Die Natur einspannen

Aufforstung, Wiedervernässung von Mooren und schonende Bodenbewirtschaftung haben ein großes Klimaschutzpotenzial – das Abschalten von Treibhausgas-Quellen können sie aber nicht ersetzen. In einer Serie stellt Klimareporter° verschiedene Ansätze zur Lösung der Klimakrise vor und beleuchtet Vor- und Nachteile. Teil 8: "Natural Climate Solutions".


Moore bedecken heute nur noch drei Prozent der Landoberfläche, speichern aber doppelt so viel CO2 wie alle Wälder zusammen. (Foto: Anja Osenberg/​Pixabay)

Klimaschutz gilt oft als kompliziert und teuer, als "Jahrhundertaufgabe", vergleichbar mit der ersten Mondlandung. Abgesehen davon, dass fraglich ist, ob man mit solchen Narrativen die Bereitschaft zu entschlossenem Handeln fördern kann – an der Diagnose ist natürlich etwas dran.

Für die im Paris-Abkommen vereinbarte Klimaneutralität sind grundlegende Veränderungen erforderlich. In praktisch allen Bereichen muss die Infrastruktur umgebaut werden, lange eingespielte Verfahrens- und Verhaltensweisen müssen auf den Prüfstand, ob in Industrie, Handel, Finanzwirtschaft oder bei Mobilität, Städtebau, Konsum und, und, und.

Einfacher und kostengünstiger verspricht Klimaschutz durch die Natur zu sein. Man setzt auf natürliche Prozesse und sorgt dafür, dass die Natur mehr von dem tun kann, was sie ohnehin tut, wenn der Mensch dies nicht durch Rodung, Flächenversiegelung und Intensivlandwirtschaft verhindern würde – nämlich Kohlenstoff speichern. "Natural Climate Solutions" heißt dieser Ansatz, und tatsächlich bietet er große Vorteile.

Zunächst einmal ist der Aufwand vergleichsweise gering. Man pflanzt Bäume, kümmert sich um die Wiedervernässung von Mooren und Feuchtgebieten, die Wiederansiedlung von Raubtieren sowie den Erhalt von Mangrovenwäldern und Torflandschaften. Und man bewirtschaftet Wiesen und Ackerböden so, dass sie mehr CO2 aufnehmen und binden können.

Zudem ist das Klimaschutzpotenzial enorm. Elf Milliarden Tonnen CO2 könnten damit jährlich eingespart werden, errechnete ein internationales Forscherteam vor einem Jahr in der bislang umfangreichsten Studie zum Thema. Der richtige Umgang mit der Natur könnte so rund 30 Prozent der Einsparungen bringen, die für die Pariser Klimaziele nötig sind. Allerdings nur, wenn die Maßnahmen wirklich überall auf der Welt durchgeführt werden.

Wiederstellung von Wäldern auch in Europa

Für weltweite Schlagzeilen sorgte im vergangenen Sommer eine Studie der ETH Zürich, die das Potenzial noch deutlich höher ansetzt – und zwar allein durch die Aufforstung von Wäldern. Die sensationelle Nachricht: Würde man überall Bäume pflanzen, wo das Land nicht für Ackerbau oder Städte genutzt wird, könnten zwei Drittel der bisherigen menschengemachten CO2-Emissionen rückgängig gemacht werden.

Das klang zu schön, um wahr zu sein. Und so war es leider auch. Den Forschern war ein Denkfehler unterlaufen. Tatsächlich ist das Einsparpotenzial höchstens halb so groß.

Und es gibt noch ein Problem. Viele der heute noch freien Flächen liegen im hohen Norden und sind lange Zeit schneebedeckt. Würde man sie bewalden, würde weniger Sonnenstrahlung ins All zurückgespiegelt werden, sodass die Erderwärmung sogar noch angeheizt würde. Der arktische Permafrost würde noch schneller schmelzen.

"Hier schlummert mehr Kohlenstoff als in allen Bäumen der Erde zusammen", sagt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf. "Diesen schlafenden Riesen sollten wir keinesfalls wecken."

Eine sinnvolle und zudem schnelle und preiswerte Methode ist aber die Wiederstellung von Wäldern und Ökosystemen in den gemäßigten und nördlichen Breiten. Für die internationale Waldschutzorganisation Fern ist die sogenannte "Ecosystem Restoration" sogar eine entscheidende Lücke in der Klimastrategie der EU.

Nach den Berechnungen der Organisation könnte mit einer Renaturierung der Wälder bis zu einem Drittel der heutigen globalen CO2-Emissionen aus der Atmosphäre geholt werden. Dazu kommen weitere positive Effekte für das lokale Klima und die Biodiversität.

"Aufforstung kann nur ein Nebendarsteller sein"

Aber auch das Pflanzen neuer Bäume – sofern es nicht nur um Plantagen geht – kann ein wichtiger Beitrag gegen die Klimakrise sein. Viele Länder, von Großbritannien bis China, haben dazu Programme aufgelegt. Und zahlreiche ärmere Staaten wollen ihren Beitrag zum Paris-Abkommen in Form von Aufforstungen leisten.

Das ist die Lösung! Oder?

Die Welt weiß, wie man die CO2-Emissionen senken kann – sie muss es nur tun. Wir stellen in einer Serie verschiedene Lösungsansätze mit ihren Vor- und Nachteilen vor.

 

Klimareporter° beteiligt sich damit wie hunderte andere Zeitungen und (Online-)​Magazine weltweit an der Initiative "Covering Climate Now". Anlässlich des 50. Jubiläums des "Earth Day" am 22. April berichten die Kooperationsmedien eine Woche lang verstärkt über Lösungen für die Klimakrise.

Im vorigen Jahr, als UN-Generalsekretär Guterres zu mehr Klimaschutz aufrief, versprachen Länder wie Äthiopien, Kenia oder auch Pakistan und Neuseeland, mindestens 17 Milliarden Bäume zu pflanzen. Länder wie Kolumbien, Guatemala oder Kongo kündigten an, bestehende Wälder besser zu schützen oder gerodete Flächen wieder aufzuforsten.

Um das Klimaproblem zu lösen, reicht Aufforstung aber nicht. Bäume nehmen Kohlenstoff nur langsam auf. Damit sie ihr volles Potenzial entfalten, dauert es 50 bis 100 Jahre. Aufforstung kann deshalb nur ein "Nebendarsteller" bei der Klimastabilisierung sein, sagen Klimaforscher wie Hans Joachim Schellnhuber.

Die Hauptrolle muss das Vermeiden von Emissionen spielen. An dieser Jahrhundertaufgabe kommt die Menschheit nicht vorbei.

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