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"Wir sind von den Meeren abhängig"

Die Meeres-Ökosysteme verändern sich durch den Klimawandel immer schneller und bedrohen immer mehr Menschen, warnt der heute erschienene Sonderbericht des Weltklimarates IPCC zu den Ozeanen und Eisgebieten. Die Staaten müssten dringend den Treibhausgas-Ausstoß verringern.


Antarktis
Ozeane, Polargebiete und Hochgebirge sind für viele Menschen weit weg. Gerade von dort kommen aber immer lautere Alarmsignale. (Foto: Vincent van Zeijst/​Wikimedia Commons)

Der Meeresspiegel steigt höher als bisher vorausgesagt, Gletscher und Permafrost-Böden schmelzen noch schneller als gedacht, und die Wirbelstürme in den Tropen werden stärker. Das sind Kernpunkte des neuen Sonderberichts des Weltklimarates IPCC zum Einfluss der Erderwärmung auf die Ozeane und die Eisgebiete (Kryosphäre), der am Mittwoch in Monaco vorgestellt wurde.

Die Wissenschaftler warnen davor, dass sich die Wasser-Ökosysteme aufgrund des fortschreitenden Klimawandels immer stärker verändern und dadurch auch immer mehr Menschen bedrohen werden.

Die Staaten müssten dringend den Treibhausgas-Ausstoß verringern, um die gravierendsten Folgen noch zu verhindern. "Die offene See, die Arktis, die Antarktis und das Hochgebirge dürften für viele Menschen sehr weit weg sein", sagte der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee. "Aber wir sind von ihnen abhängig."

Der Meeresspiegel, der im 20. Jahrhundert um 16 Zentimeter angestiegen ist, droht sich laut dem Report bis 2100 um weitere 84 Zentimeter zu erhöhen, falls der Ausstoß der Treibhausgase wie bisher weiter stark zunimmt. Obere Schätzungen gehen sogar von 110 Zentimetern aus.

Der Anstieg sei derzeit etwa doppelt so hoch wie im Mittel im letzten Jahrhunderts, nämlich 3,6 Millimeter pro Jahr. Mit schnellen und beherzten Emissionsminderungen könne das Plus in etwa halbiert werden. Ohne CO2-Minderung würde sich der Anstieg nach 2100 sogar weiter beschleunigen, im Jahr 2300 könne dann ein Plus von 5,4 Metern erreicht sein.

Mehr Wetterextreme in Millionenstädten nahe den Küsten

Der Report warnt vor häufigeren Wetterextremen in zahlreichen küstennahen Millionenstädten wie Shanghai oder New York und auf den flachen Inseln. Bereits ab 2050 seien hier jährlich Extreme wie Überschwemmungen und Riesenwellen möglich. Zudem werde die Heftigkeit von Wirbelstürmen – Hurrikanen, Zyklonen und Taifunen – zunehmen. Situationen, die früher nur einmal im Jahrhundert verzeichnet wurden, könnten ab Mitte des Jahrhunderts jedes Jahr auftreten.

Da die Zahl der Bewohner von Küstenregionen bis dahin nach Prognosen von derzeit 670 Millionen auf über eine Milliarde ansteigen wird, seien immer mehr Menschen von den Folgen des Klimawandels direkt betroffen. Auf kleinen Inseln leben zurzeit rund 65 Millionen Menschen. "Einige Inseln werden wahrscheinlich unbewohnbar werden", so der IPCC.

Ursache für die Meeresspiegelerhöhung sind das Schmelzen der Eismassen und die Ausdehnung des Wassers aufgrund der Erwärmung. Gletscher werden laut den Experten bis 2100 im globalen Durchschnitt um ein Drittel schrumpfen, wenn die CO2-Emissionen nicht gesenkt werden, in Europa droht sogar ein Verlust von vier Fünftel des Eisvolumens.

Hinzu kommt das Auftauen der Permafrost-Böden in Sibirien, Alaska und Nordkanada, wodurch große Mengen der Klimagase Methan und CO2 in die Atmosphäre gelangen. Das könnte eine starke weitere Aufheizung bedeuten, denn laut Report würden im Extremfall Hunderte Milliarden Tonnen Kohlenstoff zusätzlich frei. Derzeit werden pro Jahr durch menschliche Aktivitäten elf Milliarden Tonnen ausgestoßen.

Die Meere nehmen die zusätzliche Hitze im Klimasystem auf

Der Bericht unterstreicht, dass die Weltmeere bei der Stabilisierung des Klimas eine zentrale Rolle spielen. Sie haben danach seit den 1980er Jahren zwischen 20 und 30 Prozent der vom Menschen erzeugten Treibhausgase aufgenommen und speichern rund 90 Prozent der zusätzlichen Hitze im Klimasystem.

Folge davon ist, dass die Ozeane wärmer, durch Bildung von Kohlensäure saurer und auch sauerstoffärmer geworden sind, was sich auf viele Meeresbewohner negativ auswirkt. Die Gesamtmasse der Tiere in den Ozeanen droht bis 2100 um bis 15 Prozent zu sinken, das Fangpotenzial der Fischerei dadurch um bis zu 24 Prozent.

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Laut dem Report haben zudem die Häufigkeit und die Intensität von Hitzewellen im Meer zugenommen. Sie seien inzwischen doppelt so wahrscheinlich wie noch in den 1980er Jahren. Eine solche Hitzewelle hat etwa am weltgrößten Korallenriff, dem Great Barrier Reef von der australischen Küste, große Schäden angerichtet.

Die Experten warnen, dass Extremereignisse generell in Zukunft häufiger in Serie oder in "Kaskaden" auftreten könnten. Dadurch hätten die betroffenen Regionen weniger Zeit, sich zu erholen, und müssten mit mehreren Problemen gleichzeitig kämpfen.

Für den neuen Report haben über 100 Forscher aus 36 Ländern rund 7.000 wissenschaftliche Schriften zusammengefasst und bewertet. Die Kurzfassung für politische Entscheidungsträger war am Dienstag auf einer IPCC-Sitzung in Monaco gegen den Widerstand des Öllandes Saudi-Arabien angenommen worden, wie Teilnehmer berichteten. Dadurch wurde eine abschießende Marathonsitzung nötig.

Die Saudis hätten "die wissenschaftlichen Grundlagen infrage gestellt", hieß es. Von einer Strategie der "Verhinderung" war die Rede.

Lesen Sie dazu unsere Kolumne: Der Streik der Klimaforscher

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