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Forschung zur Erhaltung des Planeten ist selten preiswürdig

Das wissenschaftliche Frühwarnsystem der Umweltforschung ist heute für uns Menschen und alle anderen Lebewesen entscheidend. Dass diese Forschung so selten und so spät für nobelpreiswürdig erachtet wird, ist überraschend und unverständlich.


Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Hartmut Graßl. (Foto: Christoph Mischke/​VDW)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Als mich am 5. Oktober ein früherer Mitarbeiter über die Verleihung des Physik-Nobelpreises an meinen Direktorenkollegen und Gründungsdirektor Klaus Hasselmann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg informierte, war ich nicht nur überrascht, ich war auch so voller Freude wie selten in meinem Leben.

Dass der Preis gemeinsam an Klaus Hasselmann und Syukuro Manabe und damit an zwei Klimamodellierer ging, erinnerte mich sofort an meine erste Vorlesung an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum erhöhten Treibhauseffekt der Atmosphäre durch Zunahme der Kohlendioxidkonzentration in der Luft. In der "Einführung in die Meteorologie" im Wintersemester 1960/61 berichtete Ordinarius Fritz Möller über seine Arbeit während eines Sabbaticals zusammen mit Manabe und Kollegen an der Universität Princeton in den USA.

Zum ersten Mal hatten die Meteorologen einen verdoppelten CO2-Gehalt in dem damals einzigen verfügbaren Modell der allgemeinen Zirkulation der Atmosphäre wirken lassen. Das Ergebnis war, so erinnere ich mich, eine Erwärmung an der Erdoberfläche um einige Grad Celsius. Das hat sich auch im jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC vom August 2021 nicht wesentlich geändert, nur die Fehlerbalken sind jetzt kleiner.

Anerkennung mit jahrzehntelanger Verspätung

Mir persönlich war die fundamentale Bedeutung der 26 Jahre alten wissenschaftlichen Veröffentlichung von Klaus Hasselmann, für die er erst jetzt den Nobelpreis bekam, von Anfang an klar. Im Seminarraum unseres Hamburger Instituts stellte er sie im März 1995 bei einer Pressekonferenz in Anwesenheit des damaligen Forschungsministers Jürgen Rüttgers vor. Ich habe sie damals und auch später vereinfacht so zusammengefasst: "Das Klimasignal des Menschen ist entdeckt."

Mit dem gekoppelten Atmosphäre-Ozean-Land-Modell aus seiner Abteilung, seiner neuen mathematischen Fingerabdruck-Methode zur Entdeckung des Einflusses unterschiedlicher Klimafaktoren auf die beobachtete, auch höhen- und breitenabhängige Temperaturänderung sowie die zeitabhängige Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre war Hasselmann folgende Aussage möglich: Die beobachtete Erwärmung der Luft in Oberflächennähe – damals noch wesentlich weniger als ein Grad – ist bei unter fünf Prozent Irrtumswahrscheinlichkeit von uns Menschen verursacht.

Rasch hatten andere Gruppen bis zum Sommer 1995 mit leicht unterschiedlichen Nachweismethoden ähnliche Aussagen veröffentlicht, sodass bei der Sitzung der IPCC-Arbeitsgruppe 1 Ende Juli 1995 in Asheville in North Carolina die Kurzusammenfassung des vollständigen zweiten IPCC-Berichts die Überschrift bekam: "Die Beweislage deutet auf einen erkennbaren menschlichen Einfluss auf das globale Klima hin."

Um Mitternacht nach der Sitzung der zwölfköpfigen Gruppe, die vom Vorsitzenden John Houghton mit der Kurzfassung betraut war, war uns Wissenschaftlern klar, dass unsere Schlagzeile – sie ist noch leicht verändert worden – die Politik bewegen würde.

Das Kyoto-Protokoll von 1997 war dann die politische Antwort. Allerdings musste ich bis 2021 auf die Erfüllung meiner damaligen Voraussage warten: "Dafür wird Klaus Hasselmann nach einem völkerrechtlich bindenden Vertrag zur Klimapolitik den Nobelpreis bekommen."

Frühwarnsystem Wissenschaft

Der Physik-Nobelpreis für die beiden Klimaforscher ist erst der zweite Nobelpreis für Umweltforschung nach dem Nobelpreis für Chemie im Jahr 1995 an Paul Crutzen, Sherwood Rowland und Mario Molina. Alle drei haben fundamentale Arbeiten zur Erklärung der Schwächung der stratosphärischen Ozonschicht durch chlorhaltige und andere vom Menschen in die Atmosphäre entlassene Spurenstoffe veröffentlicht.

Wegen der beobachteten extremen Schwächung der Ozonschicht über der Antarktis im dortigen Frühjahr, aber auch einer beobachteten und sich verstärkenden Ozonminderung in anderen geografischen Breiten wurden das Wiener Abkommen zum Schutz der Ozonschicht von 1987 und das zugehörige Montreal-Protokoll rasch völkerrechtlich verbindlich.

Paul Crutzen war damals für uns Wissenschaftler in der Enquetekommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" der Anker in der Luftchemie, der zum Beispiel für die deutsche Delegation bei der Vertragsstaatenkonferenz zum Montreal-Protokoll 1990 in London die Vorlage für den vertragsverschärfenden Text lieferte.

Die Produktion der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) als wichtigstem Verursacher ist seit Längerem weltweit fast völlig eingestellt und das Ozonloch über der Antarktis tritt nur noch geschwächt auf, auch wenn es uns wegen der langen Lebenszeit der FCKW noch einige Zeit begleiten wird. Wir sind von einer Umweltkatastrophe mit großen Schäden für uns selbst sowie für Tiere und Pflanzen verschont geblieben – dank des Frühwarnsystems Wissenschaft.

Steht technischer Fortschritt über dem Wohl von Mensch und Erde?

Die wissenschaftliche Arbeit, für die Crutzen mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde, lag bei der Preisverleihung 1995 schon 25 Jahre zurück. Noch etwas älter waren die Veröffentlichungen von Hasselmann und noch weiter zurück lagen die von Manabe.

Bei Umweltthemen braucht es anscheinend kommunizierende Röhren zwischen den oft verzögert fallenden politisch bindenden, multilateralen Beschlüssen und den Preisträgerarbeiten – der wissenschaftliche Befund allein reicht nicht.

Ich wünsche mir, dass das Frühwarnsystem der Wissenschaft, das angesichts der Dominanz des Menschen auf dem Planeten Erde überlebenswichtig geworden ist, ganz im Sinne des Nobelpreis-Stifters interpretiert wird. Alfred Nobel wollte, dass die Preise "denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben".

Wissenschaftliche Ergebnisse zum Wohle der gesamten Menschheit und zum Erhalt der Vielfalt auf unserem Planeten sollten mehr Bedeutung bekommen gegenüber denen zum technischen Fortschritt, die oft auch zum Nachteil von Menschen genutzt werden.

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