Corona-Effekt ist wieder verpufft

Ab heute überzieht die Menschheit ihr ökologisches Jahresbudget. Corona hatte den "Erdüberlastungstag" letztes Jahr um mehr als drei Wochen nach hinten verschoben. Jetzt hat die Übernutzung des Planeten fast wieder das Niveau von 2019 erreicht.


Die Erde, vom Mond aus gesehen.
Der einzige bewohnbare Planet weit und breit. (Foto/​Ausschnitt: Wiki lmages/​Pixabay)

Die Corona-Pandemie ist längst noch nicht ausgestanden. Fest steht aber schon jetzt, dass die Krise den Raubbau am Planeten nur kurzfristig gebremst hat. Am heutigen Donnerstag, 29. Juli, hat die Menschheit bereits wieder so viele Ressourcen verbraucht, wie ihr rechnerisch für das ganze Jahr zur Verfügung stehen.

Der "Erdüberlastungstag" – abgeleitet vom englischen "Earth Overshoot Day" – markiert den Zeitpunkt im Jahr, bis zu dem die Menschen bereits so viel Leistungen von der Erde beansprucht haben, wie alle Ökosysteme im gesamten Jahr erneuern können.

Die Übernutzung der Erde hat damit wieder das Vorkrisen-Niveau erreicht.

Im vorigen Jahr hatte sich der Überlastungstag durch die Folgen der Coronakrise um mehr als drei Wochen nach hinten verschoben. Das ökologische Jahresbudget war am 22. August ausgeschöpft.

Grund waren die Lockdowns besonders im zweiten Quartal 2020, als weltweit vor allem der Verkehr und die Industrieproduktion heruntergefahren wurden – mit entsprechend niedrigeren Rohstoffverbräuchen. Speziell der verringerte Holzverbrauch (minus acht Prozent gegenüber 2019) und die geringeren CO₂-Emissionen (minus 14,5 Prozent) wirkten sich hier aus.

Eine Trendumkehr war dies aber nicht. Bereits im zweiten Halbjahr 2020 stiegen CO₂-Ausstoß und Ressourcenverbrauch wieder deutlich an. Dies gilt auch für das laufende Jahr.

Damit wiederholt sich, was auch schon nach der Finanzkrise 2008 passierte. Die globalen Emissionen waren damals zunächst gesunken, erreichten aber schon im Jahr darauf wieder den Vorkrisen-Wert und stiegen danach weiter an.

Ermittelt wird der "Earth Overshoot Day" jährlich von dem Thinktank Global Footprint Network, der in der Schweiz und den USA ansässig ist. Die Daten stammen von der Internationalen Energieagentur IEA und der Forschungsinitiative Global Carbon Project.

Zwei Größen werden gegenübergestellt: einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Biomasse und anderen Rohstoffen sowie zur Aufnahme von Emissionen und Müll, andererseits der Gesamtbedarf an Ressourcen wie Ackerland, Wald oder Wasser, die die Menschheit für ihre Lebens- und Wirtschaftsweise in Anspruch nehmen. Das dafür verwendete Konzept des ökologischen Fußabdrucks ist quasi ein Buchhaltungssystem für die natürlichen Ressourcen.

Nach den Schätzungen des Thinktanks ist 2021 mit einem um 6,6 Prozent größeren Fußabdruck im Vergleich zum Vorjahr zu rechnen. Die gesamte Biokapazität dürfte hingegen nur um 0,3 Prozent zunehmen.

Die nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde sind somit in diesem Jahr wieder fast so früh verbraucht wie 2019. Fast, weil das Global Footprint Network seine Schätzung für 2019 mit aktualisierten Daten noch einmal nachgerechnet hat. Dadurch ist der damalige Überlastungstag um drei Tage nach vorn gerückt – vom 29. auf den 26. Juli.

Deutsche Wirtschaft braucht drei Erden

Errechnet wird der Overshoot Day seit den 1970ern. Im Jahrzehnt zuvor übertraf die Neubildung der Ressourcen global gesehen noch die Nutzung. 1971 war das erstmals anders, am 21. Dezember war der Überlastungstag erreicht. 1980 war der Tag Anfang November, 2005 schon im August. Mittlerweile wären 1,7 Erden nötig, um den Ressourcenhunger der Menschheit zu decken.

Während Länder wie Uruguay, Gabun oder Finnland weniger Ressourcen verbrauchen, als der Planet ihnen anteilig zur Verfügung stellt, überschreiten reiche Länder wie Deutschland die ökologische Kapazität der Erde um ein Mehrfaches. Hierzulande war schon am 5. Mai die Überlastungsgrenze erreicht.

Würden alle Länder so haushalten wie Deutschland, wären 2,9 Erden nötig. Bei einer Wirtschaftsweise wie in China bräuchte die Weltbevölkerung 2,3 Erden (Überlastungstag: 7. Juni). Würden alle Menschen so leben wie in den USA (14. März), bräuchten sie fünf Erden.

"Dass der Ressourcenverbrauch trotz anhaltender Pandemie schon dieses Jahr fast wieder das Niveau von 2019 erreicht, zeigt: Wir brauchen dringender denn je ein Umsteuern in der Klima- und Ressourcenpolitik", sagte Steffen Vogel von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

"Die Covid-19-Konjunkturprogramme müssen unbedingt auf nachhaltige Wirtschaftsweisen ausgerichtet werden", so Vogel. Bislang sieht es nicht danach aus.

Der größte Teil der weltweiten Rettungsgelder zur Corona-Krisenbewältigung fließt auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie nicht in grüne Investitionen, sondern fördert die weitere Umweltzerstörung. Nach OECD-Zahlen wurden bis März 2021 nur 17 Prozent der Mittel für einen grünen Aufschwung bereitgestellt.

Auch der Umweltverband BUND sieht die "Alarmlampen auf Rot". Verbandschef Olaf Bandt verweist auf die jüngsten Überschwemmungen, Hitzewellen und Brände und fordert: "Wir müssen diese Signale unbedingt ernst nehmen. Den Preis unserer vermeintlichen Freiheit zahlen unsere Kinder und nachfolgende Generationen." Für die nächste Bundesregierung müsse gelten: "Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei."

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