Beim Wasserstoff abgehängt

Der Wasserstoffrat berät die Bundesregierung in Sachen Wasserstoff. Er fordert: Deutschland soll sich an den USA ein Beispiel nehmen. Mit ihrem Klimagesetz seien die Amerikaner dabei, die europäischen Unternehmen bei der industriellen Energiewende abzuhängen.


Siemens-Mitarbeiter an der Wasserstoff-Elektrolyseanlage.
Die EU fördert Pilotprojekte wie diese Elektrolyseanlage von Siemens – dem Wasserstoffrat reicht das nicht. (Foto: Jürgen Winzeck/​Siemens)

Deutschland und Europa geraten gegenüber den USA bei der Umstellung der Industrie auf Wasserstoff als Energieträger ins Hintertreffen. Diese Warnung hat der "Nationale Wasserstoffrat" ausgesprochen, der die Bundesregierung in dieser zentralen industriepolitischen Frage berät. Der Hochlauf der Technologie müsse auch hierzulande deutlich beschleunigt werden, fordert das Gremium.

Thema der aktuellen Stellungnahme des Rats ist der "Inflation Reduction Act", den die US-Regierung unter Präsident Joe Biden im August verabschiedet hat. Mit dem Gesetz wird eine ganze Reihe klimafreundlicher Technologien gefördert, neben der Wasserstofftechnologie etwa auch die Solarenergie und die Elektromobilität.

Es handelt sich um das größte Klima- und Infrastrukturpaket, das in den USA bisher aufgelegt wurde. Sein Umfang beträgt 369 Milliarden US-Dollar über die zehnjährige Laufzeit.

Laut Wasserstoffrat werden sich die USA bei der Wasserstoffwirtschaft mit dem Konzept von Steuererleichterungen und beschleunigten, technologieoffenen Genehmigungsverfahren "einen deutlichen Vorteil gegenüber Europa verschaffen". Die US-Unternehmen profitierten von verlässlichen Rahmenbedingungen und hätten so einen Startvorteil bei den anstehenden Investitionsentscheidungen.

Hierzulande drohten dadurch "Nachteile beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft, eine spätere Verfügbarkeit von importiertem Wasserstoff und damit ein verzögerter Hochlauf von Wasserstoff in Deutschland und Europa aufgrund von absehbaren Engpässen in den Wertschöpfungs- und Lieferketten".

Der Rat, dem 26 Expert:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft angehören, bezeichnet das Biden-Gesetz als "Weckruf für die deutsche und europäische Politik, um schnellstmöglich ein auf EU-Ebene abgestimmtes Gesamtkonzept aufzulegen".

Dies solle regulatorische Hürden beseitigen, den bestehenden Förderrahmen deutlich vereinfachen und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Gebündelt werden solle das Ganze in einer "Energie-Union Plus".

Umfrage stellt bereits Rückstand fest

Die Bundesregierung hatte vor zwei Jahren eine "Nationale Wasserstoffstrategie" verabschiedet. Eine aktuelle Umfrage unter Manager:innen zeigt jedoch, dass diese den Fortschritt als zu gering ansehen, obwohl Wasserstoff für die Abkehr von der Erdgas-Nutzung essenziell sei. Gut 82 Prozent der Befragten fordern, dass die Bundesregierung den Aufbau dieser Technologie mit Blick auf den Russland-Ukraine-Krieg stärker vorantreibt.

Das ist ein Ergebnis des ersten "nationalen Wasserstoffmonitors", der jetzt vom Regionalverband Ruhr zusammen mit dem Energiekonzern RWE und dem Stahlkonzern Thyssen-Krupp herausgegeben wurde. Als größte Schwierigkeit für einen schnellen "Markthochlauf" sehen die Manager:innen die hohen technischen Anforderungen der Wasserstoff-Technologie sowie eine fehlende politische Unterstützung und mangelnde Anreize.

Eine Mehrheit der Befragten spricht sich zudem dafür aus, das knappe Gut Wasserstoff vorrangig in der Industrie einzusetzen. Rund 63 Prozent unterstützen diese Forderung der Umweltverbände im Wasserstoffrat, bei der ersten Umfrage im April 2021 waren es nur 42 Prozent gewesen.

Für eine Nutzung von Wasserstoff im Wärmesektor sprechen sich 27 Prozent aus, für Wasserstoff als Autotreibstoff 17 Prozent.

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