Energiewirtschaft reißt CO₂‑Ziel für 2022

Erstmals seit Bestehen des Klimaschutzgesetzes überzieht die Energiewirtschaft das vorgegebene CO2-Jahresbudget, gab der Branchenverband BDEW heute bekannt. Zwar decken Erneuerbare inzwischen knapp die Hälfte des Stromverbrauchs, aber auch die Kohleverstromung legte deutlich zu.


Einige Windräder in Landschaft mit Wäldern und feldern, im Hintergrund ein großes Kohlekraftwerk mit neun dampfenden Kühltürmen.
Mehr Strom aus Erneuerbaren, aber auch aus Kohle. (Foto: Thomas Knauer/​Visdia/​Shutterstock)

Ein bisschen Pech ist auch dabei. Das Bundesklimaschutzgesetz macht der Energiewirtschaft eigentlich nur drei konkrete Emissionsvorgaben: eine CO2-Startmenge im Jahr 2020 mit 280 Millionen Tonnen, die für 2030 angepeilte Endmenge von 108 Millionen Tonnen – und ein einziges Zwischenziel von 257 Millionen Tonnen im Jahr 2022.

Beim CO2 konnten sich die Stromerzeuger weitgehend zurücklehnen – ausgerechnet bis zu diesem Jahr: Obwohl der Stromverbrauch 2022 um fast drei Prozent zurückging – von 564 auf 547 Milliarden Kilowattstunden – und der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf eine Rekordmarke von 47 Prozent anstieg, wird die Branche nun ihr einziges konkretes CO2-Zwischenziel überziehen. Das geht aus den Stromerzeugungsdaten hervor, die der Energiebranchenverband BDEW heute bekannt gab.

260 Millionen Tonnen CO2 stößt die Energiewirtschaft dieses Jahr aus. Das liegt ein reichliches Prozent über dem Sektorziel von 257 Millionen. Hauptgrund ist der starke Anstieg der Kohleverstromung, bei Braunkohle um anderthalb und bei Steinkohle um rund zwei Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Das konnten auch hohe Preise für die CO2-Zertifikate im europäischen Emissionshandel nicht verhindern. Diese schwankten im Jahresverlauf um die 80 Euro je ausgestoßener Tonne CO2. Das wurde durch die hohen Strompreise mehr als ausgeglichen.

Insgesamt wurden 2022 laut BDEW mit Atomkraft 34 Milliarden Kilowattstunden und durch Erdgasverbrennung 13 Milliarden Kilowattstunden weniger erzeugt. Diese Strommengen wurden im Wesentlichen kompensiert durch eine Mehrerzeugung von 19 Milliarden Kilowattstunden aus Erneuerbaren und von 18 Milliarden Kilowattstunden aus Kohle.

BDEW-Chefin Kerstin Andreae bezeichnete das Überziehen der CO2-Vorgabe als "Rückschritt". Notgedrungen habe die Branche auf Energie aus Kohle setzen müssen. Das dürfe aber nicht zu einer Abkehr vom Weg in die Klimaneutralität führen, betonte sie. Wenn die akute Krise bewältigt sei, müsse man wieder den Dekarbonisierungspfad einschlagen.

Es hätte noch schlimmer kommen können

Dabei hätte es, wie Andreae einräumte, dieses Jahr noch schlimmer kommen können. Das sei vor allem durch den hohen Anteil erneuerbaren Stroms verhindert worden. Verglichen mit dem schwachen Windjahr 2021 legte der Strom aus Wind an Land nach den Angaben um mehr als neun Prozent zu.

Photovoltaik speiste sogar über 20 Prozent mehr ein. Die installierte Solarleistung nahm 2022 um fast 5.000 Megawatt zu, bei Windkraft an Land dagegen nur um 1.800 Megawatt.

Auf Prognosen, wie sich die Emissionsbilanz der Energiewirtschaft im kommenden Jahr entwickeln wird, wollte sich die Verbandschefin nicht einlassen. Sie erteilte aber Vorstellungen eine Absage, die Sektorziele des Klimagesetzes aufzuweichen, damit zum Beispiel die Energiewirtschaft beim CO2-Einsparen für den Verkehr in die Bresche springen kann.

Da muss die Branche offenbar erstmals an sich selbst denken. Dass sich 2023 die Verhältnisse bei der Kohle- und Gasverstromung grundlegend ändern, ist bisher nicht zu erkennen. Insofern droht es auch im kommenden Jahr bei einem vergleichbar hohen CO2-Niveau zu bleiben.

Für Branchenchefin Andreae braucht es 2023 mehr Geschwindigkeit beim Ausbau der Erneuerbaren wie auch der Netze. Vorangetrieben werden müsse auch die Entwicklung eines Wasserstoffmarktes. Dazu sei ein spezielles Wasserstoffgesetz nötig.

Größter Hemmschuh bei der Windkraft sind für die BDEW-Chefin nach wie vor fehlende Flächen. "Zwei Prozent tatsächlich bebaubare Fläche des Bundesgebiets müssten bereits bis zum Jahr 2025 vollständig ausgewiesen sein und nicht erst 2032, wie von der Bundesregierung bislang vorgesehen", forderte Andreae. Sonst könne die Bundesregierung die Ausbauziele bis 2030 nicht erreichen.

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