"Vor allem den Holzeinschlag reduzieren"

Wälder und Forsten sind in einem kritischen Zustand, warnen Umweltschützer und Wissenschaftlerinnen. Selbst in den 1980er Jahren während des Waldsterbens sei es dem Wald besser gegangen.


Baumkronen
Baumkronen auf Usedom. (Foto: Jana Triepke/​Flickr)

Zwei Jahre lang hat es in Eisenach im Westen Thüringens viel zu wenig geregnet. Das hat den Stadtbäumen zugesetzt. Im vergangenen Herbst ließ die Wartburgstadt abgestorbene oder teilweise absterbende Bäume fällen.

Zum Ausgleich pflanzte Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf nun eine Kugelrobinie am Roeseplatz. Drei früher gepflanzte Robinien konnten sich an dem Standort nicht halten und fielen im vergangenen Herbst einem Orkan zum Opfer.

Die Kugelrobinie soll besser mit den Bedingungen des Platzes zurechtkommen, so die Hoffnung der Stadtverwaltung, die die Pflanzung zum Tag des Baumes initiierte.

Nicht nur in Eisenach, auch in vielen anderen Städten sind die Bäume hierzulande in einem kritischen Zustand. Einer der Gründe dafür: zu wenig Regen. In Berlin rufen deshalb die Grünen die Bevölkerung zum Gießen der Stadtbäume auf.

Die Trockenheit ist nicht das einzige Problem für die Bäume. "Stadtbäume sind ganz extremem Stress ausgesetzt", sagt der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. Ein großes Problem sind für den Umweltschützer die Stickoxide aus dem Straßenverkehr. Und anders als Bäume im Wald seien Stadtbäume – bis auf Ausnahmen in Parks – meistens zwischen Asphalt und Beton eingepfercht.

Wälder und Forsten unter Druck

Doch um die Waldbäume ist es kaum besser bestellt. "Den Bäumen in den Wäldern Deutschlands geht es so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht", warnt der BUND-Chef und verweist auf den jüngsten Waldzustandsbericht der Bundesregierung. Danach hat sich der Kronenzustand bei allen Baumarten verschlechtert, das heißt, die Baumkronen sind lichter geworden und auch die Anzahl der Bäume mit intakten Kronen ist rückläufig.

"Selbst 1984 zu Hochzeiten des Waldsterbens waren die Werte nicht so schlecht, wie wir sie heute haben", sagt Bandt. So seien heute nur 22 Prozent aller Bäume in gutem Zustand, 1984 waren es noch doppelt so viele. Heute hätten 36 Prozent aller Bäume lichte Kronen, 1984 waren es noch 23 Prozent.

Tag des Baumes

In Deutschland wurde der "Tag des Baumes" erstmals 1952 begangen. Bundespräsident Theodor Heuss pflanzte mit dem Präsidenten der "Schutzgemeinschaft Deutscher Wald" im Bonner Hofgarten einen Ahorn.

 

Anlässlich des 1872 in den USA erfundenen Aktionstags sollen Ende April weltweit Bäume gepflanzt werden. Wegen der Klimakrise sind einige der 2019 in Deutschland gepflanzten Bäume nicht angewachsen.

Geht es um die Gründe für den Befund, sieht Bandt ein Bündel an Ursachen. "Der Wald ist durch Dürre, intensive Forstwirtschaft und Stickstoffeinträge im Dauerstress", sagt der BUND-Vorsitzende. Quellen für den massiven Stickstoffeintrag sind die Verfeuerung von Kohle und Gas, der Verkehr – hier besonders alte Diesel-Pkw – und die Gülle-Emissionen der Landwirtschaft.

Die steigenden Temperaturen infolge des ungebremsten Treibhausgasausstoßes sowie ausbleibende Niederschläge setzen die Wälder zusätzlich unter Druck. "Die Jahre 2018 und 2019 waren außergewöhnlich trocken und heiß", sagt Simon Heitzler, Referent für Waldnaturschutz und nachhaltige Waldnutzung beim Naturschutzbund Nabu, gegenüber Klimareporter°.

Neben den hohen Temperaturen führe jetzt der fehlende Niederschlag schon im April zu starkem Trockenstress in den Wäldern. Vor allem angepflanzte Nadelwälder, aus denen der deutsche Wald noch immer zu über 50 Prozent besteht, sind Heitzler zufolge besonders anfällig für die Klimawandelfolgen.

Das sehen auch Wissenschaftler:innen so. "Der Zustand der Wälder und der Forsten ist sehr besorgniserregend", sagt Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, zu Klimareporter°.

Allerdings sei diese Situation nicht über Nacht entstanden oder lediglich Folge der letzten Extremjahre. "Die klimawandelgetriebenen Extreme treffen auf Forsten, die durch Zerschneidung und forstliche Nutzung viel anfälliger sind, als es naturnähere, struktur- und biomassereichere Wälder wären", sagt Ibisch. Forsten, die eher Plantagen als naturnahen Wäldern gleichen, fällt es ungleich schwerer, auf Dürren zu reagieren.

Aufräumen schwächt den Wald

Zudem würden Forstwirte häufig das Problem noch weiter verschärfen, so Ibisch. "Wir erleben aktuell eine Eskalation der Waldkrise auch dadurch, dass die Forstwirtschaft mit massiven Interventionen reagiert. Die totale Räumung von Waldflächen mit kranken und toten Bäumen führt zur negativen Beeinflussung von Böden sowie von Mikro- und Lokalklima." Verbleibende Bestände würden dadurch immer stärker unter Hitze und Trockenheit leiden, und das Erholungspotenzial verringere sich.

Zudem sind Forste, die überwiegend aus einer Nadelbaumart bestehen, anfälliger für Waldbrände, weil sie schneller austrocknen können. Kiefernwälder, wie sie häufig in Brandenburg zu finden, sind besonders brandgefährdet.

Anders als bislang vielfach praktiziert soll deshalb abgestorbenes Holz aus Sicht des Umweltschutzes im Wald verbleiben. Konventionell arbeitende Forstwirte können sich aber wenig mit der neuen Praxis anfreunden, weil sie fürchten, dass so der Borkenkäfer angelockt wird. Das stimmt nur zum Teil, denn Borkenkäfer sind für ihre Entwicklung auf frisches Holz angewiesen. Jahre altes Holz ist für die Insekten wenig attraktiv.

Vorschläge der Umweltverbände

Die Umweltverbände BUND und Nabu haben Forderungen für den Waldumbau vorgelegt. Neben ökologisch verträglicher Waldbewirtschaftung, der Senkung des Stickstoffeintrags und weiteren Maßnahmen sollen auch zehn Prozent der Wälder unbewirtschaftet bleiben.

 

Das Totholz hat aber eine wichtige Funktion im Wald: Es speichert Wasser. "Um grundsätzlich mehr Wasser im Wald zu halten, ist es notwendig, die Masse von lebendem und totem Holz in den Wäldern zu erhöhen", sagt Nabu-Waldreferent Heitzler. Totholz werde mit fortlaufender Zersetzung zu einem schwammartigen Wasserspeicher. Zusätzlich diene es vielen Insekten, Moosen und Pilzen als Lebensraum und werde schließlich zu fruchtbarem Boden für neues Baumwachstum.

Auch Waldökologe Ibisch fordert, die Entwässerung von Wäldern schnell zu beenden. "Wir brauchen einen kühlen Kopf und kühle Wälder. Erstmal den Fuß vom Gas nehmen, Holzräumung auf geschädigten Flächen sofort stoppen und vor allem den regulären Holzeinschlag reduzieren", sagt Ibisch. Monokulturen müssten zu naturnahen Wäldern entwickelt werden. Eine höhere Artenvielfalt und mehr Naturnähe erhöht in der Regel auch die Stabilität der Wälder.

Klimaschutz hilft auch Bäumen

Zudem müsse der Einschlag bei Laubmischwäldern gestoppt werden. Ein Einschlagmoratorium soll den stark unter Druck stehenden Laubmischwäldern eine Verschnaufpause verschaffen, sagt Ibisch. Das hätte noch einen weiteren Vorteil, wie Heitzler vom Nabu erklärt: "In bestehenden Laubwäldern muss ein geschlossenes Kronendach erhalten bleiben, weil es als 'Sonnenschirm' wirkt und für ein feuchteres Waldinnenklima sorgt."

Nicht nur veränderte forstwirtschaftliche Praktiken erhöhen die Widerstandsfähigkeit von Wäldern und Forsten. Weil Verkehr und Kraftwerke einen hohen Schadstoffausstoß und die industrielle Landwirtschaft einen hohen Stickstoffeintrag verursachen, helfen Maßnahmen zur Emissionsminderung auch den Wäldern. "Deshalb muss die Bundesregierung jetzt effektive Klimaschutzmaßnahmen ergreifen und gleichzeitig Schadstoffemissionen aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft wirksam reduzieren", sagt Olaf Bandt vom BUND.

Und auch die Jäger:innen sollen künftig dem Wald helfen. Die hohen Schalenwildbestände sollen – jedenfalls zu bestimmten Zeiten im Jahr – stärker bejagt werden, als es bislang der Fall ist. Denn Rehe fressen die Triebe junger Laubbäume und verhindern, dass der Waldumbau zu naturnäheren Mischwäldern gelingt. "Die jagdrechtlichen Regeln müssen dem Waldumbau mehr zugutekommen", sagt Bandt. Das müsse bei der anstehenden Novellierung des Bundesjagdgesetzes beachtet werden.

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