben sind geplant, für die 170.000 Hektar Wälder gerodet werden sollen – eine Fläche tausendmal so groß wie der Hambacher Forst im Rheinischen Braunkohlerevier. Das gesamte Vorhaben ist zunehmend umstritten. 

Die Elektrizitätsversorgung des Riesenlandes mit seinen über 1,3 Milliarden Einwohnern beruht noch zum größten Teil auf Kohle. Allerdings ging die Kohleverstromung wegen der Corona-Krise deutlich zurück, um bis zu 30 Prozent.

Teil des von der Regierung in Neu-Delhi aufgelegten Corona-Wiederaufbauprogramms (Titel: "Eigenständiges Indien") sind gigantische Kohleprojekte im Zentrum und im Osten des Landes. Als Ziele nennt die nationalkonservative Modi-Regierung, man wolle Indiens Abhängigkeit von Energieimporten verringern und die ökonomische Entwicklung in den betreffenden Regionen vorantreiben.

Abbauflächen werden versteigert

Indien öffnet mit dem Megaprojekt den bisher staatlichen Kohlebergbau auch für die Privatwirtschaft. Im Juni startete die Regierung die Versteigerung der geplanten Abbauflächen. Sie hofft, dass damit Hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

"Die Menschen in diesen Bezirken streben nach Entwicklung", sagte Modi. Es gebe dort "riesige Kohlevorräte", aber die Menschen könnten bisher nicht von diesem Rohstoffreichtum profitieren. Der Premier kündigte an, das Land werde umgerechnet 6,5 Milliarden US-Dollar für neue Kohleinfrastruktur ausgeben, und versprach: "Zusätzliche Einnahmen durch Kohleproduktion werden für öffentliche Wohlfahrtssysteme verwendet."

Zu den Interessenten für die Minen gehören Industriegiganten wie die Adani-Gruppe, die Indiens größte Kohlekraftwerke betreibt und deren Chef Gautam Adani enge Beziehungen zu Modi unterhält.

Eine ganze Reihe der geplanten Kohletagebaue liegt in ökologisch sehr wertvollen Wäldern, betroffen sind zudem Siedlungsgebiete von indigenen Gruppen. Die Pläne treffen daher lokal, aber auch überregional auf Protest. Vier betroffene Bundesstaaten kritisierten die Pläne.

Teils wurden daraufhin die geplanten Abbauflächen räumlich verschoben, eines der ursprünglich 41 Abbauprojekte wurde auch ganz fallen gelassen, da es sich mit einem bestehenden Tigerreservat überschnitten hätte. Für die restlichen Flächen läuft das Auktionsverfahren weiter.

Zu den prominenten Kritikern der Kohlepläne gehört auch der ehemalige Umweltminister Jairam Ramesh von der oppositionellen Kongresspartei. Er attackierte den Premier: "Modi gibt vor der Welt den großen Umweltchampion, aber seine Erfolgsbilanz besteht darin, die Umweltgesetze und -vorschriften komplett aufzuweichen."

Kohle nicht mehr billiger

Experten halten es unterdessen für fraglich, dass die Strategie der Regierung voll aufgehen wird. Indien ist nach China zwar weiterhin der zweitgrößte Kohleverbraucher der Welt und importierte in Vor-Corona-Zeiten jährlich rund 250 Millionen Tonnen des klimaschädlichen Brennstoffs, unter anderem aus Australien.

Aufgrund der stark gesunkenen Kosten für die Ökoenergien ist es aber gerade im sonnenreichen Indien inzwischen billiger, Strom mit Sonne oder Wind zu erzeugen statt mit Kohle. Laut einer Analyse des US-Forschungsinstituts Ieefa stellten erneuerbare Energien im Geschäftsjahr 2019/20 mehr als zwei Drittel der neu installierten Stromkapazitäten in Indien.

Experten erwarten zudem, dass der Strombedarf im Land in den nächsten fünf Jahren wegen der Corona-Folgen um bis zu 15 Prozent niedriger liegen wird als vor der Krise. Ein aktueller Bericht des umweltorientierten Energieforschungszentrums Crea mit Sitz in Helsinki zeigt, dass die vorhandenen Kapazitäten der staatlichen indischen Kohleminen mehr als ausreichend sind, um den für 2030 erwarteten Kohlebedarf zu decken.

Nächste Woche soll bekannt gegeben werden, wie viele Unternehmen Gebote in der Kohle-Auktion abgegeben haben.

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