Mysteriöse negative Emissionen

Die Klimamodelle für eine 1,5- oder Zwei-Grad-Welt kommen nicht mehr ohne "negative Emissionen" aus. Deren ziemlich zweifelhaften Ruf wollte eine groß aufgezogene Veranstaltung der EU beim Klimagipfel in Katowice "entmystifizieren". Das gelang, aber anders als die meisten der dortigen Experten dachten.


Climeworks-Prinzip
So funktioniert "Direct Air Capture", das direkte Herausfiltern von CO2 aus der Luft. Jedenfalls so ungefähr. (Grafik: Climeworks)

"Reduzieren, reduzieren und nochmals reduzieren" – das stehe ganz vorn an. Christoph Beuttler von der Schweizer Firma Climeworks, die das erste große Direct-Air-Capture-Projekt in Island zum Laufen gebracht hat, suchte nach Kräften die Zweifel zu zerstreuen, die Branche habe gar kein großes Interesse an einer radikalen CO2-Einsparung.

Jan Minx vom Berliner Mercator Research Institute sprach gar von einer wissenschaftsignoranten ("scienceless") Haltung derjenigen, die den Klimawandel ohne negative Emissionen aufhalten wollen, also ohne dass schon in die Atmosphäre geblasenes CO2 dieser wieder dauerhaft – und am besten für eine halbe Ewigkeit – entzogen wird.

Beuttler und Minx sowie sechs weitere Experten äußerten sich in Katowice in einem groß aufgezogenem Panel der EU unter dem keinen Zweifel offenlassenden Titel "EU 2050: Demystifying negative emission technologies". Tatsächlich scheint die EU-Kommission nun entschlossen, mit der verbreiteten Skepsis gegenüber diesen Technologien aufzuräumen.

Seit 1990 bemühe man sich, Technologien für negative Emissionen salonfähig zu machen, sagte Artur Runge-Metzger von der Generaldirektion Klimapolitik der EU-Kommission, auch wenn diese für ihn, wie er öfters betonte, nur ein Mittel der "letzten Wahl" seien.

Die Menge an CO2, die ab 2050 in Europa jährlich durch negative Emissionen der Atmosphäre entzogen werden könnten, bezifferte Runge-Metzger auf bis zu 250 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Die gesamten Treibhausgas-Emissionen der Europäischen Union liegen zurzeit bei über vier Milliarden Tonnen. Bis 2050 muss die EU ihre Emissionen um bis zu 95 Prozent zurückfahren.

Preiswerteste und schnellste Methode geht fast unter

Schade nur, dass bei dem Event in Katowice die am schnellsten wirkende und preiswerteste Methode – die Wiederstellung der Wälder in den gemäßigten und nördlichen Breiten – in der Euphorie über die vielen neuen Techniken fast unterging. Für Kelsey Perlman von der Umweltorganisation Fern ist die sogenannte "Ecosystem Restoration" sogar ein "missing element" in der EU-Klimaschutzstrategie.

Perlman unterscheidet dabei deutlich zwischen der Wiederherstellung von Ökosystemen als CO2-Senken und einer raschen "Wiederaufforstung" mit dem Ziel, mit schnell wachsenden Hölzern viel Biomasse zu bilden, diese zwecks Energiegewinnung zu verbrennen und das frei werdende CO2 in den Untergrund zu verpressen.

Die Möglichkeiten dieser unter der Abkürzung BECCS schon recht bekannten Technologie erscheinen aber begrenzt. Extreme globale Klimaschutzszenarien rechnen damit, für BECCS eine Landfläche von der Größe Chinas einzusetzen, kritisierte Perlman. Dagegen kämen andere Szenarien, was den Einsatz negativer Emissionen betrifft, mit der "Restoration" aus.

Nach den Berechnungen von Fern könnten mit einer Renaturierung der Wälder bis zu 14 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre geholt werden, also etwa ein Drittel der derzeitigen jährlichen globalen Emissionen. Dazu kommen weitere natürliche Effekte für das lokale Klima und die Biodiversität, die sich aber kaum monetarisieren lassen und als "Geschäft" weniger interessant sind.

Gegenüber der deutlich limitierten Oberfläche des Planeten, die BECCS so begrenzt erscheinen lässt, bieten die geologischen Untergründe offenbar ganz andere Möglichkeiten. Neben Climeworks präsentierte sich auf dem Panel das steuerlich geförderte CCS-Projekt des Agrarkonzerns ADM im US-Staat Illinois. Hier werden die Emissionen, die bei der – ohnehin fragwürdigen – Umwandlung von Getreide in Biosprit anfallen, in ein über 2.000 Meter tiefes Salzlager in den Untergrund gepresst, nach oben durch Sandstein als "Barriere" abgeschlossen.

Derzeit werden so jährlich bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 "entsorgt". Langfristig hält die Forschungschefin des zuständigen Illinois State Geological Survey Sally Greenberg es für möglich, bis zu 50 Millionen Tonnen CO2 zu verpressen, wie sie per Videoschalte erzählte. Ihrer Auffassung nach ist die Technologie, das CO2 in tiefe Salzlager wegzuschaffen, auch großtechnisch sicher.

CO2 aus Skandinaviens Industrie und Wäldern soll unter die Nordsee

Auch das Projekt Nordic CO2 Storage, bei dem die Treibhausgasemissionen der norwegischen Industrie per Schiff in ehemalige Gasfelder in der Nordsee verfrachtet werden sollen, stellte sich in Katowice vor. Der Clou bei der Geschichte: Um die nötige Energie für die industriellen Prozesse zu erzeugen, wird Biomasse aus den skandinavischen Wäldern eingesetzt, das dabei frei werdende CO2 wird abgeschieden und in den Nordseeboden versenkt.

Zuvor in Holz gebundenes CO2 kommt so erst gar nicht mit der Luft in Berührung – und wenn man es technologisch geschickt anstellt, kann sogar die Herstellung von Stahl zu einer CO2-Senke werden, malte Keith Whiriskey von der norwegischen Stiftung Bellona die klimaneutrale Zukunft aus. Leider bieten die Wälder in Schweden laut den Angaben "nur" 32 Millionen Tonnen biogenes CO2, die von Finnland rund 40 Millionen Tonnen.

Climeworks-Mann Beuttler kann da schon mit anderen Zahlen aufwarten. Seine Direct-Air-Capture-Technik, die ohne den Einsatz von Biomasse auskommt und deswegen von dieser Seite nicht limitiert ist, soll bis zu sechs Milliarden Tonnen – also ein Siebtel der heutigen Emissionen – beseitigen können, allerdings erst weit nach 2050.

Schon 2030 sollen aber die Kosten auf 100 Euro je Tonne "entsorgtes" CO2 sinken. Steigt dann der CO2-Preis aus politischen oder Knappheitsgründen in ähnliche Regionen, kann Climeworks offenbar langsam an schwarze Zahlen denken.

Ob das alles so eintrifft, weiß natürlich niemand. Klar ist nur, dass es bei der von Perlman vorgeschlagenen "Restauration natürlicher Wälder" nur fünf bis 50 US-Dollar kostet, eine Tonne CO2 zu entsorgen. Man braucht eben keine neue, aufwendige Infrastruktur, die auch selbst wieder Emissionen produziert.

Die Verfechter industrieller CCS-Technologien ficht das nicht an – im Gegenteil. Für Beuttler zeichnen sich am Jahrhunderthorizont ganz neue Geschäftsmodelle ab. Preiswertes Kohlendioxid könnte, glaubt der Climeworks-Manager, irgendwann sogar eine knappe Ressource werden. Dann nämlich, wenn alle Welt leicht verfügbares CO2 braucht, um synthetische Kraftstoffe oder chemische Stoffe herzustellen.

Ringen um Akzeptanz und Subventionen beginnt

Allein von ihren Visionen können die CCS-Firmen aber nicht leben. Die technischen Lösungen für negative Emissionen stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung – um von den hohen Anlaufkosten herunterzukommen, müssten ihre Konzepte in den nächsten Jahren politisch auf den Weg und in breit gefächerte Anwendungen gebracht werden. Da geht es nicht nur um Akzeptanz im CCS-kritischen Europa, sondern auch um einen ordentlichen Teil vom Subventionskuchen.

Ein weiterer Punkt, der die negativen Emissionen entmystifiziert, ist: Man kann die potenzielle CO2-Speicherung durch die jeweiligen Technologien nicht zusammenaddieren. Wenn ein unterirdisches Lager für BECCS genutzt wird, fällt es für Direct Air Capture aus, oder wenn man den Speicher für beide nutzt, dann müssen die Reserven geteilt werden.

Die Branche kämpft insofern nicht nur gemeinsam gegen das handgreifliche Misstrauen, sondern auch untereinander um sich schon jetzt verknappende geologische Ressourcen im Untergrund.

Dass sich angesichts dessen die Vorstellungen zum Erzeugen negativer Emissionen oftmals auf BECCS beschränken, stört auch Mercator-Mann Minx. Es gebe einen viel breiteren Mix an Möglichkeiten. Das schlösse am Ende für ihn übrigens auch die Idee einer alkalischen Ozeandüngung nicht aus, um das im Meer gelöste CO2 auszufällen.

Diese Technik aber schon jetzt ausdrücklich in die Debatte einzubringen, davor schreckte Minx auf dem Panel noch zurück. Das Risiko, mit Ozeanen zu experimentierten, sei nicht nur groß – weil Meere praktisch ein Gemeineigentum der Menschheit sind, sei es sehr problematisch, wenn einzelne Interessengruppen damit Risikotechnologien ausprobieren wollten, räumte er ein.

Vielleicht fehlt aber nur noch eine blendende (Geschäfts-)Idee, um auch das aus Klimaschutzgründen für wünschenswert zu halten.

Der Beitrag wurde am 17.12. um 15.30 Uhr korrigiert. Christoph Beuttler ist bei Climeworks CDR-Manager, nicht Chef.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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