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Deutschland ist schlecht vorbereitet

Der Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Energiekrieg. Gas und Öl werden sich stark verteuern. Deutschland zahlt jetzt den Preis für die verschleppte Energiewende. Neben einer Diversifizierung bei Öl und Gas sollten nun Energiesparen und erneuerbare Energien endlich einen Booster bekommen.


Erdgas ist keine saubere Sache. Schon gar nicht, wenn damit eine Abhängigkeit von autoritären Regimen einhergeht. (Foto: Tim Reckmann/​Flickr, CC BY 2.0)

Was für ein Horror. Das schlimmste Szenario, vor dem wir seit über einem Jahrzehnt warnen, ist eingetreten: Wir befinden uns inmitten eines Energiekriegs.

Russland nutzt schon lange Gas als politische Waffe, hat mehrfach den Gashahn zugedreht, nun droht Präsident Putin auch noch indirekt mit Atomwaffen. Mehr Beweis, dass Atom, Gas und Öl keine Friedenstechnologien sind, gibt es nicht.

Die Folgen sind unabsehbar. Die Risiken sind hoch, da die Preise für fossile Energien wie Öl und Gas stark ansteigen werden und somit auch die Belastungen für die Wirtschaft.

Und Deutschland ist schlecht vorbereitet. Wir zahlen nun den sehr hohen Preis für die verschleppte Energiewende.

Der Stopp der Zertifizierung von Nord Stream 2 ist richtig. Wir benötigen diese Erdgaspipeline nicht. Sie ist zur Sicherung der Energieversorgung nicht notwendig.

Wir können Gas ausreichend aus anderen Quellen beziehen. Nord Stream 2 würde die Abhängigkeit von Russland noch weiter ansteigen lassen, auf deutlich über 60 Prozent, das wäre ungut.

Wir sollten besser auf eine Diversifizierung der Gasbezüge setzen und können auch auf Flüssigerdgas ausweichen, da in Europa mehr Kapazitäten vorhanden sind. Es gibt genügend Flüssigerdgas-Terminals in Europa, auf die auch Deutschland zugreifen kann.

Die Frage ist eher, ob es zu einem generellen Lieferstopp von Gas aus Russland kommt. Auch dies könnten wir überbrücken, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Deutschland hat vor 15 Jahren den Fehler gemacht, eine direkte Pipeline nach Russland zu bauen anstelle eines LNG-Flüssiggasterminals. Heute benötigen wir stattdessen den Bau eines Wasserstoff-Terminals.

Ein Krisenplan

Jetzt gilt es nach vorn zu blicken und alles dafür zu tun, damit die Energiewende schnell vorangeht.

Der Krisenplan muss drei Punkte umfassen, um die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu mindern.

Erstens eine Diversifikation der Energieimporte, vor allem beim Gas, aber auch bei Öl und Kohle. Kurzfristig sollten wir im EU-Verbund die Möglichkeiten, Flüssigerdgas nach Europa und Deutschland zu bringen, voll ausschöpfen und zudem auch über Pipelinerouten Erdgas beziehen.

Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet den Energie- und Umwelt­bereich am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Seit 2016 ist sie Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen, der die Bundes­regierung berät. In Beiräten und Kommissionen ist sie unter anderem für die EU-Kommission und für Forschungs­institute tätig. Sie ist Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Wir müssen endlich die strategische Gasreserve einrichten, die uns für 90 Tage im Ernstfall die Versorgungssicherheit gewährleistet. Und wir sollten die Gasspeicher von Russland zurückkaufen und staatlich verwalten, damit wir uns ausreichend versorgen können.

Zudem sollten wir den Planungsprozess für den Bau von Wasserstoff-Terminals beginnen.

Zweitens sollten alle heimischen Energiekapazitäten sofort ausgebaut und genutzt werden, zudem brauchen wir möglichst viele Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen mit nachhaltigem Biogas. Die Kapazität existierender Anlagen kann kurzfristig verdoppelt werden, sodass möglichst viel erneuerbare Energie für Nah- und Fernwärme und für die Industrie hergestellt werden kann.

Drittens sollte das Energiesparen Tempo aufnehmen und die Energie- und Verkehrswende sollte beschleunigt werden. Die Regierung muss alles dafür tun, damit die Investitionen in diesen Bereichen schneller vorankommen.

Der Ausbau erneuerbarer Energien muss Vorrang haben und Versorgungssicherheit oberste Priorität. Planungs- und Ausbauverfahren sollten beschleunigt werden mit der Begründung der Gewährleistung der Versorgungssicherheit.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrates in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Wir brauchen einen Booster für erneuerbare Energien und Energieeinsparung vor allem im Gebäudebereich, aber auch in der Industrie. Dasselbe gilt beim Ausbau der Ladeinfrastruktur und der Stärkung des Schienenverkehrs und des ÖPNV.

Zusammengefasst: Die beste Antwort auf fossile Energiekriege ist nicht eine Laufzeitverlängerung für Atomkraft und Kohle, sondern die beschleunigte Energiewende mit einem schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und verstärktem Energiesparen.

Energie- und Verkehrswende machen nicht nur unabhängig von fossilen Preisschocks, sondern wirken friedensstiftend.

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