"Am besten ein Erdgas-Ausstieg bis 2035"

Ob Erdgas gefördert, transportiert oder verbrannt wird, immer wird Methan freigesetzt. Wie viel – dazu fehlen der EU unabhängige Daten. Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass die Methan-Emissionen aus der Gasinfrastruktur deutlich unterschätzt werden.


Bohrplattform
Wie in der gesamten Lieferkette wird auch bei der Gasförderung Methan freigesetzt. (Foto: Dragon Oil/​Wikimedia Commons)

Erdgas gilt als Brückentechnologie in der Energiewende, weil es weniger klimaschädlich als Kohle sein soll. Doch so einfach ist die Rechnung nicht.

Erdgas besteht größtenteils aus Methan, und seit einigen Jahren steigt die Konzentration von Methan in der Atmosphäre deutlich an. Es wird vermutet, dass die fossile Gasförderung einen beträchtlichen Anteil an dem jüngsten Anstieg der Methan-Emissionen hat.

Wie klimaschädlich die Förderung und der Transport von Erdgas tatsächlich sind, haben bislang Studien aus den USA gezeigt. Während die US-Umweltbehörde EPA davon ausging, dass die Leckagerate in der Gasinfrastruktur bei 1,4 Prozent liegt, gehen Forscher:innen eher von 2,3 Prozent Schwund über die gesamte Kette aus.

Das klingt nach wenig, bedeutet aber um 60 Prozent höhere Methan-Emissionen aus Leckagen. Erdgas wäre damit viel klimaschädlicher als gemeinhin angenommen.

Unstrittig ist, dass beim Fördern, Verteilen und Verbrennen von Erdgas Methan frei wird. Doch über die Mengen ist in Europa wenig bekannt. "Wie viel Methan aus Erdgasinfrastruktur entweicht, dazu gibt es – außer für die USA – kaum unabhängige Daten", sagt die Politikwissenschaftlerin Isabell Braunger von der TU Berlin.

In Deutschland melden beispielsweise die Gasnetzbetreiber selbst an die Bundesregierung, welche Raten für Methanschlupf sie annehmen. "Es gibt zwar Daten von Betreibern oder den Ländern selbst, aber es ist ein Unterschied, ob das unabhängig gemessen wird oder eben ein Schätzwert von nicht unabhängiger Stelle ist", sagt Braunger.

Wie hoch die europäischen Methan-Emissionen aus Bohrungen, Pipelines, Verdichterstationen, Schiffen oder Kraftwerken tatsächlich sind, ist deshalb unklar. Im vergangenen Oktober hat die EU-Kommission ihre neue Methan-Strategie vorgelegt. Darin ist festgelegt, wie der Ausstoß von Methan künftig genauer gemessen und ermittelt werden soll.

Weitere Vorgaben sollen im Laufe des Jahres folgen. Unter anderem will die Kommission Schritte unternehmen, um das Ablassen und Abfackeln von Erdgas beim Transport und bei der Förderung zu beenden. Diese teils notwendigen Praktiken zum Druckausgleich sind neben den Leckagen die zweite Quelle für die Methan-Emissionen der Erdgaswirtschaft.

Sicher ist nur, dass alle Bereiche des Sektors betroffen sind. "Es kommt in der gesamten Lieferkette zu Methan-Emissionen", sagt Braunger gegenüber Klimareporter°. Am meisten wisse man über den Methan-Ausstoß an Erdgas-Produktionsstätten in den USA. "Aber auch bei der Verbrennung in einem Erdgaskraftwerk oder beim Transport per Schiff und per Pipeline entweicht Methan in die Atmosphäre."

Unabhängige Messungen decken Lecks in Hamburg auf

Um eine genauere Vorstellung von den Methan-Emissionen durch Leckagen in Europa zu bekommen, haben die Universität Utrecht in den Niederlanden und die Umweltorganisation EDF Europe in einer gemeinsamen Studie den Methanausstoß aus Lecks in den Gasverteilnetzen in Utrecht und Hamburg untersucht – unabhängig von den Gasnetzunternehmen.

Dabei wurde mobil vor Ort – teils durch Abfahren des Gasnetzes – gemessen. In beiden Städten fanden die Forschungsteams dabei Leckagen im Netz. "Wir haben im Hamburger Stadtgebiet an 145 Stellen erhöhte Methankonzentrationen entdeckt, 50 davon sind auf Lecks zurückzuführen", sagt EDF-Wissenschaftler und Co-Autor Stefan Schwietzke.

"Insgesamt gelangen so rund 286 Tonnen Methan jährlich allein über das Hamburger Gasnetz in die Atmosphäre – was umgerechnet dem kurzfristigen Klimaschaden von 1.000 Autos entspricht." Einen Teil der Lecks hat die Betreiberin des Hamburger Gasnetzes im Anschluss an die Untersuchung abgedichtet.

Methan ist besonders klimaschädlich

Methan wirkt deutlich stärker in der Atmosphäre als CO2 – vor allem in den ersten zwanzig Jahren nach der Freisetzung, wenn es 87-mal klimaschädlicher als CO2 ist. Deshalb sind deutliche Minderungen bei der Methanfreisetzung wichtig, um den Treibhausgasausstoß zu verringern.

Ob die Einführung eines Preises auf den Methanausstoß – analog zum CO2-Preis – die besonders klimaschädlichen Emissionen mindern könnte, haben Analyst:innen des Berliner Beratungsunternehmens Enervis geprüft.

Ergebnis: Selbst wenn ein solcher Preis nur für die EU eingeführt würde, könnte er auch auf die Lieferländer wirken – allerdings müsste er so hoch sein, dass es für die Gaslieferanten ökonomischer ist, Minderungsmaßnahmen bei Methanleckagen durchzuführen. Dann würde ein Methanpreis dazu beitragen, den Ausstoß des Klimagases zu senken.

Weil Methan aber um ein Vielfaches klimawirksamer als CO2 ist, braucht es für Isabell Braunger weitergehende Konzepte: "Methanschlupf ist ein erhebliches Problem, aber Erdgas selbst ist auch ein fossiler Energieträger, bei dessen Verbrennung CO2 entsteht", betont die Berliner TU-Wissenschaftlerin.

Mittelfristig müsse deshalb der Erdgaskonsum deutlich reduziert werden, um die Klimaziele einhalten zu können. "Dringend notwendig wäre ein Szenario für einen Ausstieg bis spätestens Mitte des Jahrhunderts oder sogar schon bis 2035."

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