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Artensterben bedroht Wohlstand der Menschheit

Der Schwund der biologischen Vielfalt ist weltweit ungebremst – angetrieben von den menschengemachten Veränderungen in Natur- und Kulturlandschaften. Dabei wollten die Vereinten Nationen den Artenverlust bis 2020 halbieren. Der Bericht des Weltbiodiversitätsrates könnte ein Weckruf werden.


Baumfarn im peruanischen Bergwald
Wahrzeichen aus der Urzeit und heute unter Druck: Baumfarn im peruanischen Bergwald. (Foto: Carlos Martin Vega Ocaña/Pixabay)

Drei Jahre lang haben Forscher aus aller Welt das Wissen um den Zustand der Arten zusammengetragen und analysiert. Mehrere tausend Studien haben sie ausgewertet. Auch wenn der 1.500 Seiten starke Bericht des Weltbiodiversitätsrates IBPES noch nicht veröffentlicht wurde, ist schon jetzt klar: Um die Artenvielfalt steht es schlecht.

Wie vorab bekannt wurde, sind zwischen 500.000 und einer Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Sie könnten schon in den kommenden Jahrzehnten verschwinden.

Die Geschwindigkeit, mit der Tiere und Pflanzen aussterben, ist heute zehn- bis hundertmal höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. Experten sprechen von einem Massenaussterben – dem sechsten massiven Artenverlust in der Geschichte. Der letzte ereignete sich vor rund 66 Millionen Jahren, nachdem ein kilometergroßer Asteroid auf der Erde einschlug.

Details des globalen Berichts zum Zustand der Natur sind bislang noch nicht bekannt. Am Montag begannen die Beratungen des Weltbiodiversitätsrates in Paris. Zum Auftakt des Treffens (siehe Video) erklärte IPBES-Präsident Robert Watson: "Die Belege sind unbestreitbar: Die Zerstörung der Artenvielfalt und der Ökosysteme hat ein Niveau erreicht, das unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie der durch den Menschen verursachte Klimawandel."

Den Ursachen des Artenschwundes auf der Spur

Bis zum Wochenende verhandeln die Delegierten der 132 IPBES-Mitgliedsstaaten über den Wortlaut der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Das Dokument soll die wesentlichen Aussagen des gesamten Berichts auf knapp 40 Seiten zusammenfassen und den Politikern als Handlungsgrundlage dienen.

"In Paris wird das Dokument Satz für Satz, Wort für Wort durchdiskutiert. Das dauert entsprechend lange", sagte Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, einer der drei Co-Vorsitzenden des Biodiversitätsberichts. "Es ist viel Energie nötig, viel Durchhaltevermögen, Geduld und Diplomatie." Dennoch ist der Biologe zuversichtlich, dass die Zusammenfassung 95 bis 98 Prozent von dem enthalten wird, was sich die Forscher vorstellen.

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Für den Gesamtbericht haben die Forscher rund 15.000 wissenschaftliche Publikationen zur Biodiversität ausgewertet; er dokumentiert, wie sich die biologische Vielfalt und die Leistungen der Ökosysteme in den vergangenen 50 Jahren weltweit verändert haben.

Dabei geht es auch um die Ursachen. "Vor allem die Landnutzung zeichnet sich seit Langem als entscheidender Treiber des Biodiversitätsverlustes einschließlich des Insektenschwundes ab", so Biologe Settele. Die Landnutzungsanalyse sei deshalb ein besonders wichtiger Teil der Arbeit am neuen Bericht gewesen.

Wie umfassend der Verlust der Artenvielfalt in der Welt ist und wie schnell er voranschreitet, hatte zuletzt 2005 das Millennium Ecosystem Assessment der Vereinten Nationen gezeigt. Die Ökosysteme waren demnach in den vergangenen fünfzig Jahren größeren Belastungen ausgesetzt als je zuvor. Eine Umkehr sei dringend nötig, hieß es schon damals.

Warum es trotzdem 14 Jahre brauchte, bis die Weltgemeinschaft eine erneute Abschätzung des Zustands der weltweiten Artenvielfalt vornahm, kann Josef Settele nicht beantworten. "Das ist vielleicht ein Indikator dafür, wie langsam letztlich solche Prozesse in Gang kommen", sagte der UFZ-Biologe. Das Thema erfuhr aus Sicht des Forschers in den vergangenen Jahren aber mehr Aufmerksamkeit, so gab es eine breite Debatte zum Insektensterben.

Schon jetzt ist klar, dass die internationalen Ziele zum Schutz der Biodiversität weitgehend verfehlt werden. 2010 hatten die Staaten der Biodiversitätskonvention CBD einen strategischen Plan zum Erhalt der Artenvielfalt mit den sogenannten Aichi-Zielen beschlossen. Bis 2020 sollten der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden.

"Es steht ein Weckruf bevor"

Weil die Biodiversitätsziele nur bis 2020 gelten, sollen sie im kommenden Jahr auf der CBD-Vertragsstaatenkonferenz im chinesischen Kunming durch neue, wirksame Vorgaben ersetzt werden. Der IPBES-Bericht, der am kommenden Montag in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, trägt deshalb den aktuellen wissenschaftlichen Sachstand zusammen und gibt Prognosen zur Entwicklung der biologischen Vielfalt bis 2050, sodass die Politiker notwendige Handlungen daraus ableiten können.

Artenvielfalt und Klima

Biodiversität und Klima sind eng miteinander verwoben. Auch ohne Klimawandel ist ein beachtlicher Anteil der Arten bedroht, aber der Klimawandel verschärft den Druck auf die Ökosysteme noch.

"In Paris steht Politik und Wirtschaft ein deutlicher Weckruf bevor", sagte Günter Mitlacher, Biodiversitätsexperte beim WWF. Die Artenschutzstiftung veröffentlicht regelmäßig den Living Planet Report, der den Ressourcenverbrauch der Menschheit und seine katastrophalen Auswirkungen anhand ausgewählter Tier- und Pflanzenarten dokumentiert. Die Bestände von Wirbeltieren sind demnach seit 1970 um mehr als die Hälfte geschrumpft, in einigen Teilen Süd- und Mittelamerikas sogar um fast 90 Prozent.

Für Mitlacher ist klar: "Es ist an den politischen Entscheidungsträgern und Unternehmensführern, die Fakten ernst zu nehmen und konsequenter als bisher umzusteuern."

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