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Energiewende nicht ohne Importe

Industrievertreter fordern, heute schon mögliche Importe von synthetischen Brennstoffen vorzubereiten. Dafür sei es nötig, die Technologien weiterzuentwickeln, hochzuskalieren und dadurch günstiger zu machen. Umweltverbände wollen erst einmal die Energiewende in Deutschland vorantreiben.


Lufthansa Flugzeug
Flugzeuge sind ein Grund, warum man nicht vollständig auf Brennstoffe wie Kerosin verzichten kann – dann aber mit Ökostrom aus CO2 und Wasser hergestellt. (Foto: Lapping/Pixabay)

Das 95-Prozent-Ziel ist zu schaffen. Zu dem Ergebnis war die Leitstudie der Deutschen Energie-Agentur (Dena) vom Juni dieses Jahres gekommen. Allerdings: In dem Szenario, das die Dena für die 95-prozentige Dekarbonisierung bis 2050 bevorzugt, müssen synthetische Kraftstoffe in großen Mengen aus anderen Ländern importiert werden.

Der Weltenergierat Deutschland, in dem laut eigener Aussage "das gesamte Energiesystem Deutschlands" vertreten ist, fordert jetzt, diese Importe möglichst schnell vorzubereiten.

"Ambitionierte Klimaziele sind nur erreichbar, wenn erneuerbare Energien nicht allein direkt als Strom genutzt werden, sondern auch als Gas oder flüssiger Brennstoff speicherbar sind", sagt Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierats Deutschland und Abteilungsleiter für Energie- und Klimapolitik beim Industrieverband BDI.

Man müsse sich systematischer mit der Entwicklung von synthetischen Kraftstoffen und den dazu nötigen sogenannten Power-to-X-Verfahren beschäftigen. Der Weltenergierat, zu dessen Mitgliedern Öl-, Gas- und Kohlekonzerne, aber auch Netzbetreiber und Industriekonzerne gehören, hat dazu heute einen Report vorgelegt.

Für Power-to-X-Kraftstoffe lässt sich vorhandene Infrastruktur nutzen

Kernergebnis: Damit Kraft- und Brennstoffe aus Power-to-X in Deutschland genutzt werden können, sollte zunächst die Technologie weiterentwickelt und hochskaliert werden, um die Kosten zu reduzieren. Darüber hinaus müssten gleiche Wettbewerbsbedingungen für synthetische Kraftstoffe gegenüber konventionellen geschaffen werden, so das Papier.

Zu den "grünen" Brennstoffen zählt das Kölner Wirtschaftsberatungsunternehmen Frontier Economics, das den Report zusammen mit 17 großen Unternehmen und Verbänden verfasst hat, Wasserstoff, Ammoniak, Methan, Methanol, Diesel, Benzin und Kerosin, die mithilfe von erneuerbarem Strom erzeugt wurden.

Warum Power-to-X nötig ist, begründet das Papier so: Erstens kämen einige Sektoren nicht ohne Brennstoffe mit hoher Energiedichte aus. Dazu gehörten der Flug- und Schiffsverkehr sowie Bereiche der Industrie, in denen hohe Temperaturen benötigt werden.

Außerdem seien Power-to-X-Brennstoffe ein idealer saisonaler Speicher, um zum Beispiel die im Sommer durch Erneuerbare erzeugte Energie für den Winter zu speichern. Ein Vorteil sei zudem, dass sich für synthetische Kraft- und Brennstoffe ein großer Teil der schon vorhandenen Infrastruktur nutzen lasse.

Die Autoren folgern, dass der Import solcher "E-Fuels" und die Entwicklung eines globalen Power-to-X-Marktes die Energiewende in Deutschland unterstützen. Dafür spreche, dass sich Power-to-X-Produkte gut transportieren ließen und der Handel mit ihnen für "politische Stabilität und Wohlstand in allen beteiligten Ländern" sorge.

Der Report benennt auch Länder, die die begehrten grünen Brenn- und Kraftstoffe exportieren könnten. Darunter sind Vorreiter wie Norwegen, in denen Power-to-X schon "auf dem politischen Radar" ist und mit denen der Handel unkompliziert sei, aber auch Länder wie Marokko oder Saudi-Arabien, die ein großes Potenzial hätten. Solche Länder könnten die Power-to-X-Entwicklung vorantreiben, heißt es in dem Bericht. Es hänge aber stark von der politischen Unterstützung ab, ob das auch funktioniere.

Damit diese Länder auch wirklich Power-to-X-Brennstoffe exportieren können, sei aber noch einiges nötig. "Um internationale Zusammenarbeit anzustoßen, müssen wir mit diesen Ländern sprechen", sagte Carsten Rolle. "Bislang sind unsere Erwartungen an die Rolle von Power-to-X im Ausland zu wenig bekannt."

"Dahinter stehen Interessen an Privatauto und Verbrennungsmotor"

Erika Bellmann, Energieexpertin bei der Umweltorganisation WWF, stimmt dem Report nur teilweise zu. "Man kann Power-to-X nicht komplett ablehnen, zum Beispiel für die Nutzung in Flugzeugen oder in der chemischen Industrie", sagt Bellmann. Aber in dem Bericht sei auch die Rede von synthetischem Diesel und Benzin. "Das bedeutet die Nutzung in Privatautos."

Die in der Studie erwähnte Nutzung als Langzeitspeicher im Stromsystem findet die WWF-Expertin sinnvoll. "Allerdings ist diese Nutzung per Definition ortsgebunden. Deshalb sind dafür keine Importe nötig", merkt sie an. Statt Importe voranzutreiben, solle man sich lieber auf den Ausbau der Erneuerbaren hier konzentrieren.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Peter Ahmels, Energieexperte bei der Deutschen Umwelthilfe. Hinter der Forderung nach synthetischen Kraftstoffen stehe außerdem oft das Interesse, den Verbrennungsmotor zu erhalten. "Power-to-X wird man brauchen, man sollte es aber nur so wenig wie möglich nutzen", sagt Ahmels. "Wo immer es geht, sollte man Prozesse elektrifizieren und effizienter machen." 

"Grundsätzlich müssen wir Power-to-X ermöglichen und auch über den internationalen Handlungsbedarf nachdenken", so Ahmels. Er ist aber skeptisch, was die Nutzung von Power-to-Gas aus Wüstenländern angeht. "In diesen Ländern gibt es zwar viel Sonne, aber auch wenig Wasser." Denn wenn die "grünen" Kraftstoffe durch Elektrolyse hergestellt werden, ist Wasser neben CO2 der wichtigste Ausgangsstoff.

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