"Im Wasserstoffrat haben wir eklatante Differenzen"

Der Nationale Wasserstoffrat hat einen Fahrplan zur Umsetzung der Wasserstoffstrategie beschlossen. Die Umweltverbände BUND und Klima-Allianz gaben gemeinsam ein Sondervotum ab, weil sie den Einsatz von fossilem Wasserstoff und von Erdgas ablehnen, erläutert Klima-Allianz-Geschäftsführerin Christiane Averbeck im Interview.


Erdgasbohrung: Förderturm von unten gesehen.
Erdgas-Bohrung: Aus fossilem Gas gewonnener Wasserstoff wird als "Brückentechnologie" verkauft. (Foto: Anita Starzycka/​Pixabay)

Klimareporter°: Frau Averbeck, der Nationale Wasserstoffrat – ein Beratungsgremium der Bundesregierung – hat heute einen Wasserstoff-Fahrplan beschlossen, der noch nicht veröffentlicht ist. Sie tragen den Beschluss mit, haben aber namens der Klima-Allianz Deutschland ein Sondervotum abgegeben. Warum?

Christiane Averbeck: Im Wasserstoffrat haben wir im Grundsatz eine gute Arbeitskultur entwickelt. Die Mitglieder haben zwar sehr unterschiedliche institutionelle Hintergründe, sie sind aber in vielen Punkten aufeinander zugegangen.

Eklatante Differenzen gibt es aber, was den Einsatz von fossilem Wasserstoff sowie von Erdgas als 'Brückentechnologie' angeht. Mit unserem Sondervotum machen wir das auch im nun beschlossenen "Fahrplan Wasserstoff" sichtbar.

Wir empfehlen der nächsten Bundesregierung, sämtliche Fördermittel auf die Erzeugung von grünem, mit erneuerbaren Energien hergestelltem Wasserstoff zu konzentrieren. Wenn wir schnellstmöglich ein klimaneutrales Energiesystem erreichen wollen, brauchen wir hier eine eindeutige Priorisierung. Das will die Klima-Allianz gemeinsam mit dem BUND durch das Sondervotum zum Ausdruck bringen.

Die 27 Mitglieder des Wasserstoffrates vertreten nicht nur Unternehmen, die sich von einer Wasserstoffwirtschaft neue Geschäfte versprechen, es sind auch renommierte Umwelt-Wissenschaftler dabei. Haben die Ihre Position nicht geteilt oder zumindest unterstützt?

Die Mitglieder des Wasserstoffrates haben schon eine gemeinsame Zukunftsvision: ein klimaneutrales, wasserstoffbasiertes Energiesystem. Wie schnell dieses zu erreichen ist und welche Kompromisse eingegangen werden müssen, um der Industrie den Übergang in eine grüne Wasserstoffwirtschaft zu ermöglichen – darüber gehen die Ansichten auseinander.

Wir sind davon überzeugt, dass wir den direkten Weg mit grünem Wasserstoff wählen sollten. Andere sind diesbezüglich skeptischer.

Grüner Wasserstoff gilt inzwischen als "Rohstoff" für eine Wirtschaft und ein Leben, bei dem die fossilen Brennstoffe durch klimaneutrale ersetzt werden und sich Wesentlichen nichts ändern muss. Was haben Sie gegen so eine Lösung?

Klar ist: Auch in einer Wasserstoffwirtschaft können wir nicht aufhören, Energie effizienter zu nutzen. Außerdem kommen wir schneller ans Ziel, wenn wir weniger fliegen und möglichst aufs Auto verzichten.

Die Diskussion über das noch knappe Gut grüner Wasserstoff zeigt doch, dass wir uns weiter über andere Konsum- und Verhaltensmuster unterhalten müssen.

Wobei es aber möglichst bleiben sollte, das sind die guten und sicheren Industriearbeitsplätze. Viele Wirtschaftszweige werden sich durch den Klimaschutz verändern und anpassen müssen. Ich verstehe auch deren Anliegen, durch Investitionen in eine klimaneutrale Industrie Wertschöpfungsketten zu modernisieren und zu erhalten.

Stecken die Klimaschützer beim Wasserstoff nicht in einem Dilemma? Schon jetzt ist doch ziemlich klar, dass es 2030 in Deutschland nicht genügend Ökostrom geben wird, um die nötigen Mengen an grünem Wasserstoff herzustellen. Was bleibt da anderes übrig als Zwischenlösungen wie "blauer" Wasserstoff oder Erdgas, die die CO2-Emissionen immerhin deutlich senken?

Porträtaufnahme von Christiane Averbeck.
Foto: Klima-Allianz

Christiane Averbeck

ist Geschäfts­führerin der Klima-Allianz Deutschland, eines breiten Bündnisses von rund 140 Organisationen aus allen Bereichen der Zivil­gesellschaft. Die promovierte Biologin arbeitete zuvor in Projekten der Entwicklungs­zusammen­arbeit in Ghana, Uganda und Simbabwe, forschte zur Umwelt­verschmutzung in der Nordsee, war beim Rat für Nachhaltige Entwicklung tätig und engagierte sich in einem Trainings­programm zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Seit Juni 2020 ist sie Mitglied des Nationalen Wasserstoff­rates.

Das hängt ganz davon ab, welchen Wasserstoffbedarf Sie als notwendig definieren. Wenn großflächig versucht wird, mit dem Einsatz synthetischer Kraftstoffe den Verbrennungsmotor zu retten, wird dafür Ökostrom aus Deutschland sicher nicht reichen.

Bei einer klaren Fokussierung der Anwendungen, beispielsweise auf die Stahlindustrie, könnte Deutschland aber durchaus in der Lage sein, selbstständig die ersten Schritte in die Wasserstoffwirtschaft zu gehen.

Im Wasserstoffrat sind wir uns einig, dass die von der jetzigen Bundesregierung für 2030 angekündigten 5.000 Megawatt Elektrolysekapazität nicht ausreichen. Verdoppeln wir diese auf 10.000 Megawatt, sollte es möglich sein, den für 2030 in der Stahlindustrie erwarteten Bedarf an grünem Wasserstoff von 20 Milliarden Kilowattstunden zu decken.

In einem am Mittwoch veröffentlichten Positionspapier begrenzt Ihre Organisation den Einsatz von Wasserstoff auf die wirklich unverzichtbaren Bereiche in der Industrie, im Fern- und Schwerlastverkehr sowie für Schiffe. Selbst die dafür nötigen Mengen Wasserstoff kann Deutschland aus heutiger Sicht nicht selbst herstellen. Wie lässt sich das Problem lösen?

Auf lange Sicht wird es einen internationalen Handel mit grünem Wasserstoff geben. Das ist unstrittig. Entscheidend ist, ihn in nachhaltige Bahnen zu lenken. Dazu müssen in Deutschland selbst vorbildliche Erzeugungsstrukturen geschaffen werden, um diese dann auch in die Entwicklung europäischer Standards einfließen zu lassen.

Das wird sicher ein paar Jahre dauern – für die oft angeführte These, dass sich auf internationale Quellen schneller zugreifen lässt, fehlt bislang der Beleg. Die angedachte deutsche Kooperation mit Marokko hat ja eher aufgedeckt, dass der Eigenbedarf möglicher Erzeugerländer auf absehbare Zeit gar keinen Spielraum für Exporte lässt.

Wer bis 2030 größere Mengen an grünem Wasserstoff haben will, muss sich wohl selbst helfen.

Nach dem Vorbild der Kohlekommission hatte die Gründung solcher Kommissionen, in denen die Umweltbewegung mitwirkt, regelrecht Konjunktur. Aber sowohl in der Kommission zur Zukunft der Landwirtschaft als auch hier beim Wasserstoff erscheint die Beteiligung von Umwelt- und Klimaschützern eher als Feigenblatt. Sollte die Beteiligung an solchen Gremien nicht einmal grundlegend überdacht werden?

Das lässt sich schwer allgemein beantworten, weil jedes dieser Gremien einen anderen Auftrag und eine andere Struktur hat. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, unterschiedliche Verbände und Institutionen miteinander ins Gespräch zu bringen, um daraus als Bundesregierung Erkenntnisse zu gewinnen.

Entscheidend dafür ist aber, dass die unterschiedlichen Interessengruppen auch einen gleichen Einfluss auf die Arbeit der Gremien haben. Eine strukturelle Mehrheit der Industrie und industrienaher Institutionen wie im Wasserstoffrat untergräbt das Potenzial einer besser strukturierten und pluralen politischen Willensbildung. Die neue Bundesregierung sollte die Arbeit des Wasserstoffrates deshalb evaluieren und gegebenenfalls reformieren.

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