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ZMP Fachkongress 2021

"Die Natur ist in der Lage, sich selbst zu heilen"

Die Trendwende im globalen Naturschutz ist noch zu schaffen, ist sich "Waldmacher" Tony Rinaudo im Interview mit Klimareporter° sicher. Es komme dabei weniger auf das an, was wir tun, als auf das, was wir lassen. Teil 2 und Schluss des Interviews.


Tony Rinaudo diskutiert mit einem afrikanischen Gesprächspartner, während beide in einer lockeren Gruppe einen Weg entlang gehen.
Tony Rinaudo (vorn) ist heute der international anerkannte Experte für die Wiederaufforstung von Trockengebieten aus vorhandenen Wurzelsystemen. (Foto: Silas Koch)

Klimareporter°: Herr Rinaudo, wir sprachen über die von Ihnen entdeckte Methode zur regenerativen Aufforstung. Warum, glauben Sie, hat vor Ihnen noch niemand bemerkt, dass unter vielen degradierten Böden uralte Wälder schlummern, die wiederbelebt werden können?

Tony Rinaudo: Es wurde schon früher bemerkt, und auch heute noch, wenn ich in abgelegene Teile von Osttimor, Myanmar oder Malawi reise, sehe ich: Einfache, oft ungebildete Bauern arbeiten mit dieser Methode.

Aber sie wurde nicht in Niger entdeckt, ausgerechnet in einer Region, in der intensiv in den "Kampf gegen die Wüste" investiert wurde. Warum?

Es gibt eine einfache Regel: Die Menschen glauben nicht, was sie sehen, sie sehen, was sie glauben. Und so war es auch bei mir.

Ich sah dort eine baumlose Landschaft. Meine Lebens- und Lernerfahrungen hatten mich zu der Überzeugung gebracht, dass die einzige Möglichkeit, abgeholzte Gebiete wiederaufzuforsten, das Pflanzen von Bäumen ist.

Und obwohl diese Methode ein Fehlschlag war, versuchte ich es wieder und wieder, nur härter. Aber es war immer noch ein Fehlschlag.

Ich sah nicht, was bereits überall um mich herum war. Ich war besessen von der Frage, wie man genug Bäume produziert, pflanzt und schützt, um die Wüste zurückzudrängen. Und ich würde sagen, das war zu einem sehr großen Teil auch bei allen anderen so.

Viele glauben, dass die Lösung vollständig von uns abhängt – von unserer Intelligenz, unseren Finanzen, unserer Technologie und unserer Macht. Bei dieser Denkweise wird übersehen: Die Natur ist durchaus in der Lage, sich selbst zu heilen, wenn man ihr eine Chance gibt.

Tony Rinaudo

lässt verdorrte Landschaften in Afrika ergrünen – und inzwischen auch weltweit. Der 64-jährige Australier war von 1981 bis 1999 als Landwirt und Missionar in Niger tätig und dabei auch für ländliche Entwicklung und große Hilfsprogramme verantwortlich. Dort entdeckte und entwickelte er die regenerative Wiederaufforstungsmethode FMNR (Farmer Managed Natural Regeneration – siehe Teil 1 des Interviews). Mit Hilfe der Bauern konnte er mehr als sechs Millionen Hektar Land bewalden.

 

Die freikirchliche Hilfsorganisation World Vision, zu der Rinaudo 1999 stieß, unterstützt ihn dabei, dass seine Methode auch außerhalb Afrikas Anwendung findet. Er ist mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem "Alternativen Nobelpreis".

Im Falle der Land-Renaturierung kommt es viel mehr darauf an, dass man aufhört, bestimmte Dinge zu tun – wie das Abbrennen, Überweiden, das vollständige Pflügen aller Agrarflächen, das regelmäßige Entfernen sämtlicher Holzbiomasse –, als dass man etwas tut, wie Bäume zu pflanzen.

Ihre Methode ist viel billiger und oft erfolgreicher als die klassische Wiederaufforstung mit Setzlingen aus Baumschulen und entsprechender Pflege. Kann sie sich durchsetzen?

Das Momentum wächst täglich. Die erste internationale Konferenz zu unserer "Farmer Managed Natural Regeneration", kurz FMNR, fand 2012 in Nairobi statt. Geber, Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Bauernverbände hatten zuvor noch nie etwas von FMNR gehört.

Inzwischen ist die Akzeptanz in immer mehr Ländern da, etwa in Ghana, Mali, Burkina Faso, Südsudan, Äthiopien, Somalia, Kenia, Osttimor und Indien.

Die Hilfsorganisation World Vision hat den Ansatz bereits in 26 Ländern eingeführt und bietet immer wieder Schulungen für alle Interessierten an – für NGOs, Regierungen, Gemeinden oder Glaubensgemeinschaften.

Aber auch andere Organisationen fördern die Methode aktiv, zum Beispiel The Global Evergreening Alliance und das World Agroforestry Centre. In manchen Regionen dauert der Prozess länger, aber die Saat wurde oder wird gesät, und es ist nur eine Frage der Zeit.

Sie hoffen, dass Ihre Methode bis 2030 in rund 100 Ländern der Welt angewendet wird. Gibt es denn überall "schlafende" Wälder?

Nein, nicht überall, aber an erstaunlich vielen Orten. Meine Faustregel ist: Wenn ein Wald in der Vergangenheit vorhanden war, selbst in der fernen Vergangenheit, ist es möglich, ihn mit unserer Methode oder einer Kombination von dieser und anderen Methoden wiederherzustellen.

Man kann das überall dort umsetzen, wo es Wurzeln und Stümpfe mit der Fähigkeit zum Wiederaustrieb oder Baumsamen im Boden gibt. Die Regionen, in denen das möglich ist, sind sehr vielfältig – es geht von hyperariden bis zu tropischen Gebieten, von Küsten bis zu alpinen Regionen.

In der Praxis hat sich FMNR bisher am stärksten in ariden und semiariden Gebieten durchgesetzt. Hier sehen die Landwirte schnell große Vorteile – bei geringem Arbeits- und Geldaufwand. Außerdem haben sie nur wenige andere Möglichkeiten. Aufgrund der Wasserknappheit können sie dort nicht immer hochwertige Holz- oder Obstbäume anpflanzen.

Wie kann Ihre Methode auch unter anderen Bedingungen – ohne Wurzelwerk unter der Oberfläche – angewendet werden?

Natürlich beschränke ich mich nicht komplett auf FMNR. In Fällen, in denen es wirklich keine Wurzeln oder Samen im Boden gibt, kann man direkt Samen in den Boden säen und dann das Wachstum der Bäume gemäß unseren Richtlinien absichern.

Äthiopischer Bauer in Jeans und Basecap hackt auf seinem Feld mit einer Hacke eine Rinne.
Katmar Anato arbeitet auf seinem Feld im Süden Äthiopiens nach Rinaudos Methode. (Foto: Silas Koch)

Und wenn es in der jeweiligen Situation angemessen ist, kann ich auch Bäume pflanzen. Indem ich Bäume strategisch in das Landschaftsbild einfüge, können sie wiederum Vögel und Landtiere anziehen, die dann auf natürliche Weise Samen verbreiten.

Der Schlüssel liegt aber in der Verhaltensänderung der Menschen. Wer sich nicht mit den Faktoren befasst, die den Waldverlust überhaupt erst verursacht haben, und den Faktoren, die das natürliche Nachwachsen von Bäumen verhindern, wird keinen Erfolg heben.

Aber wenn sich eine Gemeinschaft darauf einigt, Brände zu verhindern, die Beweidung durch Vieh anders zu handhaben sowie zu regeln, wann und wie viel holzige Biomasse geerntet werden darf, wird es funktionieren.

Derzeit gehen weltweit jedes Jahr mehr als 25 Millionen Hektar Wald verloren, hauptsächlich durch Abholzung und Brandrodung. Sehen Sie denn eine Chance, dies zu stoppen?

Das ist sehr deprimierend – und völlig unnötig. Sind wir Menschen als Spezies dazu verdammt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen?

Ich selbst hätte meine Krise im Niger nicht überlebt, wenn ich nicht Optimist wäre. Die Situation sah unmöglich aus. Alles, was ich versuchte, scheiterte. Die Leute machten sich über mich lustig und nannten mich den verrückten weißen Farmer. Aber ich hielt durch und hatte durch die Gnade Gottes schließlich einen Durchbruch, der alles veränderte.

Also muss ich antworten: Ja, natürlich haben wir jede Chance, diesen Wahnsinn zu stoppen. Wenn unter den unmöglichen Bedingungen im Niger – ärmstes Land der Welt, raue Bedingungen am Rande der Sahara, extreme Armut, sture Mentalität, wenig Unterstützung durch die Regierung und minimale Unterstützung durch NGOs – eine Umkehr der Abholzung möglich war, wie sieht es dann anderswo aus? Nichts ist unmöglich.

UN-Dekade zur Ökosystem-Wiederherstellung

Rinaudos Methode spielt auch eine wichtige Rolle in der UN-Dekade für die Wiederherstellung von Ökosystemen, die am heutigen Samstag offiziell beginnt. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung degradierter oder bereits zerstörter Ökosysteme als Beitrag zu den Zielen der drei UN-Konventionen zu Klimawandel, Biodiversität und Wüstenbekämpfung und zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG).

 

Dabei geht es darum, wichtige Ökosystem-Dienstleistungen wie die CO2-Speicherung und die Regulierung des Wasserhaushalts zu erhalten und die Widerstandsfähigkeit dort lebender Menschen gegenüber dem Klimawandel zu stärken. Geschehen soll das unter anderem durch Sicherung einer natürlichen Regeneration, Aufforstung und Förderung angepasster Agroforst-Systeme.

Ich selbst wurde als Junge von der Arbeit des britischen Forstwissenschaftlers Richard St. Barbe Baker inspiriert. Er war ein internationaler Kämpfer für die Wälder und für eine nachhaltige Landwirtschaft. Mit meiner eigenen Autobiografie, die jetzt erschienen ist, hoffe ich die nächste Generation zu inspirieren.

Der Regisseur Volker Schlöndorff arbeitet an einem großen Dokumentarfilm für ein internationales Publikum über FMNR, der noch in diesem Jahr herauskommen soll. Die Möglichkeit, so Millionen von Menschen zu erreichen, ist einfach enorm.

Wir befinden uns in der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen, das Davoser Weltwirtschaftsforum hat ein Eine-Billion-Bäume-Programm initiiert, und es gibt die internationale Ansage, bis 2030 rund 350 Millionen Hektar degradiertes Land wiederherzustellen – und noch viele weitere Ansätze.

Ja, wir haben eine große Chance, diesen Wahnsinn zu stoppen. Wir müssen es einfach tun.

Ihr Resümee, bitte: Glauben Sie noch an eine globale Trendwende im Naturschutz?

Ja, natürlich. Victor Hugo sagte: "Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Die Zeit für eine Wende ist gekommen, und ich sehe so viel Entschlossenheit in der jungen Generation, in Greta Thunberg und ihren Anhängern.

Es gibt ein schönes Hausa-Sprichwort: "Yarra, manyan gobe." Die Kinder von heute sind die Mächtigen von morgen.

Die stimmgewaltigen Jugendlichen von heute werden an der Spitze von Unternehmen stehen, Regierungen führen und Kaufentscheidungen treffen – es ist noch nicht zu spät, die Dinge zu ändern. Aber auch wir Älteren dürfen uns nicht zurücklehnen.

Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews: "Einfach ausgedrückt: Bäume sind Leben"

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