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Grüner Wasserstoff als Knebelenergie

Ein Verbändebündnis legt Forderungen zu grünem Wasserstoff in künftigen Exportländern vor. Die G7‑Staaten sollen eine "Taskforce" für nachhaltigen Handel mit dem Energieträger einrichten.


Grünlich gefärbte Wasserstoffmoleküle bewegen sich im Raum.
Werden sich die Probleme, die fossile und andere Rohstoffimporte verursachen, mit grünem Wasserstoff fortsetzen? (Foto: Corona Borealis/​Shutterstock)

Fossile Energien sind hochproblematisch, gerade im Zusammenhang mit Russlands Angriffskrieg. Der Chefin der Klima-Allianz Deutschland, Christiane Averbeck, fielen am Mittwoch drei Gründe ein, warum echter Klimaschutz auch eine Antwort auf den Putinschen Krieg ist.

Erstens könne ein Schub für mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien den fossilen Bedarf senken. Zweitens wäre eine Zusicherung der G7‑Staaten, in der Stromerzeugung bis 2035 aus Kohle, Öl und Gas auszusteigen, eine Antwort auf Russlands Krieg, betonte Averbeck bei einer Veranstaltung in Berlin.

Als eine dritte mögliche Antwort führte sie die klimaschädlichen Subventionen an. Diese möchte die Klima-Allianz, die 140 zivilgesellschaftliche Organisationen vereint, bis 2025 beendet sehen. Die meisten dieser staatlichen Gelder subventionierten den Verbrauch fossiler Energieträger, von denen noch ein erheblicher Teil aus Russland stamme, sagte Averbeck.

Als Ersatz für die Fossilen rangiert ganz oben in der Liste grüner Wasserstoff, der mit Wind- und Sonnenstrom aus Wasser hergestellt wird. Laut der Klimaneutralitätsstudie der bundeseigenen Deutschen Energieagentur (Dena) wird grüner Wasserstoff 2045 mit mehr als 220 Milliarden Kilowattstunden rund 15 Prozent des deutschen Energieverbrauchs decken.

Zusätzlich werden, prognostiziert die Dena-Studie weiter, 130 Milliarden Kilowattstunden Wasserstoff zur Rückverstromung als "Backup" eingesetzt. Hinzu kommen 105 Milliarden Kilowattstunden in der Industrie für nicht-energetische Verwendungen.

Zum Vergleich: 2021 wurden in Deutschland etwas mehr als 230 Milliarden Kilowattstunden grüner Strom erzeugt. Würde diese Strommenge vollständig in Wasserstoff umgewandelt, ginge dabei auch noch rund die Hälfte der Energie verloren.

Der künftige Bedarf an dem Stoff lässt sich daher auch nach Ansicht der Dena auf keinen Fall aus heimischen Quellen decken. Darauf stellt sich die Politik bereits ein. So treiben Deutschland und Australien seit 2020 mit Millionenaufwand eine Wasserstoffkooperation voran.

Wer profitiert in den Lieferländern?

Große Teile der Politik, der Industrie und der Medien stellten dabei den Wasserstoffexport ausschließlich als Chance für die Erzeugerländer dar, kritisierte am Mittwoch nicht nur die Klima-Allianz, sondern ein noch breiteres Bündnis aus Klima-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sowie der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Die Risiken – wie negative Klimawirkungen, zerstörte Ökosysteme, illegale Landnahme und Vertreibung – würden dabei fast gänzlich ausgeblendet.

Diese Risiken verschärften sich noch, so das Bündnis, wenn Industriestaaten zu stark auf Importe setzen und die eigene Produktion vernachlässigen – und Projekte in anderen Ländern unter dem Druck stehen, das Angebot schnell ausweiten zu müssen.

Bildlich gesprochen: Im Endeffekt ist für Länder, die den Wasserstoffhunger der Industrieländer stillen sollen, der grüne Wasserstoff dann möglicherweise gar keine "Freiheitsenergie", sondern eher eine Knebelenergie.

Beim grünen Wasserstoff dürften die Fehler der fossilen Wirtschaft – Abhängigkeit von autoritären Staaten, massive Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen in den Förderländern – nicht wiederholt werden, verlangte Christiane Averbeck von der Klima-Allianz. Von Anfang an müsse die grüne Wasserstoffwirtschaft nachhaltig und gerecht gestaltet werden.

Das Verbändebündnis legte dazu erstmals einen gemeinsamen Katalog mit Nachhaltigkeitskriterien für die Herstellung grünen Wasserstoffs in den Exportländern vor.

Zu den Kriterien gehört eine Zertifizierung des grünen Wasserstoffs, die die gesamten Treibhausgasemissionen berücksichtigt. Der Energieträger solle vor allem dazu beitragen, Energiearmut zu überwinden und die Versorgung vor Ort zu sichern. Die Anlagen für den Wasserstoffexport müssten zusätzlich zu denen gebaut werden, mit denen das jeweilige Land seine internationalen Klimaziele erfüllt.

Der Wasserstoffexport dürfe auch die lokale Wasserversorgung nicht gefährden. Zwangsumsiedlungen oder illegale Landnahme, um Windräder oder Solaranlagen für Wasserstoff zu bauen, seien auszuschließen. Land-, Weide- und Wassernutzungsrechte lokaler und indigener Gemeinschaften müssten respektiert werden.

Heimische Erzeugung mit Offshore-Windkraft

Das Verbändebündnis forderte die deutsche G7‑Präsidentschaft auf, den Gipfel der sieben wichtigsten Industrieländer Ende Juni im oberbayerischen Schloss Elmau zu nutzen, um eine "Taskforce" für den nachhaltigen Handel mit grünem Wasserstoff einzurichten.

Bei der Bundesregierung hätten sie dieses Anliegen schon vorgebracht, erklärten die Verbände am Mittwoch. Das Forderungspapier stelle eher den Beginn eines Diskurses mit den zuständigen Ministerien dar.

Das Verbändebündnis legt den Schwerpunkt auf eine künftige heimische wie europäische Erzeugung von grünem Wasserstoff. Potenziale gebe es dafür vor allem mit dem Ausbau der Offshore-Windkraft, betonte Sascha Müller-Kraenner, Chef der Deutschen Umwelthilfe. Dennoch bleibe eine Differenz, die durch Wasserstoff-Importe ausgeglichen werden müsse.

Die Dena-Studie rechnete übrigens damit, dass der grüne Import-Wasserstoff künftig vor allem per Pipeline ins Land kommt. Die Lieferungen sollten sowohl aus der EU als auch aus Nordafrika, der Türkei sowie aus Russland und der Ukraine kommen, heißt es in der letztes Jahr veröffentlichten "Leitstudie".

Zumindest die beiden letztgenannten Länder würden die Fachleute jetzt wohl nicht mehr in die Liste der Wasserstofflieferanten aufnehmen. Auch in dieser Hinsicht verschiebt der Angriffskrieg bisher Geltendes.

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