"Sprinter-Bonus" für Solarstrom

Hohe Energiekosten und Abhängigkeit von großen Energielieferanten, etwa Russland: Immer mehr Menschen wollen sich mit Energie selbst versorgen. Die Solarbranche boomt. Schon lange weisen Fachleute auf das große Ausbaupotenzial hin und fordern nun einen "Sprinter-Bonus".


Zahlreiche Solarmodule auf einem Dach
Wegen steigender Strompreise und der Abhängigkeit von Russland setzen immer mehr Deutsche auf eine eigene Solaranlage (Foto: Ulrike Leone/​Pixabay)

Deutschland will unabhängig von Russlands Energieimporten werden. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) plant, die erneuerbaren Energien schnell auszubauen, und reist durch die Welt, um Deutschlands Energieimporte zu "diversifizieren". Doch nicht nur in der Politik ist die Energieversorgung ein Thema, sondern auch für die Bürger:innen im Land – und bei der Energiewende ziehen sie mit.

Es gebe einen regelrechten "Solar-Boom", teilt der Berliner Anbieter Zolar mit. Die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen habe sich beim Unternehmen seit Januar verdreifacht.

Ausschlaggebend für die Kund:innen sind die hohen Energiepreise, mehr Unabhängigkeit – einerseits von Russland, aber auch von großen Energieversorgern – und das Umsteigen auf E-Mobilität wegen der hohen Spritpreise.

"Die Verbraucher setzen aktuell ein starkes Signal: 100 Prozent Erneuerbare so schnell wie möglich – für den Frieden, aber auch das Klima", zitiert das Unternehmen seinen Chef Alex Melzer. So schlimm der Krieg sei, das Klima könne profitieren. Man müsse nur alle mitnehmen, so Melzer.

"Wir hören von einer teils deutlich anziehenden Nachfrage", bestätigt auf Klimareporter°-Anfrage auch Carsten Körnig, Geschäftsführer beim Bundesverband Solarwirtschaft. Für immer mehr Haushalte würden Solaranlagen und Speicher zur "Energie-Unabhängigkeitserklärung". Auch wenn es für belastbare Prognosen noch zu früh sei, rechnet Körnig mit einem zusätzlichen Nachfrageschub in diesem Frühjahr.

Jede:r Vierte will schnell eine eigene Solaranlage installieren

Eine Umfrage im Auftrag des Dresdner Herstellers Solarwatt bestätigt die Prognose. Ein Viertel der Hauseigentümer plane, in den kommenden zwölf Monaten erstmals eine eigene Solaranlage zu installieren. Das entspricht laut Solarwatt rund 3,5 Millionen Einfamilienhäusern.

 

Ende des vergangenen Jahres waren etwa zwei Millionen Anlagen auf deutschen Einfamilienhäusern verbaut – verglichen mit rund 14 Millionen Dächern, die noch ungenutzt sind. Insgesamt erzeugten nur rund 16 Prozent der Hauseigentümer ihren Strom zumindest teilweise selbst, etwa durch eine eigene Solar- oder auch Windkraftanlage.

Aus Sicht des Solarwirtschaftsverbandes ist es möglich, die jährlich neu installierte Solarstrom-Leistung innerhalb von zwölf bis 24 Monaten zu verdoppeln. "Im Stromsektor entscheiden dringend erforderliche Nachbesserungen im aktuellen Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes darüber, ob die Solartechnik in dieser Legislaturperiode tatsächlich entfesselt wird", erklärt Carsten Körnig.

So seien Solar-Prosumer, also Menschen, die gleichzeitig Strom beziehen und selbst produzieren, "unverzichtbarer Treiber der Energiewende". Sie könnten stärker zum Klima- und Verbraucherschutz beitragen, indem Bürokratie abgebaut und Förderrahmen angepasst würden. Insgesamt müssten Photovoltaikdächer höher vergütet werden, so Körnig.

Die Denkfabrik Agora Energiewende schlägt dazu vor, Solarstromanlagen vor allem in diesem und im kommenden Jahr mit einem "Sprinter-Bonus" besonders zu fördern. Die Idee dahinter sei, die aktuelle Bereitschaft zum Ausbau von Photovoltaik zu nutzen, erläutert Thorsten Lenck auf Anfrage von Klimareporter°.

Dazu soll die reguläre Vergütung von derzeit rund 6,5 Cent je Kilowattstunde aufgestockt werden – bei Anlagen, die noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden, um zusätzliche drei Cent, für Anlagen des kommenden Jahres um 1,5 Cent.

Denkfabrik fordert Vervierfachung des Solarausbaus

Das Problem des Solarausbaus sei dabei nicht nur, wie viele Dächer genutzt werden, sondern auch wie. "Bisher wurde der Bau vieler Photovoltaik-Dachanlagen an den eigenen Stromverbrauch angepasst – die Anlagen sind damit oftmals viel kleiner als möglich", erklärt Lenck.

Für eine "Ausbauoffensive" sei entscheidend, dass neue Anlagen die Dachfläche vollständig ausnutzen. Das senke die Kosten je erzeugter Kilowattstunde Strom, so Lenck, und sei eine wichtige Ergänzung zu Freiflächen-Solaranlagen, die ebenfalls deutlich ausgebaut werden müssten.

Eine Tendenz, die Alex Melzer bei Zolar bereits beobachtet: Mit dem Solarboom gehe der Trend auch zu größeren Anlagen. Dadurch würden Speichermöglichkeiten ebenfalls wichtiger. "90 Prozent unserer Kund:innen kaufen einen Batteriespeicher hinzu, mit dem sie tagsüber nicht verbrauchten Solarstrom speichern und in den Abendstunden nutzen können", so Melzer.

Dass der Solarausbau auf den Dächern eine große Rolle spielen kann und sollte, ist keineswegs neu. Im Jahr 2020 ergab etwa eine Studie für die Elektrizitätswerke Schönau, dass vor allem durch einen massiven Ausbau der "kleinen Photovoltaik" bis 2030 eine drohende Ökostromlücke verhindert und die Klimaziele erreicht werden könnten.

In der Studie des Beratungsunternehmens Energy Brainpool hieß es schon damals, dass "das derzeit brachliegende Potenzial unbedingt genutzt werden muss, um Energiewende und Klimaschutz endlich wieder Schwung zu verleihen".

Das gilt nach wie vor. Solar- und Windkraft gehören zu den wichtigsten Technologien für eine klimaneutrale Energieversorgung, hebt Thorsten Lenck von Agora Energiewende hervor. "Jede Solarzelle hilft uns, unabhängiger von fossilen Energieimporten zu werden und gleichzeitig unser 2030er-Klimaziel zu erreichen", sagt der Energieingenieur.

Photovoltaik gehöre zu den günstigsten Energiequellen und erhöhe die Unabhängigkeit von Energiepreisen am Markt. Lenck fordert: "Wir brauchen nun schleunigst eine Vervierfachung des Zubaus."

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