Die Kohle als neue "Brückentechnologie"

Wenn Flüssigerdgas aus gefrackten Quellen genauso klimaschädlich wie Kohle ist, warum setzen wir dann nicht gleich auf Kohle als "Brückentechnologie"? So argumentieren derzeit Politiker und Lobbyisten. Sie wollen damit vor allem den Kohleausstieg im Osten hinauszögern.


Förderbrücke im Tagebau bei Nacht.
Wo wird die Energiedebatte noch hinführen? Förderbrücke im Tagebau Jänschwalde in Brandenburg. (Foto: Jana Schönknecht/​Shutterstock)

Die Braunkohle unter dem Dorf Lützerath wird gebraucht, um genügend Energie für Menschen und Wirtschaft zu erzeugen, erklärte kürzlich Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Deswegen führe "leider kein Weg daran vorbei, Lützerath zu räumen".

Im Rheinland dauert diese Notwendigkeit bis 2030. Dann soll RWE sein letztes Kohlekraftwerk abschalten. In der Zwischenzeit darf der Kohlestrom die Lücke füllen, die der Ausfall der russischen Gasimporte und der verschleppte Ausbau der erneuerbaren Energien gerissen haben.

Kohle tritt an die Stelle von nicht verfügbarem oder zu teurem Erdgas – diese Verschiebung hinterließ bereits 2022 eine deutliche Spur im deutschen Strommix: Steinkohle plus 20 Prozent, Braunkohle plus sieben Prozent, Erdgas minus 16 Prozent, so die Jahresbilanz des Thinktanks Agora Energiewende.

Im Windschatten dieses Brennstoff-Wechsels läuft die Debatte über die Frage heiß, ob auch in ostdeutschen Revieren der Kohleausstieg vom bisherigen Endtermin 2038 vorgezogen werden soll. Dagegen wandten sich Mitte Dezember die Länderchefs der drei Ost-Kohleländer Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen.

Ihr Vorwurf per Brandbrief an den Kanzler: Das Wirtschaftsministerium übe Druck aus, damit im Osten auch so etwas wie der RWE-Deal zustande komme. Darauf reagierte Minister Robert Habeck (Grüne) erst letzte Woche und erklärte, es müsse für einen früheren Ausstieg im Osten einen Konsens geben, dort sei die Skepsis deutlich größer.

Skepsis beschreibt die Gemütslage noch recht nett. Den Ausstiegskritikern im Osten spielt die Rückkehr der Kohle ganz neue Argumente in die Hand.

Kohlefreunde zitieren plötzlich Klimastudien

Es sei wenig sinnvoll, eine heimische Energiequelle aufzugeben, um dafür teure Atomenergie aus Frankreich, Fracking-Gas aus den USA, Gas aus Katar und Braunkohlestrom aus Polen zu kaufen, machte Siegurd Heinze, Landrat im Kreis Oberspreewald-Lausitz, dieser Tage die neue Pro-Liste auf.

Heinzes Landkreis liegt in Brandenburg und grenzt an den Lausitzer Tagebau Welzow-Süd, aus dem der Konzern Leag 2021 rund 16 Millionen Tonnen Kohle hervorholte, ein Achtel der deutschen Förderung.

Ganz offensichtlich wollen die Kohlebefürworter auch bei denen andocken, die gerade den klimapolitisch fragwürdigen Ausbau der Flüssiggas-Terminals anprangern. Es ist schon eine besondere Volte, dass Umweltschützer den Kohlefans hier Stichworte liefern – mit dem Unterschied natürlich, dass Aktivisten in Lützerath und anderswo einen bundesweiten Kohleausstieg spätestens 2030 fordern, also auch im Osten.

Die Frage aber bleibt: Ist über die Meere geschippertes Flüssigerdgas aus Autokratien oder aus gefrackten Quellen eine klimapolitisch bessere "Brücke" als Kohle? Neuere, dem Kohlelobbyismus unverdächtige Studien kommen schon zur Erkenntnis, dass das Flüssiggas, rechnet man sämtliche "Vorketten-Emissionen" aus Förderung, Transport und Umwandlung ein, sich der Klimaschädlichkeit von Kohle annähert.

Den Vergleich griff jetzt auch Carsten Drebenstedt, Tagebauexperte der Bergakademie Freiberg, in einem Spiegel-Interview dankbar auf. Strom aus Kohle verursache etwa 950 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, sagte er. Verstrome man stattdessen Erdgas aus Pipelines, erreiche der Wert bis zu 750 Gramm. Und nutze man künftig Flüssigerdgas, verschlechtere sich die Klimabilanz weiter, vor allem wenn es sich bei dem LNG um "unkonventionelles Schiefergas" handle – also um Fracking-Gas.

Emissionen nicht genau bekannt

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) werden pro Kilowattstunde Strom bei Erdgas etwa 400 Gramm CO2-Äquivalent frei, bei Steinkohle 850 und bei Braunkohle 1.150 Gramm. Die Zahlen sind von 2020, neuere gibt es noch nicht.

Luftaufnahme einer Landschaft, die durch zahlreiche Bohrturm-Plätze und Zufahrtsstraßen zerschnitten ist.
Wo mit der Fracking-Methode nach Erdgas gebohrt wird, entstehen Treibhausgasemissionen, die sich nicht genau messen lassen. (Foto: Bruce Gordon/​Ecoflight/​SFU/​Flickr)

In einer Studie untersuchte das UBA auch die Vorketten-Emissionen von Erdgas und Steinkohle und kam zu keinem eindeutigen Ergebnis. Zu unterschiedlich seien die Bezugsquellen, zu ungenau die Datenlage. Sagen lasse sich nur: LNG schneidet hier schlechter ab als Pipelinegas oder Steinkohle.

Klar ist insofern: Je mehr Flüssigerdgas eingesetzt wird, desto schlechter sieht die klimapolitische Bilanz aus – allerdings global gesehen. Die meisten Vorketten-Emissionen werden nämlich dem Land zugerechnet, in dem sie entstehen, und nicht dem Importland.

Es bleibt also weiter Spielraum, um Gas und Kohle mehr oder weniger sauberzurechnen – je nach Anliegen. Allerdings gilt auch: Die Braunkohle behält ihren Spitzenplatz als klimapolitisch schmutzigster Energieträger.

Trotzdem können Braunkohle-Fans wieder Hoffnung schöpfen. Die Idee dazu lieferte ausgerechnet Robert Habeck.

CCS für Wasserstoff – und bald auch für Kohle?

Bei seinem kürzlichen Besuch in Norwegen warb Habeck dafür, dort "blauen", also aus fossilem Erdgas hergestellten Wasserstoff einzukaufen und CO2 retour zu schicken, beispielsweise aus deutschen Zementfabriken. Die Norweger würden das Treibhausgas dann vor der Küste in alte Erdgaslager verpressen.

Was der deutschen Industrie billig ist, kann der Lausitzer Braunkohle nur recht sein. Brandenburgs CDU-Fraktionschef Jan Redmann kam denn auch gleich auf die Idee, CO2 aus Kohlekraftwerken abzuspalten und nicht – wie früher geplant – unter die heimische Erde zu bringen, sondern zu den ausgebeuteten Erdgas-Lagerstätten unter der Nordsee.

Kohleausstieg wegen Klima? Das war dann einmal.

Für Habeck selbst sprechen übrigens vor allem wirtschaftliche Gründe gegen die Kohle im Osten. Deren Verstromung, sagte der Wirtschaftsminister, rechne sich ab 2030 schlicht nicht mehr, da der EU-Emissionshandel nachgeschärft worden sei.

Wenn das wirklich so ist, fragt sich natürlich: Warum hat die Ampel dann überhaupt den Deal mit RWE abgeschlossen? Da hätte die Regierung doch einfach warten können, bis der Konzern selbst das Handtuch wirft.

Einen quasi "automatischen" früheren Ausstieg wird es auch im Osten nicht geben. Die Ampel kommt hier um einen Deal nicht herum. Über die Brücke wird Habeck gehen müssen.

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