Wie die Bürgerenergie gerettet werden kann

Deutschland muss seine Prosumer fair bezahlen, wenn die Solarkraft hierzulande wieder Erfolg haben soll. Was die Bundesnetzagentur bisher vorschlägt, ist das genaue Gegenteil. Dabei gäbe es einfache und günstige Wege.


Luftaufnahme von Unterlottenweiler bei Friedrichshafen mit vielen Solaranlagen auf den Dächern.
Dezentrale Solarenergie ist ein Alptraum für Kraftwerksbetreiber. (Foto/​Ausschnitt: Hennadij Filtschakow/​Shutterstock)

Wer in Physik in der Schule aufgepasst hat, weiß: Energie wird nicht erzeugt, sondern nur umgewandelt – seit dem Urknall vor 13,6 Milliarden Jahren. Energie-Erhaltung ist ein Fundament der Physik. Doch Hermann von Helmholtz, der 1847 den Energieerhaltungssatz entdeckte, würde heute große Augen machen, wenn er sähe, wie wir mit Energie umgehen, sie produzieren, sie nutzen und sie verschwenden.

Am meisten beeindrucken würde ihn sicher, dass es uns heute fast selbstverständlich erscheint, praktisch an jedem Ort der Erde Strom direkt von der Sonne zu "ernten". Dank moderner Photovoltaik kann jedes Kind quasi im Handumdrehen die Kernfusions-Energie der Sonne in nutzbaren Strom umwandeln.

Solarenergie ist nicht nur Antriebskraft für Parkautomaten und ganze Wohn- und Geschäftshäuser oder Industrie, wie Teslas Gigafactory zur Batterieherstellung. Selbst in den abgelegensten afrikanischen oder asiatischen Dörfern lässt sich heute über ein paar Solarzellen auf dem Hausdach Beleuchtung, Kühlschrank oder auch das gesamte Mobilfunknetz betreiben.

Diese Möglichkeit, dezentral Strom zu erzeugen – oder physikalisch korrekt: Sonnen- in Nutzenergie umzuwandeln – ist für die meisten Menschen ein Geschenk wissenschaftlicher Erkenntnis, für die Betreiber herkömmlicher thermischer Kraftwerke aber eher ein Alptraum.

Sie haben bislang unter staatlicher oder zumindest wirtschaftlich gebündelter Kontrolle riesige Mengen von Kohle, Öl oder Gas verbrannt oder durch Kernspaltung Wärme gewonnen und über einen mit Dampfturbinen betriebenen Generator in Strom umgewandelt.

Von diesen zentral gelegenen "Kraftquellen" aus überzogen die Betreiberfirmen in den letzten 150 Jahren das Land mit einem kleinteiligen, allumfassenden Stromnetz. So konnten wir bislang hierzulande unseren Strombedarf decken, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Ökostrom können wir uns nicht leisten?

Für die meisten bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Alles dahinter wird schnell übersehen. Doch die immer stärker spürbaren Auswirkungen des Klimawandels machen uns bewusst, dass am anderen Ende der Steckdose ein gewaltiger "Energieumwandlungsapparat" steckt, der nicht nur viel Geld kostet und einzelnen Großunternehmen mächtige Gewinne beschert, sondern auch die Quelle klimaschädlicher Treibhausgase und anderer Umwelt- und Gesundheitsrisiken darstellt.

Porträtaufnahme von Eicke Weber.
Foto: ISE

Eicke Weber

ist Präsident des europäischen Solar­industrie­verbands ESMC. Der Physiker und Material­forscher war 23 Jahre Professor an der University of California in Berkeley. Von 2006 bis 2016 leitete er das Fraunhofer-Institut für Solare Energie­systeme (ISE), daneben war er Inhaber des Lehrstuhls für Physik und Solar­energie der Uni Freiburg. Weber ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technik­wissen­schaften (Acatech). Als einer der wichtigsten deutschen Solar­forscher engagierte er sich immer auch politisch für die Energie­wende.

Ist ja alles richtig, sagen manche, Klimaschutz ist wichtig, aber Ökostrom können wir uns nicht leisten. Die Vorstellung dahinter ist allerdings veraltet.

In der Vergangenheit war die direkte Erzeugung von Solarstrom durch Photovoltaik in der Tat sehr teuer. Noch zur Jahrtausendwende kostete eine Kilowattstunde Sonnenstrom rund 50 Cent.

Doch im Jahr 2000 startete das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine sanfte, aber nachdrückliche Marktrevolution: Es erlaubte Investoren in Deutschland, Photovoltaik-Strom zu vorher festgelegten, attraktiven Einspeise-Tarifen zu verkaufen – und das auf 20 Jahre garantiert. Und das EEG enthielt keine Obergrenze für die zu veräußernde Strommenge.

Dadurch war es sehr risikoarm, hier Geld zu investieren. Der für 20 Jahre gesetzlich garantierte jährliche Ertrag bewegte sich je nach Einkaufspreis der Solaranlage und dem jeweils gültigen Einspeisetarif zwischen fünf und 15 Prozent der Investitionssumme.

So war das EEG als Motor der Energiewende über alle Erwartungen erfolgreich. Wie von den Initiatoren erhofft entstand in Deutschland eine wachsende Photovoltaik-Industrie, die einen Teil des ebenfalls wachsenden Bedarfs deckte.

Schneller Aufbau einer starken Solarindustrie – in China

Bereits 2008 erkannte die chinesische Regierung – im Gegensatz zur Bundesregierung – die strategische Bedeutung der Photovoltaik als Wachstumsbranche und stellte für den Aufbau einer großskaligen Solarindustrie in China rund 50 Milliarden US-Dollar als Kreditgarantien bereit.

Das war nicht nur ein Motor, das war ein Turbo für die chinesische Photovoltaik-Industrie, obgleich der größte Teil dieser Garantien nie in Anspruch genommen wurde. Die in dieser Weise abgesicherten, investitionsfreudigen chinesischen Solarfirmen eroberten in den folgenden vier Jahren den Weltmarkt und verbuchten große wirtschaftliche Erfolge für sich.

Schnell war vergessen, dass die Solartechnologie wesentlich in Deutschland entwickelt worden war. Führend beteiligt waren daran das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, das Institut für Solarenergieforschung in Hameln (ISFH) und die weiteren im Forschungsverbund erneuerbare Energien (FVEE) zusammengeschlossenen Forschungsinstitute.

Sie wurden wesentlich gefördert durch das Umwelt-, das Forschungs-, sowie das Wirtschaftsministerium. Infolge dieser Forschungs- und Entwicklungsarbeiten entstanden in Deutschland Maschinen- und Anlagebauer für diese neue Technologie, die dann gern auch Gigawatt-skalige Produktionsanlagen nach China lieferten.

Ein wesentlicher Teil jener chinesischen 50-Milliarden-Dollar-Kreditsicherung floss also nach Deutschland – in Form von Aufträgen an Solar-Ausrüsterfirmen. Diese Aufträge kamen von 2008 bis 2012 der deutschen Volkswirtschaft in der durch die Lehman-Pleite ausgelösten globalen Wirtschaftskrise besonders gelegen.

Preise für Solarstrom sanken um Faktor 100

Dieses Zusammenspiel von Forschung, Industrie und öffentlicher Hand in Deutschland und China erwies sich als beispielloser Erfolg in der Einführung dieser Technologie, demonstriert durch eine jährliche Wachstumsrate von schier unglaublichen 38 Prozent seit 1992. Mit jeder Verdopplung der installierten Leistung sanken die Preise entsprechend einer Lernkurve um 22 Prozent. Pro Jahr sanken sie um über zehn Prozent – das ergab in 40 Jahren einen Faktor 100.

Entsprechend günstig ist der einst so teure Solarstrom inzwischen geworden. Heute kostet die eigene Erzeugung einer Kilowattstunde Solarstrom in Deutschland nicht mehr 50 Cent, sondern nur noch fünf bis sieben Cent. Das ist weit günstiger als der mit Steuern und Abgaben belastete Strom aus der Steckdose, für den Verbraucher sonst rund 30 Cent pro Kilowattstunde bezahlen müssen.

Es ist also wenig erstaunlich, dass es eine rasch wachsende Gemeinde sogenannter Strom-Prosumer zu beobachten gibt. Diese Prosumer – eine Wortkreuzung aus producer und consumer – sind Stromverbraucher, also Konsumenten, die einen Teil ihres Strombedarfs durch Eigenerzeugung als Produzenten selbst abdecken.

Doch Prosumer haben nicht nur die Möglichkeit, ihren eigenen Bedarf zu decken, sondern können den selbst erzeugten Solarstrom in immer günstiger werdenden Batterien speichern. So können sie den während der Sonnenstunden erzeugten Strom später am Tag oder in der Nacht verbrauchen. Die Unabhängigkeit von klassischen Stromerzeugern wächst dadurch stetig weiter.

Diese für die klassische Energiewirtschaft sehr unangenehme "Nebenwirkung" führt zu wachsender Kritik der traditionellen Stromunternehmen an den vermeintlich ungerechten EEG-Regeln – mit der Folge, dass die Bundesnetzagentur einen Plan vorgelegt hat, die Eigenstromerzeugung durch Photovoltaik unattraktiv zu machen.

Eigenstromerzeugung wirkt wie Energiesparen

Zwar stellt die Bundesnetzagentur drei verschiedene Modelle für die Vergütung des von Prosumern erzeugten Solarstroms vor, aber allen drei Modellen ist gemein, dass sie die Rentabilität dieser Eigenstromerzeugung drastisch vermindern.

Claudia Kemfert
Foto: Daniel Morsey

Claudia Kemfert

leitet den Energie- und Umwelt­bereich am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Seit 2016 ist sie Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen, der die Bundes­regierung berät. In Beiräten und Kommissionen ist sie unter anderem für die EU-Kommission und für Forschungs­institute tätig. Sie ist Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Das muss irritieren. Denn in ihrer Wirkung ist die Eigenstromerzeugung vergleichbar mit der Nutzung energieeffizienter Geräte: Sie vermindert die Einspeisung aus dem Stromnetz.

Wer mit publikumswirksamen Aktionen – etwa mit dem Verkauf von Strom-Messgeräten für Steckdosen – ambitioniert zum Stromsparen aufruft, sollte doch eigentlich die effizienteste Art des Stromsparens, nämlich durch Eigenstromerzeugung, nicht aktiv behindern.

Im Gegenteil, erst beides zusammen macht Sinn: Strom sparen, also Effizienz steigern, und eigenen Solarstrom erzeugen und dadurch Netze entlasten und Klima schützen.

Fünf Cent feste Vergütung für Überschuss-Strom

Die attraktivste Art der Marktförderung von selbst erzeugtem Solarstrom ist denkbar einfach und erfordert kein EEG mehr: Wer als Konsument Strom nicht aus dem Netz entnimmt, muss ihn nicht bezahlen. Wer als Produzent (Überschuss-)Strom ins Netz einspeist, wird mit einer festen Vergütung bezahlt, die nahe bei den Stromgestehungskosten konventioneller Stromerzeuger liegt, zum Beispiel fünf Cent pro Kilowattstunde.

So entstehen keine Differenzkosten, die durch eine EEG-Umlage auszugleichen wären. Um auch die Netzbetreiber fair zu beteiligen, muss für den Stromanschluss eine Gebühr bezahlt werden, die sich nach der beanspruchten Anschlussleistung richtet.

Damit liefern die Prosumer auch einen Beitrag für den Erhalt des Netzes und der noch betriebenen Kraftwerke, die besonders im Winter für eine sichere Stromversorgung nach wie vor erforderlich sind, bis dies auch durch entsprechende Speicher – von vorhandener Wasserkraft bis zu grünem Wasserstoff – abgedeckt werden kann.

Möglich und sinnvoll wäre es auch, den Prosumern durch entsprechende regulatorische Verbesserungen zu erlauben, ihren überschüssigen Eigenstrom in der unmittelbaren Nachbarschaft zu verkaufen, statt ihn ins Netz einzuspeisen. Auch hierfür ließen sich faire und attraktive Festpreis-Modelle entwickeln, wie beispielsweise eine Vergütung zum halben konventionellen Strompreis.

Es geht dabei nicht um wirtschaftliche Nebentätigkeiten einzelner "Besserverdienender", sondern um eine fundamentale Bürgerenergiewende. Dazu kommt, dass der Solarmarkt ein global rasch wachsender Wirtschaftszweig ist – welcher Wirtschaftszweig ist jahrzehntelang mit einer Rate von durchschnittlich fast 40 Prozent gewachsen?

Eigene solare Wertschöpfung wieder etablieren

Der globale Solarmarkt wird heute nahezu vollständig von Herstellern aus China und anderen asiatischen Ländern bedient. Wir stehen vor der Alternative:

Entweder importieren wir künftig weiterhin einen wesentlichen Teil unseres Energiesystems – oder wir etablieren in Deutschland eine eigene Wertschöpfungskette von der Siliziumscheibe bis zum installationsfertigen Solarmodul, um wenigstens einen Teil unseres rasch wachsenden Bedarfs selbst zu decken.

Es ist an der Zeit, darüber zu diskutieren, bevor es zu spät ist.

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