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Klimapolitische Gelegenheits­fenster, ungerechter Meeres­spiegel­anstieg und ein Paris-Abkommen mit Biss

Kalenderwoche 40: Klimaschutzmaßnahmen sollten mit Maßnahmen zum Erhalt der naturnahen Ökosysteme verquickt werden, wie es "Extinction Rebellion" fordert, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Das sollte auch im geplanten deutschen Klimaschutzgesetz geschehen.


Hartmut Graßl. (Foto: MPI-M)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporte: Herr Graßl, der Weltklimarat hat kürzlich seinen Sonderbericht zu den Ozeanen und Eisgebieten veröffentlicht. Was war die für Sie eindrücklichste Botschaft?

Hartmut Graßl: Aus meiner Sicht ist der noch besser eingegrenzte, dabei aber auch wesentlich erhöhte und bis zum Jahr 2300 mit Zahlen belegte mittlere Meeresspiegelanstieg die zentralste Botschaft.

Wir reden jetzt über Meter und nicht mehr über Zentimeter.

In anderen Worten: Bei allen bisherigen Eiszeit-Zwischeneiszeit-Zyklen gab es in den hohen geografischen Breiten eine mindestens doppelt so hohe Erwärmung oder Abkühlung wie im globalen Mittel. Das wird auch bei dem durch uns Menschen erhöhten Treibhauseffekt zu massivem Eisverlust in Grönland und der Antarktis führen. Der Meeresspiegelanstieg ist das Damoklesschwert bei der Klimadebatte.

Bisher ist dabei in der Diskussion eine Ungerechtigkeit kaum erwähnt worden, nämlich die überdurchschnittliche Erhöhung des Meeresspiegels in den Tropen. Weil der Massenverlust in den Polargebieten auftritt, schrumpft dort die Anziehungskraft der Erde, sodass das Schmelzwasser sich überwiegend in niederen Breiten sammelt. Die Folgen tragen die Entwicklungsländer im sogenannten globalen Süden also stärker, obwohl sie wenig zur Erwärmung beigetragen haben.

Erst in Jahrtausenden wird sich der Erdkörper dann wesentlich angepasst haben. So steigt Skandinavien zum Beispiel heute noch auf, weil es vor mehr als 10.000 Jahren einen Eisschild mit etwa drei Kilometern Höhe verloren hat.

Ab morgen hat "Extinction Rebellion" Blockadeaktionen in mehreren Ländern angekündigt. Die Bewegung fordert, dass Industrieländer wie Deutschland bis 2025 klimaneutral werden. Das deckt sich in etwa mit dem, was laut einer neuen Berechnung des CO2-Budgets nötig ist, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Glauben Sie noch daran, dass die Temperaturmarke eingehalten wird?

Im Paris-Abkommen, dem für fast alle Länder völkerrechtlich verbindlichen Abkommen zum Klimaschutz, steht das 1,5-Grad-Ziel nicht als Hauptziel, sondern es wird neben diesem als anstrebenswertes und forderndes Ziel genannt. Das eigentliche Ziel ist eine mittlere globale Erwärmung wesentlich unter zwei Grad – "well below two degrees" – im Vergleich zum vorindustriellen Wert. Das ist die Richtschnur für die Vertragsstaaten.

Dass die sich um den IPCC-Bericht zum 1,5-Grad-Ziel scharenden Umweltaktivisten seit Monaten drastischere Forderungen stellen, ist normal. Sie verdeutlichen die große Herausforderung, gegenüber der die Reaktionen und geplanten Maßnahmen der Vertragsstaaten fast schon lächerlich wirken.

Was ich in diesem Zusammenhang begrüße, ist eine Verquickung der Maßnahmen zum Klimaschutz mit denen zum Erhalt der naturnahen Ökosysteme, wie es Extinction Rebellion will. Das sollte auch im geplanten deutschen Klimaschutzgesetz geschehen.

Als Klimaforscher tragen Sie seit Jahrzehnten dazu bei, Erkenntnisse über die Klimakrise zu gewinnen und an Politik und Öffentlichkeit zu kommunizieren. Seit einem Jahr ist, auch durch Fridays for Future, noch mal Bewegung in die Klimadebatte gekommen – große politische Taten lassen aber weiter auf sich warten. Wie blicken Sie auf die aktuelle Klimapolitik?

Die Transformation einer verschwenderischen Gesellschaft auf der Basis unbegrenzter Nutzung von Rohstoffen in eine nachhaltige Wissensgesellschaft wird wie jede Transformation Gewinner und Verlierer sehen. Also sind bei einer Energiewende hin zu erneuerbaren Energieträgern die Besitzer von und Händler mit fossilen Rohstoffen die zentralen Verlierer, im Brennglas zu besichtigen bei dem geplanten Braunkohleausstieg in Deutschland.

Fridays for Future hat schon jetzt als Beschleuniger zum Ende der Nutzung fossiler Brennstoffe beigetragen, denn die jungen Leute haben die Groko mit ihrem Klimaschutzpäckchenentwurf erstens stabilisiert, zweitens bei den Wahlen abgestraft und sie werden somit drittens im Bundesrat zu einem verbesserten Päckchen, hoffentlich einem Paket, Anstoß geben.

Als Klimaforscher, der schon seit fast vier Jahrzehnten die Öffentlichkeit informiert, habe ich schon mehrere Gelegenheitsfenster für die Klimapolitik erlebt. Jetzt bekommt das Paris-Abkommen, der zentrale Meilenstein, hoffentlich Biss.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die zentralen wissenschaftlichen Meilensteine für den Bereich der Klimaänderungen durch den Menschen sind bekanntlich die bewertenden Berichte des IPCC.

Mich hat besonders überrascht, was in einem Editorial von Nature Climate Change berichtet wurde: Die bisher am sechsten IPCC-Bericht teilnehmenden Modelle berechnen eine Klimasystemempfindlichkeit von 4,7 Grad Celsius bei Verdoppelung des vorindustriellen CO2-Gehalts. Bisher war in allen Berichten mit 4,5 Grad gerechnet worden.

Damit ist jetzt schon klar, dass es zu keinerlei Entwarnung kommen wird, wenn im Frühjahr 2021 die Arbeitsgruppe 1 des IPCC ihren sechsten bewertenden Bericht veröffentlichen wird.

Fragen: Susanne Schwarz

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