Ökonomie der Biodiversität

Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist Voraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften. Das hat nun auch ein Bericht des Top-Ökonomen Partha Dasgupta im Auftrag der britischen Regierung festgestellt. Seine Empfehlungen an die Politik bleiben im ökonomischen Mainstream. Aber nur auf den ersten Blick.


Wiesenpieper
Wiesenpieper am Xantener Altrhein in einer der letzten Flussauen Deutschlands. (Foto: Frebeck/Wikimedia Commons)

Es ist noch nicht lange her, dass namhafte Politiker:innen hierzulande glaubten, sie müssten ihre ökonomische Kompetenz durch abfällig-ironische Bemerkungen über Naturschutzziele zum Ausdruck bringen.

Ob die Mopsfledermaus oder das Haselhuhn eine Autobahnplanung zu verhindern drohten, der Feldhamster oder der Kammmolch die Erschließung eines Gewerbegebietes verzögerten, eine Orchideenwiese oder ein Feuchtgebiet dem zügigen Bau einer Fabrik im Wege standen oder sich Schweinswale partout dort herumtrieben, wo ein großer Offshore-Windpark vorgesehen war, stets wurde von den vermeintlich wirtschaftskompetenten Spaßvögeln das gleiche Klischee gepflegt:

Von solcherlei Kinkerlitzchen und Sentimentalitäten könne man sich doch beim Verfolgen großer Projekte der Wirtschaftsförderung nun wirklich nicht aufhalten lassen. Und überhaupt sei der Eingriff ja an anderer Stelle wieder auszugleichen.

Wie hoffnungslos altbacken und falsch eine Sichtweise ist, die Naturschutz als weiches Luxusthema deklariert, hat nun eindrucksvoll ein Bericht im Auftrag der britischen Regierung gezeigt. Das dortige Finanzministerium, das Schatzamt Ihrer Majestät, hat von dem renommierten Cambridge-Ökonomen Partha Dasgupta eine Zusammenschau des Wissens über das Verhältnis von Ökonomie und biologischer Vielfalt erbeten, deren Ergebnisse nun seit einigen Wochen vorliegen.

Der 600-Seiten-Bericht mit dem Titel "The Economics of Biodiversity" fußt auf den umfassenden Vorarbeiten des Weltbiodiversitätsrates IPBES, der in zahlreichen Publikationen gezeigt hat, wie sehr menschliche Gesellschaften von den Gratisleistungen der Natur profitieren, zugleich aber große Teile der Natur übernutzen, überformen und zerstören:

75 Prozent der Landoberfläche und 66 Prozent der Meeresfläche sind stark verändert. Über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind zerstört. Das Artensterben liegt heute hunderte Male höher als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Der IPBES schätzt, dass in den nächsten Jahrzehnten rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind.

Der Ansatz von Dasgupta und seinem Team besteht nun darin, zu fragen, warum Landschaftsvielfalt, Artenvielfalt und genetische Vielfalt von der heute vorherrschenden Wirtschaftsweise so systematisch zerstört werden: Warum entnehmen wir der Natur deutlich mehr Ressourcen, als ihre Regenerationskraft eigentlich hergibt? Warum überstrapazieren wir ihre Fähigkeit, Leistungen wie Wasserspeicherung, Luftreinhaltung, Klimastabilität oder Pflanzenbestäubung zu erbringen, die doch ein Faktor der Mitproduktivität sind?

Warum muten wir ihr Abfälle, Abwässer und Abgase in einem Ausmaß zu, das sie nicht verarbeiten kann? Warum lassen wir immer weniger Platz für nicht-menschliche Mitlebewesen? Und warum gefährden wir durch all dies die materielle Basis unserer Existenz und die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder?

Naturkapital einbeziehen

Dasguptas Antworten auf diese Fragen klingen zunächst in weiten Teilen so, wie man sie von einem Mainstream-Ökonomen erwarten würde: In den Nachkriegsökonomien der industrialisierten Welt sei es nicht verwunderlich gewesen, dass zunächst das produzierte Kapital – Häuser, Fabriken, Infrastrukturen, Fahrzeuge – im Vordergrund gestanden habe.

Mit zunehmender Entwicklung sei dann die Bedeutung des Humankapitals hinzugekommen, also die Rolle der Bildung, der Ausbildung und der Forschung. Dies werde nun in ähnlicher Weise in den Ländern der Südhemisphäre nachvollzogen, in denen es oft noch an elementarsten Existenzbedingungen mangele.

Über diese starke Ausrichtung an produziertem Kapital und Humankapital sei aber die Natur als Existenzgrundlage zunehmend vergessen worden. Diese gelte es deshalb nun als Naturkapital zu erfassen, zu monetarisieren, zu bilanzieren und so in die Entscheidungsprozesse von Regierungen, Unternehmen, Finanzinstitutionen und Zivilgesellschaft zu integrieren.

Porträtaufnahme von Reinhard Loske.
Foto: privat

Reinhard Loske

ist Präsident der Cusanus Hochschule für Gesellschafts­gestaltung in Bernkastel-Kues und dort auch Professor für Nachhaltigkeit. Zuvor war er Umwelt­senator in Bremen und Bundes­tags­abgeordneter der Grünen. Neben seinem Ökonomie- und Politologie­studium hat Loske in den 1980ern in Westfalen auch Feldforschung an Amphibien und Reptilien betrieben.

Kurz: Das Portfolio der Entscheidungsträger:innen müsse in Zukunft drei Kapitalformen beinhalten: produziertes Kapital, Humankapital und Naturkapital, sodass andere Abwägungsprozesse stattfänden und die Naturvergessenheit ein Ende finde.

Neben der Inwertsetzung und Bepreisung der Natur und ihrer Leistungen und den entsprechenden Berichtssystemen sieht Dasgupta als weitere Herausforderungen den Abbau ökologisch schädlicher Subventionen und höhere Investitionen in den Schutz und die Regeneration der Natur. Durch Subventionen entstünden in Bereichen wie Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau, aber auch Verkehr, Energiewirtschaft und Industrie gewaltige Fehlanreize, die gleichermaßen zu Umweltzerstörung und Marktverzerrungen führen würden.

Bei der digitalen Erstpräsentation seiner Ergebnisse in der Royal Society gemeinsam mit Boris Johnson und Prinz Charles stellte Dasgupta kühl fest: "Wir bezahlen uns praktisch noch dafür, dass wir die Natur aufzehren." Das müsse schnellstmöglich beendet werden.

Den gewaltigen Schäden für den Naturhaushalt durch Subventionen stünden viel zu geringe Investitionen in den Erhalt und die Entwicklung von Naturschutzgebieten und die Wiederherstellung von erodierten Naturflächen gegenüber. Sie liegen bei lediglich 0,1 Prozent des globalen Sozialprodukts und müssen nach Dasguptas Einschätzung stark erhöht werden.

Die Kombination aus unterlassener Subventionierung von Naturzerstörung und dem präventiven Investieren in Naturerhalt biete heute enorme Chancen für eine nachhaltige Entwicklung und eine sozial-ökologische Transformation, sagte der Ökonom. Der Schutz der biologischen Vielfalt ist hier kein weiches Luxusthema mehr, sondern ein hartes ökonomisches Thema.

Bis hierher merkt man Dasgupta an, dass er durchaus dem Lager der konventionellen Standardökonomik zuzurechnen ist, das die fundamentale Kritik an Wachstums- und Akkumulationszwängen, Konsumismus und Überglobalisierung, Effizienzfetisch und Wettbewerbsidealisierung weitgehend meidet. Das erhöht natürlich die Anschlussfähigkeit an die Hauptdiskurse der Politik, in denen grüne Märkte, grüne Technologien, grüne Jobs und grünes Wachstum gern gehörte Chancen-Erzählungen sind.

Boris Johnson, bekennender Fan von grüner Gentechnik und sogenannten "naturbasierten" Kompensationsansätzen, wie etwa Aufforstung in den Ländern des globalen Südens für realisierte Industrieprojekte im globalen Norden, war denn auch voll des Lobes für den Dasgupta-Report, der zeige, dass Wirtschaftswachstum und Biodiversitätsschutz Hand in Hand gehen können, wenn denn die Anreizsysteme nur richtig kalibriert würden.

Es verwundert deshalb nicht, dass viele Umweltaktivistinnen und -aktivisten in Großbritannien mit Skepsis auf den Dasgupta-Report schauen, so etwa George Monbiot, regelmäßiger Guardian-Kolumnist: Die Ökonomisierung immer weiterer Bereiche des Lebens habe uns doch gerade in die Umweltkrise geführt. Und nun versuche man uns weiszumachen, dass alles besser werde, wenn die gesamte Natur ökonomisiert wird, um im Widerstreit der Interessen besser abzuschneiden. Das sei weder glaubwürdig noch erfolgversprechend.

Wirtschaften innerhalb planetarer Grenzen

Liest man den Dasgupta-Report jedoch von der ersten bis zur letzten Seite, dann lässt sich leicht erkennen, dass das Denken des Autors keineswegs beim Aufstellen grüner Preisschilder endet, sondern von der Notwendigkeit ausgeht, das ökonomische System wieder stärker in das Natursystem einzubetten, dessen Teil es in Wahrheit ist.

Er empfiehlt, klare Grenzen der Naturnutzung zu ziehen, die sich an der Regenerationskraft der jeweiligen Natursysteme ausrichten, etwa der Atmosphäre, der Böden und Wälder oder der Hydrosphäre. Es wird also kein Nachtwächterstaat propagiert, der alles den sogenannten Märkten überlässt, sondern ein Rahmen und Ziele setzender, regulierender und polyzentrischer Staat, der überdies in multilaterale Verträge eingebunden ist.

Eine Empfehlung etwa lautet, dass bis 2030 alle Staaten 30 Prozent ihrer Land- und Meeresflächen zu Naturschutzgebieten erklären und entsprechende Management- und Investitionspläne präsentieren müssen. Bislang liegen die entsprechenden Anteile bei fünfzehn Prozent an Land und lediglich sieben Prozent auf dem Meer.

Die gegenwärtige Corona-Pandemie, an deren Entstehung und Verbreitung Wildtiere wahrscheinlich ursächlich beteiligt sind, sehen Dasgupta und sein Team als Mahnruf dafür, dass wir in der Respektlosigkeit gegenüber der Natur bereits zu weit gegangen sind.

Um den wesentlich zu hohen Nutzungsdruck auf die Natursysteme abzusenken, werden neben Naturschutzgebieten auch neue Regeln für eine Kreislaufwirtschaft vorgeschlagen, die Vermeidungsstrategien ebenso einschließen wie Wiederverwertungs- und Recyclingstrategien und Standards für gemeinschaftliche Nutzungsformen von Gütern und Diensten in der "Sharing Economy". In den globalen Lieferketten seien ökologische und menschenrechtliche Prinzipien konsequent anzuwenden und durch Transparenz kenntlich zu machen.

Diese Vorschläge zur Absenkung der Nachfrage nach Natur dürften wesentlich weniger kontrovers diskutiert werden als diejenigen zur Erhöhung des Angebots an Natur, von der grünen Gentechnik bis zum sogenannten Precision Farming, die in der Gefahr stehen, die Landwirtschaft durch Patente zu einem profitablen Geschäftsfeld für Digital-, Saatgut- und Chemiekonzerne zu machen, sodass die Bäuer:innen zu Abhängigen und Verlierer:innen werden, vor allem die Kleinbäuer:innen.

Fundamentale Kritik übt Dasgupta an der Fixierung auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als zentralem Wohlstandsindikator. Dieser Indikator sei von seinen Erfindern nie als reiner Erfolgsmaßstab gemeint gewesen, sondern als Messgröße zur Erfassung des Flusses von Gütern und Dienstleitungen in einem Territorium innerhalb eines Jahres.

Zu bestimmten Dingen könne das BIP als Flussgröße gar keine Aussagen machen, etwa zur Qualität der Sozialbeziehungen, zur Verteilungsgerechtigkeit und eben zum quantitativen und qualitativen Zustand der Natur. Letzterer nämlich müsse als Bestandsgröße, als stock, verstanden werden.

Das Schwinden der Ressourcenbestände oder der biologischen Vielfalt sowie die nachlassende Regenerationskraft der Natursysteme spiegele sich gar nicht im BIP, sodass wir längst in einer Wohlstandsillusion lebten. Nur neue Wohlstandsindikatoren, die auch ökologische und soziale Kriterien einbeziehen, könnten hier Klarheit schaffen.

Zusammenhänge verstehen

Dieses Gefühl, trotz allgegenwärtiger Fortschritts- und Wachstumsrhetorik in einer sich verschlechternden Welt zu leben, kennen gerade viele junge Menschen. Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion sind hier nur die Spitze des Eisbergs.

Es ist deshalb konsequent, wenn Dasgupta am Ende seines Reports neben den veränderten ökonomischen Rahmenbedingungen, politischen Regulierungsbedarfen und dem Einfordern gerechterer Nord-Süd-Beziehungen die große Bedeutung von Wissen, Verstehen und individuellem wie gesellschaftlichem Handeln herausarbeitet.

Sicher, Bildung ist nicht alles. Aber ein solides Wissen über die Bedingungen von biologischer Vielfalt, Naturschutz und Klimastabilität sowie über den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur sollte heute zum Grundkanon gehören – in Kindergärten, Schulen und Hochschulen genauso wie in Betrieben und Gewerkschaften, Verbänden und Kirchen, Parlamenten und Regierungen. So entsteht Wertschätzung für die Natur – und vielleicht auch Faszination und Liebe zu ihr.

Sich über die Mopsfledermaus lustig zu machen und sie als belanglos herabzuwürdigen, würde dann vielleicht nur noch peinlich wirken. Oder bleiben wir positiv: Wer die Mopsfledermaus wieder regelmäßig in der Abenddämmerung herumflattern sieht, erkennt vielleicht mehr Zukunftsfähigkeit als der, dessen Blick sich ängstlich und ausschließlich auf die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts richtet.

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