Warum Klimaungerechtigkeit kein Zufall ist

Die Auswirkungen der Klimakrise sind weltweit sehr ungleich verteilt – aber nicht zufällig, sondern unter dem Einfluss systematischer Ungerechtigkeiten. Eine einfache Einsicht, die in der Debatte jedoch häufig unterschlagen wird und die auch Konsequenzen für die Klimabewegung hat.


Konfontation zwischen Polizei und Indigenen um ecuadorianische Kupfermine im Jahr 2016.
Indigene Anwohner protestieren gegen ein Rohstoffprojekt in Ecuador: Was die Klimakrise antreibt, ist häufig auch mit Ungerechtigkeit verbunden. (Foto: CONFENIAE)

"What do we want? – Climate Justice!" Klimagerechtigkeit ist in den vergangenen Monaten wortwörtlich zum letzten Schrei geworden. Doch was ist das eigentlich, Klimagerechtigkeit? Dass die Frage gar nicht so einfach zu beantworten ist, zeigt sich schon daran, dass es eine ganze akademische Disziplin gibt, die sich mit ihrer näheren Bestimmung auseinandersetzt – die Klimaethik.

Hinzu kommen zahlreiche soziale Bewegungen, die eigene theoretischen Überlegungen zum Thema produzieren und in Dokumenten wie den Bali-Prinzipien der Klimagerechtigkeit festhalten. In einer Sache sind sich die meisten Stimmen dennoch einig: dass es bei der Klimagerechtigkeit darum geht, die Klimakrise als eine soziale und nicht nur als eine Wetter-Krise zu verstehen.

Aus einer Klimagerechtigkeitsperspektive ist die Krise nämlich nicht davon zu trennen, wie unsere Gesellschaft organisiert ist – wie etwa unser Essen produziert wird, wie unser Transportwesen aufgebaut ist oder wie unser politisches System funktioniert und welche Eigentumsverhältnisse es hervorbringt.

Wie kann es eigentlich sein, dass einige Dutzend Milliardäre die Hälfte des gesamten Weltvermögens besitzen, von denen einige ihren gigantischen Reichtum dafür einsetzen, Klimaschutz zu verhindern und Milliarden in Desinformationskampagnen zu investieren?

Wer die Klimakrise als soziale Krise versteht, darf auch von der Klimaungerechtigkeit nicht schweigen. Denn diejenigen Menschen, die am wenigsten zur Verursachung der Klimakrise beigetragen haben, sind von ihren Folgen oft am schwersten betroffen.

People of Color, PoC

(Singular: Person of Color) beschreibt Menschen, die von der weißen Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß angesehen werden und rassistische Diskriminierung erfahren.

Menschen mit geringem Einkommen, People of Color, Frauen, Indigene und andere marginalisierte Gruppen gehören schon jetzt zu denjenigen, die am meisten an der Klimakrise und ihren Auswirkungen leiden. Für einige Philosoph:innen zählen auch nicht-menschliche Personen, also Tiere, und zukünftige Generationen zu diesen besonders betroffenen Gruppen.

Viele Einführungstexte zum Thema Klimagerechtigkeit hören an dieser Stelle abrupt auf. Das klingt dann oft so, als sei Klimaungerechtigkeit ein eher zufälliges Phänomen. Es scheint, als hätten einige Menschen in den reichen Industrieländern aus Versehen die größte Erhitzung des Planeten in der Menschheitsgeschichte verursacht, und dann seien auch noch, wie durch eine unglückliche Schicksalsfügung, ausgerechnet diejenigen Menschen am meisten davon betroffen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Im philosophischen Jargon nennt man einen solchen Fall ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit.

Zwei Seiten desselben Herrschaftssystems

Doch diese Verteilungsungerechtigkeit ist eben kein Zufall, sondern sie hat System. Reiche und privilegierte Menschen können sich überall auf der Welt besser gegen die Folgen der Klimakrise schützen.

Während in niedrig gelegenen Ländern wie Bangladesch der klimabedingte Meeresspiegelanstieg schon jetzt zu großen Problemen führt, können reiche Nationen wie die Niederlande große Sperrwerke und Kanalsysteme errichten, um sich vor ähnlichen Problemen zu schützen.

Wie der Klimagerechtigkeitsforscher Kyle Powys Whyte in seinen Aufsätzen aufzeigt, sind es oft sogar genau dieselben Mechanismen, die die Erhitzung des Planeten befeuern und marginalisierte Bevölkerungsgruppen noch stärker gefährden.

Überall auf der Welt werden beispielsweise Menschen durch große Konzerne von ihrem Land vertrieben, um Platz für Kohle-, Öl- oder Gasinfrastruktur zu schaffen. Durch die Vertreibung sind dieselben Menschen dazu gezwungen, an Orte umzuziehen – beispielsweise an die Küste oder in urbane Slums – die den Gefahren der Klimakrise besonders schonungslos ausgesetzt sind.

Portraitfoto Elias König
Foto: privat

Elias König

forscht an der Universität Peking zu Umwelt­philosophie, sozialen Bewegungen und epistemischer Gerechtigkeit. Seit 2015 schreibt er journalistisch über diese Themen für Medien wie The Ecologist, Truthout und Analyse & Kritik. Als Aktivist ist er häufig auf Aktionen und Work­shops der Klima­gerechtigkeits­bewegung in Deutsch­land und anderswo anzutreffen.

Herrschaftssysteme wie Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat tragen auf diese Art und Weise sowohl zur Eskalation der Klimakrise als auch zur Verschärfung bereits bestehender Ungerechtigkeiten bei.

Eine Klimagerechtigkeitsperspektive betont deshalb, dass Gerechtigkeit ein essenzieller Bestandteil einer jeden politischen Antwort auf die Klimakrise sein muss. Und zwar nicht, weil sich das besser anfühlt, sondern weil die Klimakrise schlicht nicht effektiv bekämpft werden kann, ohne auf die sozialen Ungerechtigkeiten einzugehen, die sie bedingen.

Das bedeutet auch, anzuerkennen, dass viele Menschen Teil der "Klimagerechtigkeitsbewegung" sind, die sich vielleicht selbst gar nicht damit identifizieren.

Schließlich leisten auch Menschen, die sich gegen klimaleugnende Neonazis und Faschismus engagieren, einen wichtigen Beitrag zum Kampf für Klimagerechtigkeit. Ebenso Menschen, die sich für Landreformen und eine gerechte Stadt einsetzen oder feministische Kollektive, die einen Frauenstreik organisieren.

Nur wenn die Klimagerechtigkeitsbewegung es schafft, all diese Kämpfe miteinander zu verbinden, hat sie das Potenzial, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern.

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