"Die Reichen müssen die Rechnung zahlen"

Der Club of Rome legt den "Überlebensratgeber" für die Welt vor. Das Rezept: Soziale Ungleichheit verringern, um die Klimakrise zu lösen. Die Steuern auf Immobilien, Vermögen und Erbschaften sowie auf hohe Gewinne und Einkommen müssen steigen. 


Treffen der G20
Die reichen Staaten – im Bild ein Treffen der Industrienationen – und die oberen zehn Prozent können keinen Klimaschutz gegen den "Rest" der Welt machen. (Foto: G20)

Wir können die Kurve kriegen. Das Klima-Problem lässt sich lösen, wenn gleichzeitig die soziale Ungleichheit verringert wird. Das ist, sehr kurz gefasst, die zentrale Botschaft des neuen Berichts des Club of Rome, einer weltweiten Vereinigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Am heutigen Dienstag wurde die Studie unter anderem in Berlin vorgestellt. Sie heißt "Earth for All: Ein Survivalguide für unseren Planeten".

Breit bekannt wurde der Club of Rome vor 50 Jahren, als er 1972 seinen einflussreichen Bericht "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlichte. Die schockierende These damals: Wenn sich die globale Wirtschaftsweise nicht ändere, würden Umwelt, Ökonomie und Lebensqualität im 21. Jahrhundert zusammenbrechen. Das war ein Ausgangspunkt für die Öko-Bewegung nicht nur in Deutschland.

Nicht alle skeptischen Vorhersagen des damaligen Berichts seien bisher eingetroffen, doch mehr oder weniger habe man richtig gelegen, sagte Johan Rockström am Dienstag. Der Mitautor der aktuellen Studie leitet das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Der "Survival Guide" enthält viele Warnungen und Problembeschreibungen. Jørgen Randers, der schon an den "Grenzen des Wachstums" mitgearbeitet hatte, sagte: "Innerhalb der nächsten 50 Jahre wird das derzeitige Wirtschaftssystem soziale Spannungen verstärken und den Wohlstand verringern."

Wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzten, komme es zu "regionalen Zusammenbrüchen" – und zwar nicht nur in armen Staaten wie Afghanistan, Pakistan oder Somalia, sondern auch in reichen Ländern.

Die Autorinnen und Autoren gehen zwar nicht in die Einzelheiten, als Beispiel kann man sich aber eine Flutkatastrophe wie an der Ahr 2021 vorstellen, nur viel größer: Die öffentliche Infrastruktur ist zerstört, die Verwaltung funktioniert nicht und Firmen arbeiten nicht mehr, die Bewohner flüchten.

Solche Szenarien seien nicht unwahrscheinlich, so der Club, und sie könnten zwei Milliarden Menschen weltweit betreffen.

Klimakrise als soziale Krise

Zentral für die Studie ist eine – auf den ersten Blick nicht unbedingt eingängige – These: Die Klimakrise und soziale Krise hängen zusammen. Und zwar nicht nur, indem Dürren und Überschwemmungen Armut verursachen. Ist die soziale Ungleichheit zu groß, erklärt der Überlebensratgeber, verschärfe diese auch die Umweltprobleme.

Ein Wirkungszusammenhang: Armen Staaten und ihren Einwohnern fehlen die finanziellen Mittel, um das Klima zu schützen. In wohlhabenden Ländern wie Deutschland stellt sich die Verbindung eher so dar: Leute mit niedrigen Einkommen lehnen Klimapolitik ab, wenn sie die Kosten dafür tragen sollen.

Das führt Jørgen Randers zu der These: "Die Reichen müssen die Rechnung zahlen." Damit meint er die obersten "zehn Prozent" der Bevölkerung, die national und global etwa die Hälfte aller Einkommen auf sich vereinen. Die ökonomische Elite müsse ungefähr ein Fünftel ihrer Einkommen und Vermögen abgeben, damit Sozialpolitik und Klimaschutz finanziert werden können.

Das ist nicht nur eine Ansage an Staaten wie Deutschland, 20 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung der Rettung der Welt zu widmen, sondern auch an die hiesige obere Mittelschicht. Wer zwei Eigentumswohnungen besitzt, kann schon zum reichsten Zehntel gehören.

Umverteilung durch Steuern

Zur Umsetzung schlägt der Club beispielsweise Umverteilung mittels Steuern vor. Die Abgaben auf Immobilien, Vermögen, Erbschaften, Firmengewinne und hohe Arbeitseinkommen müssten steigen.

Ein Mädchen vor einer durch einen Taifun zerstörten Hütte
Verursacher und Geschädigte der Klimakrise sind tendenziell nicht dieselben. (Foto: Ruel Saldico/​Unicef)

Etwa zwei bis vier Prozent des globalen Einkommens jährlich dürften reichen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, heißt es im Survivalguide. Der Markt regele das nicht alleine, ein aktiver Staat sei gefragt.

Die Regierungen müssten diese fünf Ziele anpeilen: Überwindung der Armut, Verringerung der Ungleichheit, Stärkung der Stellung der Frauen, Ökologisierung der Nahrungsmittelproduktion und Umstellung der Energieproduktion auf erneuerbare Quellen.

Dass es in Deutschland vorangehe, sei entscheidend, meinte Rockström. Als viertgrößte Wirtschaftsnation der Erde müsse das Land vormachen, dass die Transformation gelingen könne. Auf die Frage, ob die Welt die Kurve kriege, meinte Randers sinngemäß: "Es wird sehr schwer werden."

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