Klimabewegung verliert zwei Freunde der Erde

Die Klimabewegung hat in der vergangenen Woche zwei Vorbilder verloren: Paul Crutzen und Wilhelm Knabe sind gestorben. Der Wissenschaftler und der Politiker wirkten schon vor 1990 gemeinsam an der Formulierung einer anspruchsvollen Klimapolitik mit.


Porträtaufnahmen von Paul Crutzen und Wilhelm Knabe
Paul Crutzen (links) und Wilhelm Knabe sind verstorben. (Fotos: Teemu Rajala/​Wikimedia Commons; Bündnis 90/​Die Grünen Mülheim)

In der zurückliegenden Woche sind kurz nacheinander zwei Menschen gestorben, die die ökologische Debatte seit den frühen 1980er Jahren auf entscheidende Weise mitgeprägt haben, vor allem zur Klima- und Erdwissenschaft sowie zur Klima- und Forstpolitik.

Paul Crutzen starb am 28. Januar im Alter von 87 Jahren und Wilhelm Knabe am 30. Januar im Alter von 97 Jahren.

Beide kannten sich gut und haben als Mitglieder der Bundestags-Enquetekommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" von 1987 bis 1990 sehr früh an der Formulierung einer anspruchsvollen Klimapolitik mitgewirkt.

Dass ihre an die Bundesregierung, die Europäische Union und die Vereinten Nationen gerichteten Empfehlungen in der praktischen Politik zu wenig Niederschlag gefunden haben, hat beide stets betrübt, aber nie verbittern oder gar fatalistisch werden lassen.

Im Gegenteil: Bis zuletzt hat vor allem Wilhelm Knabe sich öffentlich zu Wort gemeldet und noch im März 2019 an einer Demonstration der Schülerinnen und Schüler der Fridays-for-Future-Bewegung in seiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr teilgenommen. Seine Botschaft: "Ihr seid nicht allein!"

Ökologisch denkender Wissenschaftler

Paul Crutzen, von 1980 bis 2000 Direktor der Abteilung Atmosphärenchemie am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, ist vor allem aus zwei Gründen zum weltweit hochgeschätzten Wissenschaftler geworden: wegen seiner Forschungen zur Gefährdung der stratosphärischen Ozonschicht durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) sowie durch die von ihm mitgeprägte Großtheorie des "Anthropozäns".

Diese Theorie zeigt, welch prägenden Einfluss der Mensch heute bereits auf atmosphärische, biologische und geologische Prozesse hat. Damit verbindet sie aber zugleich einen normativen Anspruch, nämlich die Forderung, diese Gestaltungskraft nachhaltig und nicht zerstörerisch einzusetzen.

Zum vergleichsweise schnellen Ausstieg aus den ozonzerstörenden FCKW in den 1990er Jahren dürften Crutzens Forschungsergebnisse jedenfalls maßgeblich beigetragen haben. Gemeinsam mit Mario Molina und Sherwood Rowland erhielt der in Amsterdam geborene Niederländer Crutzen für seine Forschungen zum Schutz der Ozonschicht 1995 denn auch den Nobelpreis für Chemie.

Vergessen wird manchmal, dass Paul Crutzen sich bereits in den achtziger Jahren mit der Frage beschäftigte, welche verheerenden Folgen ein Atomkrieg für das globale Klima und die Menschheit haben würde. Seine Theorie vom "nuklearen Winter" gilt noch heute als plausibel.

Dass Crutzen zwei klimapolitische Strategien nicht prinzipiell ablehnte, die in der Klimabewegung heute als inakzeptabel gelten, hat um 2005 manche Weggefährten irritiert. Die CCS-Technologie, also die CO2-Abscheidung und -speicherung, oder das Geoengineering, etwa durch Einbringen kühlender Schwefelpartikel in die Atmosphäre, waren aber alles andere als seine klimapolitische Priorität, sondern galten ihm eher als zu erforschende Notmaßnahmen.

Wer Gelegenheit hatte, mit dem freundlichen Gelehrten Paul Crutzen in Ruhe zu diskutieren, der erkannte schnell, dass hier ein durch und durch ökologisch orientierter Wissenschaftler sprach, dem Hybris fremd war. Er war ein Freund der Erde.

Konsequent grüner Politiker

Wilhelm Knabe kam nicht aus den "harten" Naturwissenschaften, sondern war in seiner Jugend vor allem ein begeisterter Naturbeobachter. Seine Leidenschaft galt der Ornithologie, der er sich in seiner sächsischen Heimat ausgiebig widmete.

Nach Krieg und Militärdienst studierte Wilhelm Knabe an der Forstlichen Fakultät der Technischen Hochschule Dresden in Tharandt Forstwissenschaften und befasste sich in seiner Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universität mit der Rekultivierung und Aufforstung von Braunkohletagebauen.

Nach der Flucht aus der DDR, mit deren politischem System sich der Wertkonservative Knabe nicht anfreunden konnte, fasste er in Westdeutschland mit seiner sechsköpfigen Familie schnell Fuß und blieb auch hier den Bäumen und ihrer Gefährdung treu.

Zunächst war er als Geschäftsführer des Deutschen Pappelvereins in Bonn tätig, dann als Wissenschaftler an der Bundesanstalt für Forst- und Holzwirtschaft in Reinbek bei Hamburg und schließlich als Fachbeamter bei der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Ökologie in Recklinghausen. Hier war es auch, wo Wilhelm Knabe mit dem Thema Waldsterben in Kontakt kam, das ihn zeitlebens nicht mehr loslassen sollte.

Porträtaufnahme von Reinhard Loske.
Foto: privat

Reinhard Loske

ist Präsident der Cusanus Hochschule für Gesellschafts­gestaltung in Bernkastel-Kues. Dort lehrt der Ökonom und Politik­wissen­schaftler auch Nachhaltigkeit. 1995 war er Leiter der Forschungs­gruppe "Zukunfts­fähiges Deutsch­land" am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, danach Grünen-Bundes­tags­abgeordneter und Umwelt­senator in Bremen.

Freilich erlebte Knabe auch im Kohleland NRW sehr bald, wie wenig willkommen Kritik an allzu industriefreundlicher Politik ist. Er bekam Probleme mit seinem Arbeitgeber und wandte sich auch deshalb mehr und mehr dem gesellschaftlichen Engagement und der Politik zu, gründete 1980 mit anderen die Grünen, wurde 1982 einer ihrer Bundessprecher und errang 1987 ein Bundestagsmandat, das er bis 1990 innehatte.

Neben seinem großen Engagement für Klimaschutz, Waldschutz und Luftreinhaltung galt Wilhelm Knabes Herz den deutsch-deutschen Beziehungen, durchaus zum Leidwesen mancher Parteifreunde.

Freilich verstand er unter deutsch-deutschen Beziehungen etwas anders, als es zu dieser Zeit in der offiziellen Politik üblich war. Seine Partnerinnen und Partner auf der anderen Seite des Zauns waren die Friedens- und Umweltinitiativen in Berlin, Leipzig und Jena, denen er sich verbunden fühlte und für die er manches Risiko einging.

Selten habe ich Wilhelm Knabe beschwingter, aber auch nachdenklicher erlebt als in den Novembertagen 1989, an denen die Mauer fiel. Ihm war klar, dass da in Deutschland, Europa und der Welt etwas zu Ende ging, aber zugleich etwas Neues beginnen musste, die Bewältigung jener großen Herausforderung, die wir nachhaltige Entwicklung nennen.

In einem seiner letzten Interviews sprach Wilhelm Knabe davon, dass die eskalierenden Umweltkrisen eine "Notwehr des Planeten" seien und die aktuelle Pandemie "eine Folge" davon. Es ist traurig, dass er nun an dieser "Folge" selbst gestorben ist. Freilich konnte Wilhelm Knabe auf ein volles, erfülltes und langes Leben zurückschauen, das Mut macht. Im Grunde war seine Botschaft ganz einfach: Dranbleiben lohnt!

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