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"Wir Klimawissenschaftler haben die Menschheit im Stich gelassen"

Heißt Klimaforschung immer nur das Werkeln am nächsten Klimamodell? Viel zu technologisch ist diese Herangehensweise dem Mathematiker Wolfgang Knorr, obwohl er selbst viele Jahre Klimamodellierer war. Jetzt forscht er nicht mehr selbst, sondern will etwas in der Welt bewegen – auch in der Wissenschaft.


Portraitfoto Wolfgang Knorr
Wolfgang Knorr. (Foto: privat)

Wolfgang Knorr hat 25 Jahre mathematische Klimamodelle errechnet, bis er begriff: Auch nicht die schlimmsten Prognosen führen zu einem nötigen Wandel in der Politik. Heute sieht er sich deshalb eher als Aktivist und will noch mehr Kolleg:innen dazu motivieren, ihre Rolle in Zeiten der Krise radikal zu hinterfragen. Er meldet sich nach Feierabend von der Baustelle in den Bergen Griechenlands, wo er ein gemeinschaftliches Wohnprojekt aufbauen will:

Letzten Sommer war die Klimakatastrophe mit den Waldbränden hier genau vor unserer Haustüre. Ich habe für mich verschiedene Wege gefunden, mit dieser Situation umzugehen. Einerseits will ich auf dem Stück Land hier in Griechenland ein Community-Zentrum aufbauen.

Andererseits habe ich mich gefragt: Was bringt es der Welt, wenn ich als Klimawissenschaftler weiterhin für ein System arbeite, das keinen Wandel will? Also habe ich mit ein paar Kollegen und Kolleginnen die 'Faculty for a Future' gegründet, mit einer nicht ganz ungewollten Anspielung auf den Science-Fiction-Roman "Das Ministerium für die Zukunft".

Da habe ich jetzt ein Team, das sich einig ist: Wir brauchen einen anderen Diskurs, und wir als Wissenschaftler:innen müssen ihn mitbestimmen. Es hilft niemandem, mit weiteren Studien Netto-Null-Ziele zu unterstützen.

Das Problem der Umwelt- und Klimakrise ist ja kein technisches Problem, das man mit technischen Mitteln lösen kann. Es ist vielmehr ein Problem der Ungleichheit, ein Problem von Machtstrukturen, der Unterdrückung bestimmter Bevölkerungsgruppen vor allem im globalen Süden, die die Auswirkungen des Klimawandels heute schon deutlich zu spüren bekommen.

Wir müssen weg davon, die Klimakrise als ein Temperatur- und CO2-Problem zu sehen. Die Gefahr besteht dann immer, dass wieder Lösungen aus dem Westen den Betroffenen übergestülpt werden.

Alle stürzen sich jetzt auf naturbasierte Lösungen, um die Netto-Null zu erreichen. Aber dadurch kann es leicht zu einem neuen Kolonialismus kommen, Landgrabbing für Aufforstung ist nur ein Beispiel.

Der Fokus auf "Netto-Null" kommt aus einer Logik, die immer nur nach Effizienz strebt. In der Krise brauchen wir aber nicht Effizienz, sondern Systeme, die resilient sind gegenüber Veränderung, sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft. Das wollen viele nicht begreifen.

Trügerisches Gefühl von Kontrolle

Ich habe jahrzehntelang Klima- und Vegetationsmodelle entwickelt, zuletzt in Lund, wo es um Waldbrände ging, zuvor in Bristol, Jena und in Hamburg am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Der damalige Direktor Klaus Hasselmann, der jetzt auch einen Nobelpreis bekommen hat, war eine Inspiration für mich. Er hatte einerseits diese Vision, die Welt mit mathematischen Methoden zu erfassen, und gleichzeitig hat er sich für extrem viele Themen interessiert.

Mein Anliegen in der Forschung war eigentlich immer, biologische Prozesse mit in Klimamodelle einfließen zu lassen. Es geht bei der Modellierung ja um große Skalen, um den Globus als Ganzes. Ich habe dann versucht, Beobachtungen aus der terrestrischen Biosphäre systematisch in die Modelle einzubeziehen. Dass die Klimawissenschaft als Klimamodellierungswissenschaft verstanden wurde, das fand ich zunehmend problematisch. Mathematische Modelle helfen uns nicht aus der Krise.

In einem Interview mit Jem Bendell, der das "Deep Adaptation"-Paper veröffentlicht hatte, sprach ich das zum ersten Mal aus: Wir Klimawissenschaftler haben die Menschheit im Stich gelassen. Zum Beispiel durch diese Langzeit-Modelle, die ein falsches Gefühl von Kontrolle über die Situation vermitteln. Dabei ist das Schwierige nicht das Klimasystem, sondern die Frage, wie wir als Gesellschaft mit der Situation umgehen.

Ausgeforscht

Drei promovierte Klimawissenschaftler:innen erzählen, warum sie aus der Forschung ausgestiegen sind – und wie sie nun stattdessen mit der Klimakrise umgehen. Eine Kurzserie.

 

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Für das Online-Magazin The Conversation habe ich diesen Gedanken noch weiter ausgeführt. Wissenschaftler sind konservativ, das ist der Modus Operandi der Wissenschaft: Bevor eine neue Hypothese akzeptiert wird, muss sie minutiös geprüft werden, um sicherzustellen, dass wir nicht falsch liegen. Das ist gut so – nur hat diese Arbeitsweise dazu geführt, dass Klimawissenschaftler regelmäßig unterschätzen, wie schnell das Klima instabiler wird und wie groß die Risiken sind, die damit für die Menschheit einhergehen.

Ich sehe nicht, dass wir einen Weg einschlagen, die Naturzerstörung, die Vergiftung und die Belastung des Planeten mit Treibhausgasen zu stoppen. Das treibt mich um. Wenn wir weiter von netto null träumen, hört die Ressourcenübernutzung nicht auf. Es geht um so viel mehr als CO2.

Ich würde mir wünschen, dass 2022 das Jahr wird, in dem das Bewusstsein nicht nur über CO2, sondern auch über Machtstrukturen in der Klimadebatte wächst – Strukturen, die uns daran hindern, ehrlich und mit vollem Bewusstsein der Krise zu begegnen.

Aufgezeichnet von Theresa Leisgang

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