Polens falsche Liebe zum Wald

Polen hat als Gastgeber des UN-Klimagipfels die Erklärung "Wald für das Klima" initiiert. Gemeint ist weniger der Schutz naturnaher Wälder, um das dort gebundene CO2 zu sichern, sondern das Anlegen von Plantagen. Nebenbei wird davon abgelenkt, dass Polen seine wirksamste Klimaschutz-Möglichkeit nicht anpackt: das Abschalten uralter Kohlekraftwerke.


Białowieża-Urwald
Im Białowieża-Urwald: Naturnahe Wälder abholzen und Stangenforste anlegen, das ist weder Waldschutz noch Klimaschutz. (Foto: Jacek Karczmarz/​Wikimedia Commons)

Mit viel Pomp hat Gastgeber Polen am Mittwoch auf der UN-Klimakonferenz in Katowice die Erklärung "Wald für das Klima" vorgestellt, die von Vertretern anderer Länder flugs per Handzeichen angenommen wurde. Im Prinzip ist das nichts Besonderes: Staaten geben auf den Weltklimakonferenzen Erklärungen ab, um ihre Schwerpunkte zu präsentieren, andere Länder zur Mitzeichnung und damit Unterstützung zu bewegen und Schwung in die Verhandlungen zu bringen.

Nur diesmal ist etwas anders: Es handelt sich um nicht weniger als das Herzensthema der polnischen Konferenzpräsidentschaft, wie der polnische Umweltminister Henryk Kowalczyk in seiner Eröffnungsrede sagte. "Für Polen ist das Thema Wald eine Priorität auf der COP 24", sagte er. Definitiv sei es seine persönliche Priorität.

Kowalczyk sieht sein Anliegen in einer langen Tradition von Beschlüssen der Vereinten Nationen zur Vermeidung von Waldrodung und Waldzustandsverschlechterung – im Konferenzsprech: REDD –, die bei Klimagipfeln auf polnischem Boden gefallen sind, etwa 2008 in Poznań und 2013 in Warschau.

Und der Minister verwies stolz auf Zahlen. Bei der Aufforstung sei Polen "ganz vorn in Europa": Ein Drittel der Landfläche Polens ist bewaldet. Das ist zwar nicht wirklich mehr als in Europa (35 Prozent), aber mehr als weltweit (26 Prozent) und immerhin ein bisschen mehr als in Deutschland (32 Prozent).

Porträt Gabriele Michalek

Zur Person

Gabriela Michalek ist promovierte Umweltökonomin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig.

Die meisten polnischen Wälder gehören dem Staat. Und der betreibt ein nationales Programm zur Erhöhung der Waldbedeckung, das sicherstellen soll, dass 2020 allein die staatlichen Wälder 30 Prozent der polnischen Landfläche bedecken. Die größte Aufforstung in Polen erfolgte nach dem Zerfall des Kommunismus allerdings weitgehend ungesteuert.

Nach 2020 soll es in bescheidenem Tempo weitergehen. Bis zur Hälfte des Jahrhunderts soll das nationale Programm eine zusätzliche Waldbedeckung um fünf Prozentpunkte sichern.

Es ist allerdings erst wenige Monate her, dass Polen durch die Abholzung des Białowieża-Urwalds internationale Schlagzeilen und Proteste hervorgerufen hat, bis der Europäische Gerichtshof die Rodungen stoppte. Eine tiefe Liebe zum Wald spricht daraus nicht gerade.

Polen sieht sich als Vorbild

Es ist davon auszugehen, dass es mehr mit der polnischen Klimapolitik und dem schwierigen Ausstieg aus der Kohle zu tun hat, dass sich der Waldschutz jetzt zum besonderen Anliegen der Regierung entwickelt hat – deshalb auch der Titel "Wälder für das Klima". Es geht dementsprechend auch nicht um ursprüngliche Wälder, sondern sozusagen um forstwirtschaftliche Kohlenstoff-Farmen, um Baumplantagen, mit denen man die CO2-Emissionen der Kohleverstromung rechnerisch kompensieren will.

Porträtfotos: UFZ

Zur Person

Reimund Schwarze ist Professor für Internationale Umweltökonomie an der Frankfurter Viadrina, Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig und Berater von Klimareporter°.

Wälder werden zu einer Säule der polnischen Klimapolitik, weil der Kohleausstieg zurzeit nicht möglich erscheint. Mit dieser Rücksicht auf die Kohlereviere will Polen ein Vorbild für andere Länder sein. Das spürt man in jedem Winkel, wo immer man hinschaut auf der Klimakonferenz in Katowice – mehr als damals in Poznań und in Warschau.

Nun schätzen aber Wissenschaftler, dass die Wälder nur maximal 20 Prozent der polnischen Treibhausgase kompensieren könnten, selbst wenn die Waldbedeckung so groß wäre wie zu Zeiten des ersten polnischen Königs Mieszko I. im Jahr 960.

CO2-Farmen lösen also nicht die strukturellen klimapolitischen Probleme Polens. Die Stilllegung der veralteten Kohlekraftwerke in Schlesien wäre da sicher effektiver und ginge viel schneller. Leider ist das bei der aktuellen Regierung ein No-Go.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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