"Wir sind im Finale zwischen fossiler und Ökoenergie"

Angesichts enormer kurzfristiger Gewinnchancen wird viel zu viel in fossiles Gas investiert, während Ökoenergien vor absurden Genehmigungshürden stehen, sagt Claudia Kemfert. Die Energieexpertin über die Entscheidung zwischen der fossilen Renaissance und dem Booster für die Erneuerbaren.


Flüssigerdgas-Terminal Ras Laffan bei Al Khor in Katar. Drei Gasfackeln brennen, zwei LNG-Tanker haben angelegt.
LNG-Terminal in Katar: Deutschland muss von fossilen Autokratien unabhängig werden, sagt Claudia Kemfert. (Foto: Matthew Smith/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Frau Kemfert, die Erdgas-Speicher sind voll, obwohl kein Gas mehr aus Russland kommt, und die Preise für Gas sinken wieder. Ist Deutschland dabei, die Energiekrise hinter sich zu lassen?

Claudia Kemfert: So schnell geht es nicht. Die fossile Energiekrise wird uns noch lange begleiten. Wir zahlen jetzt den Preis der energiepolitischen Fehler der Vergangenheit und der verschleppten Energiewende.

Seit Jahren muss ich leider immer wieder dasselbe erklären: Es wäre möglich, unsere Energielieferungen auch ohne Russland zu decken, indem wir aus anderen Ländern Gas beziehen, Speicher füllen, Energie sparen und erneuerbare Energien schneller ausbauen. Wir müssten das nur endlich tun! Seit Beginn des fossilen Energiekriegs durch Russland ist das eigentlich unverkennbar.

Dass wir glimpflich durch diesen Winter kommen, liegt eben daran, dass die Speicher gut gefüllt waren und Gas eingespart wird.

Ein Erfolg der Bundesregierung? Oder vor allem dem milden Wetter zu verdanken?

Von beidem ein bisschen. Die Bundesregierung hat einiges richtig gemacht, indem die Diversifikation der Gasbezüge vorankam und die Speicher gut gefüllt wurden. Der milde Winter hilft, dass Gas eingespart wird, aber auch die enormen Preisanstiege lassen den Verbrauch sinken.

Aber damit allein sind wir noch lange nicht über den Berg. Um ebenso gut durch den nächsten Winter zu kommen, ist es notwendig, dass wir endlich das Stückwerk beenden und unsere Hausaufgaben komplett machen. Heißt: Wir müssen alles dafür tun, um vom fossilen Erdgas unabhängig zu werden.

Die Gasversorgung funktionierte sogar ohne das neue Flüssigerdgas-Terminal in Wilhelmshaven. Sind die Pläne, elf Terminals an Nord- und Ostsee zu bauen, überdimensioniert?

Ja, und wie! Der Bau der vielen LNG-Terminals läuft der Energiewende und den Klimazielen diametral zuwider. Und schlimmer noch: Die Terminals schaffen neue fossile Lock-in-Effekte und verstärken unsere fossile Abhängigkeit, statt uns davon zu befreien. Buchstäblich werden damit fossile Erdgas-Lieferungen zementiert, und zwar über mehrere Jahrzehnte.

Wie oft wollen wir die Fehler der Vergangenheit noch wiederholen? Fossile Infrastrukturen sind Stranded Investments, die wir irgendwann teuer bezahlen müssen.

Wie viele Terminals wären sinnvoll?

Unsere Studien zeigen, dass drei temporäre Terminals ausreichen würden, also schwimmende Terminals, die wir nach einigen Jahren problemlos abbauen können.

Wenn wir die Energiewende- und Klimaziele ernst nehmen, wird der Anteil von fossilem Erdgas an der Energieversorgung in wenigen Jahren deutlich abnehmen. Der dann noch bestehende Bedarf kann vollständig über Pipelines aus Norwegen gedeckt werden. Dies wäre nicht nur geopolitisch und ökologisch besser vertretbar, sondern vor allem preiswerter.

Die Bundesregierung gibt an, die Terminals sollten später für grünen Wasserstoff nutzbar sein. Ist das realistisch?

Ich halte das schlicht für Augenwischerei. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung hat in seiner jüngsten Studie gezeigt, dass eine Umrüstung schwierig ist und eher einem Neubau nahekommt. Das wäre überhaupt nur dann möglich, wenn die verwendeten Baustoffe und Materialien von Anfang an auch als Wasserstoff-Infrastruktur einsetzbar sind. Genau das ist aber bei den meisten jetzt geplanten Terminals nicht der Fall.

Deutschland bezieht nun auch kein Erdöl aus Russland mehr. Ist das vertretbar, obwohl die Versorgung der ostdeutschen Raffinerien in Schwedt und Leuna schwierig ist?

Natürlich ist es vertretbar, es ist überfällig. Es gibt ausreichend Alternativen und die Voraussetzungen wurden geschaffen. Wichtig ist zudem, sich endlich auf eine Zeit ohne fossiles Öl vorzubereiten. Auch das hätte längst geschehen müssen.

Die Bundesregierung hat ein enormes Tempo beim Bau der LNG-Terminals vorgelegt. Wie sieht es bei den Öko-Energien aus?

Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet die Energie­abteilung am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Sie ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Universität Lüneburg, außerdem Vize-Vorsitzende des Sach­verständigen­rats für Umwelt­fragen der Bundes­regierung und Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

 

Solch ein Tempo wünsche ich mir auch für die erneuerbaren Energien. Wenn es möglich ist, in wenigen Monaten fossile LNG-Terminals zu bauen, muss es doch auch möglich sein, in Deutschland Windanlagen – nein, nicht zu bauen, sondern überhaupt erst mal zu genehmigen.

Es ist geradezu absurd: 10.000 Megawatt Windenergie warten auf Genehmigung. Das ist eine deutlich höhere Kapazität als die verlängerten Atomkraftwerke, die manche trotz der hohen Risiken und Kosten gern weiterlaufen lassen würden.

Wir stecken einem fossilen Energiekrieg und in einer ernsten Energiekrise. Da brauchen wir weder neue fossile Infrastrukturen noch Debatten über teure Hochrisiko-Brückentechnologien. Wir brauchen endlich effektive Genehmigungsverfahren, damit wir die vorhandenen günstigen und nachhaltigen Friedens- und Freiheitsenergien sofort ans Netz nehmen können. Wir brauchen ein Booster-Programm für Erneuerbare.

China und neuerdings die USA – siehe Joe Bidens grünes Infrastrukturprogramm – liefern sich einen Wettbewerb um Ökoenergien, Elektromobilität und andere zukunftsweisende Technologien. Drohen Deutschland und die EU hier abgehängt zu werden?

Ja. Dabei waren wir mal Marktführer im Wettbewerb der Ökoenergien. Da sollten wir wieder hinkommen, indem wir auch in Europa die Produktion der Anlagen fördern und die Rahmenbedingungen für den schnellen Ausbau schaffen, ähnlich wie wir es derzeit bei der Batterieproduktion tun.

In der Industrie gilt die Wasserstoffnutzung als Königsweg, um Erdgas, Öl und Kohle zu ersetzen. Der Wasserstoffrat, der die Bundesregierung berät, hat gewarnt, dass auch hier in Deutschland und der EU zu wenig läuft. Was muss passieren?

Um Wasserstoff herzustellen, braucht es große Mengen Ökostrom. Deswegen ist Wasserstoff kostbar und sollte nur da zum Einsatz kommen, wo wir den Ökostrom nicht direkt nutzen können, etwa im Industriebereich oder im Schwerlast-, Schiffs- oder Flugverkehr. Um die Wasserstoffproduktion zu ermöglichen, muss der Ausbau von Ökoenergien forciert, technologisch gefördert und von unnötigen Abgaben und Umlagen befreit werden.

Letzte Frage: Was glauben Sie, wie wird Putins Ukraine- und Energiekrieg in der Rückschau bewertet werden? Als Rückschlag für die Energiewende oder sogar als Booster dafür?

Tja, wir stecken gerade in genau diesem Finale. Einerseits investiert die fossile Industrie angesichts der hohen Preise und der kurzfristigen enormen Gewinnchancen noch mehr in fossile Energieförderung. Andererseits werden gleichzeitig Ökoenergien ausgebaut, die schon jetzt günstiger sind, aber erst Tempo aufnehmen müssen, um mit vergleichbarer Marktmacht wirken zu können.

Es ist eine politische Entscheidung, wer das Wettrennen gewinnt. Die Zeitenwende in Deutschland und Europa muss und kann zu einem echten Energiewende-Booster führen. Darauf hoffe ich sehr. Denn ich möchte nicht in einer Welt leben, in der fossile Autokratien das Sagen haben.

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