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Eine Erde muss reichen

Es war die Geburtsstunde der internationalen Umweltpolitik: Vor 50 Jahren begann die erste Weltumweltkonferenz in Stockholm. Erreicht wurde seitdem einiges – in den reichen Ländern. Der Raubbau am Planeten ging weiter und hat nun ein Tempo erreicht, das die Welt nicht noch einmal 50 Jahre durchhält.


Die Erde, vom Mond aus gesehen.
Der einzige bewohnbare Planet weit und breit. (Foto/​Ausschnitt: Wiki lmages/​Pixabay)

"Nur eine Erde." So lautete der Titel der ersten Weltumweltkonferenz, die am 5. Juni 1972 in Stockholm begann. Ein halbes Jahrhundert ist das her.

Es war die Geburtsstunde der internationalen Umweltpolitik, die mit unzähligen Folgetreffen zu den Megathemen wie Klima, Biodiversität und Bodenschutz fortgesetzt wurde. Durchbrüche gab es in Rio, Kyoto und Paris.

Doch leider nur auf dem Papier. Heute, so kalkuliert die Umweltforschung, verbraucht die Weltgemeinschaft laufend so viele natürliche Ressourcen, dass eigentlich anderthalb bis zwei Erden notwendig wären, damit die Bilanz ausgeglichen bliebe.

Das heißt: Machen wir so weiter, müssen wir schleunigst andere bewohnbare Planeten finden. 2030 bräuchten wir wohl zwei Erden, 2050 vielleicht drei. Was, wenn nicht das, mahnt dazu, endlich umzusteuern?

Noch einmal ein halbes Jahrhundert so weiterzumachen, kann die Menschheit sich nicht leisten. Der Treibhausgasausstoß hat sich seit 1972 mehr als verdoppelt, die Artenvielfalt schwindet rasant, die landwirtschaftlichen Böden werden drastisch übernutzt, und auf den Weltmeeren haben sich, vor fünf Jahrzehnten undenkbar, gigantische Plastikstrudel gebildet.

Drastisch gesagt, aber wahr: Weiter so, das bedeutet: den Untergang. Es braucht dringend einen globalen Marshallplan.

Umweltschutz nur im reichen Fünftel der Welt

Die 50 Jahre globale Umweltpolitik waren nicht vergebens, das nicht. Aber eben nicht effektiv. Stockholm hätte der Start zur Umkehr sein können. Denn das Bewusstsein, dass etwas gewaltig im kollektiven Umgang mit dem Planeten Erde schiefläuft, war damals schon vorhanden – auch wenn das Klima noch keine Rolle spielte.

Der Club of Rome hatte im selben Jahr kurz vorher, und wie man heute weiß, ziemlich zutreffend, die "Grenzen des Wachstums" vorgerechnet. Der damalige UN-Generalsekretär sprach die Erwartung aus, künftige Generationen würden, wenn sie auf den Stockholm-Gipfel zurückblicken, diesen als "Wendepunkt in der Geschichte" erkennen, "der zu einer bedeutenden Korrektur im Prozess der industriellen Revolution führte".

Jeder weiß, so kam es nicht. Zwar wurde der saure Regen bekämpft, die Luft in den Städten wurde sauberer, und die Flüsse verloren ihre Schaumberge – dank Schwefelfilter, Auto-Kat, Kläranlagen. Doch das nur in den Industrieländern und auch nicht im damaligen Ostblock, der der Stockholm-Konferenz ohnehin ferngeblieben war.

Es war eine ökologische Scheinblüte, die nur das reiche Fünftel der Welt genießen konnte, erkauft mit zusätzlichem Ressourcenverbrauch.

Noch gravierender als dieser halbe Fehlstart war, dass auch 20 Jahre später der zweite Anlauf für eine globale nachhaltige Entwicklung nicht wirklich zündete. Auf dem legendären UN-Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 wurden zwar die Grundlagen gelegt, um die zentralen Probleme lösen zu können – mit den Konventionen für Klima, Biodiversität und Bodenschutz sowie der Öko-Blaupause "Agenda 21", alles einstimmig von fast 200 Staaten verabschiedet.

Es war ein Lichtblick, nur möglich, weil nach dem Ende des Kalten Krieges zwei Jahre vorher der Blick auf die wirklichen Probleme der Erde frei wurde: die Umwelt- und Klimakrise auf der einen, die Unterentwicklung vieler Länder im Süden auf der anderen Seite.

Man verabredete: Die Industriestaaten, die historisch gesehen weitaus mehr Schuld am Zustand des Planeten hatten als die Entwicklungsländer, sollten mit dem grünen Umbau beginnen und den armen Saaten mit Finanzmitteln und Technologiehilfen den Sprung ins Öko-Zeitalter ermöglichen – ohne Umweg über die schmutzige Industrialisierung.

Ökonomischer Neoliberalismus statt ökologischer Umbau

Das nannte man den "Geist von Rio". Doch dieser verflüchtigte sich eben schnell wieder, verdrängt vom Gespenst des ökonomischen Neoliberalismus. Nur zwei Jahre später wurde in Marrakesch die Welthandelsorganisation WTO gegründet, die Antreiberin für eine grenzenlose Turbo-Globalisierung. "Rio" war gut für die Rhetorik, aber "Marrakesch" wurde umgesetzt.

Drei Jahrzehnte gingen so verloren, in denen das Weltsozialprodukt zwar enorm gewachsen ist, das dafür genutzte Naturkapital aber gleichzeitig stark abgenommen hat.

Ein Warnsignal, jüngst verkündet: Die 1,5-Grad-Grenze der Erderwärmung droht bereits in den nächsten fünf Jahren erstmals überschritten zu werden. Umso schneller müssen Regierungen und Wirtschaft nun umschalten.

Die Konzepte dafür sind da. Kernelemente: Turbo-Umbau des Energiesystems zu Erneuerbaren und Effizienz, Abschaffung der Subventionen für Kohle, Erdöl, Erdgas und Atom sowie nicht-nachhaltige Landwirtschaftsformen, Einführung eines möglichst global gültigen CO2-Preises, der die tatsächlichen Klimakosten abbildet, Einführung einer abfalllosen Kreislaufwirtschaft, um den Ressourcenverbrauch zu senken.

Es ist zwar grotesk, dass erst unter dem Eindruck des Putin-Krieges wichtige Player wie die G7 (Kohleausstieg, Subventionsabbau) und die EU (Turbo für Erneuerbare) etwas davon zu begreifen scheinen. Doch immerhin ein Lichtblick auf der einen Erde, die wir haben.

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