Das Megawatt-Puzzle

Bald nun soll die Strukturwandel-Kommission liefern – vor allem einen Vorschlag, wie Deutschland den Kohle-Ausstieg angehen kann. Die Aufgabe gleicht einem riesigen Puzzle. Aber nicht alle Teile passen zusammen und einige liegen nicht einmal auf dem Tisch.


Rheinbraun-Bagger 255 im Tagebau Inden und dem Kraftwerk Eschweiler im Hintergrund.
Solange die Braunkohlekraftwerke laufen, holen die Bagger Kohle aus der Erde: Tagebau Inden und Kraftwerk Eschweiler im Rheinland. (Foto: Spyridon Natsikos/​Wikimedia Commons)

Wer Logiken des Wenn–Dann mag, ist derzeit in den Arbeitsgruppen der Kohle-Kommission vermutlich gut am Platze. Besonders beliebt sind die Ursache-Wirkungs-Beziehungen dieser Art: Wenn wir soundsoviel Megawatt Kohlestrom vom Netz nehmen, dann sparen wir soundsoviel Millionen Tonnen CO2-Emissionen ein. 

Einige Kostproben gefällig? Wenn Deutschland stufenweise über vier Jahre 2.700 Megawatt Braunkohle in die Reserve schickt, werden nach den neuesten Angaben rund 11,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Die Erdgasbranche rechnete neulich – aufgeschreckt durch die Krise das Gasstroms – vor, dass die Abschaltung weiterer 5.000 Megawatt Braunkohle rund 30 Millionen Tonnen CO2 einsparen würde – jährlich ab 2023. Würden 9.000 Megawatt abgeschaltet, läge das Minus sogar bei rund 60 Millionen Tonnen.

Die zurzeit am meisten diskutierte Wenn-dann-Rechnung brachten jüngst die Umweltverbände in die Kohlekommission ein: Die Abschaltung von 16.000 Megawatt Braun- und Steinkohle, jeweils etwa zur Hälfte, könnte die Emissionen im Land um bis zu 100 Millionen Tonnen CO2 jährlich senken. Das würde dem deutschen Klimaschutz vermutlich ganz gut tun.

Schon bei der Verbände-Rechnung ist nicht ganz klar, ob die 100 Millionen Tonnen allein durch das Aus für die fossilen Kraftwerke erreicht werden oder ob da noch mehr getan werden muss. All die Prognosen besagen allerdings, dass die wegfallende Braunkohle nicht eins zu eins durch Ökostrom ersetzt wird oder linear CO2 einspart. Dazu ist das Ganze viel zu verwoben und hängt von Faktoren ab, die mit Stromwirtschaft herzlich wenig zu tun haben.

Lange Liste der Unwägbarkeiten

So ist gar nicht klar, wie viel erneuerbarer Strom in den nächsten Jahren wirklich neu an Netz geht und abgeschaltete Kraftwerke ersetzen kann. Die Koalition tut hier ja alles, um den Ökostrom zurückzustutzen. 2020 und 2021 läuft auch für mehrere tausend Megawatt Windstrom die EEG-Förderung aus. Die Anlagen könnten dann gezwungen sein, außer Betrieb zu gehen, wenn der Strompreis an der Börse wieder unter vier Cent je Kilowattstunde sinkt. 

Wegen der sich verteuernden Emissionszertifikate gehen viele Forscher davon aus, dass sich der Strom an der Börse nächstes Jahr um ein bis zwei Cent pro Kilowattstunde verteuert und damit auch der ungeförderte Wind- oder der teurere Gasstrom eine Chance bekommt.

Schmiert aber die Weltkonjunktur ab – aus welchem Grund auch immer – und sinkt auch in Deutschland der Strombedarf deutlich, wären zumindest für Großverbraucher steigende Strompreise passé und die verbliebenden Kohleanlagen oder die eigenen Kraftwerke der Industrie wären wieder obenauf. Auch hier würde wieder die Steinkohle profitieren, denn die hiesige Braunkohle ist schon, wie die Studie der Gasbranche ausweist, zu 78 Prozent ausgelastet – viel mehr geht da nicht.

Damit nicht der Braunkohlestrom fatalerweise durch Steinkohlestrom ersetzt wird, werden in den einschlägigen Megawatt-Puzzles auch diese Anlagen aus dem Markt genommen. Die Abschaltung tausender Megawatt Steinkohle trifft allerdings fast ausschließlich den Westen des Landes, weil im Osten nur in Rostock ein nennenswertes Kraftwerk vorhanden ist.

Wird dann aus regionalpolitischen Erwägungen (strukturschwache Lausitz!) im Westen auch noch mehr Braunkohle abgeschaltet, kann man schon zum Eindruck kommen, dass der rheinischen Region "der Stecker gezogen" werden soll.

Natürlich kann man es dem Steinkohlestrom auch durch eine CO2-Steuer erschweren, seinen Markt auszuweiten – die Frage ist dann aber nicht nur, in welcher Höhe so eine Steuer politisch durchsetzbar ist, sondern auch, ob die Kohlekraftwerke ihren Strom an der Börse dennoch loswerden – entweder weil die Unternehmen auch Verluste in Kauf nehmen oder weil der Börsenpreis in den nächsten Jahren aufgrund steigenden Strombedarfs (E-Mobilität! Power-to-X!) in ungeahnte Höhen steigt.

Und der Ausbau des Ökostroms wird, das wissen wir ja nun, erstmal ein bisschen vor sich hindümpeln. Wobei allerdings auch gilt: Bei hohen Strompreisen werden nicht nur die Grünstrom-Anlagen am Netz bleiben, deren EEG-Zuschuss wegfällt – es wird sich auch lohnen, ungefördert Solar- und Windstrom in die Landschaft zu setzen, sofern letztere vorhanden ist.

Die Liste der Unwägbarkeiten lässt sich nahezu beliebig verlängern. Man kann sich jetzt schon lebhaft vorstellen, wie Lobbyisten aller Couleur jedweden Kohleausstiegs-Pfad auseinandernehmen werden. Um die Aufgabe, ein verlorenes Regierungsjahrzehnt in wenigen Monaten aufholen zu müssen, ist die Kohle-Kommission wirklich nicht zu beneiden. Dass man sich da auch mal anbrüllt, wie jüngst kolportiert wurde, muss da eigentlich schon zum guten Ton gehören. Einfache Wenn-dann-Beziehungen gibt es eben nicht.

Eines wissen wir allerdings mit Sicherheit: Ein Nicht-Ausstieg ist keine Alternative.

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