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"Energie ist häufig als Waffe eingesetzt worden"

Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine dürfte sich auch die Energiekrise verschärfen: Die Gasspeicherstände sind niedrig, die Preise hoch. Kurzfristig gibt es kaum Handlungsoptionen, warnt Energieexperte Hans-Josef Fell. Die Energiewende könne Deutschland aber bald unabhängiger von Öl und Gas machen.


Große, graue Röhre mit Aufschrift
Die Pipeline Nord Stream 2 liegt auf Eis – aber wie viel Erdgas gelangt künftig durch die anderen Leitungen nach Westeuropa? (Foto: Michał Rojek/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Fell, in Europa herrscht wieder Krieg. Damit verbunden ist die Energiekrise, mit der Deutschland seit Monaten kämpft, denn Russland liefert weniger Erdgas als gewünscht. Ist die Lage ausweglos?

Hans-Josef Fell: Energie ist häufig als politische Waffe eingesetzt worden, beginnend mit der Opec-Ölkrise 1973. Russland hat 2009 schon einmal den Erdgas-Hahn für ganz Südosteuropa abgedreht, und die Menschen haben gefroren in ihren Wohnungen.

Wir hätten daraus lernen müssen, die Warnungen waren da. Tatsächlich wurde die Abhängigkeit von russischem Erdgas noch erhöht, statt sie zu senken.

Wir haben uns in der westlichen Welt generell in die Hand der Lieferanten der fossilen Energien begeben, auch bei Öl und Kohle. Das lässt uns kaum Handlungsspielräume, steigenden Energiepreisen entgegenzutreten und politisch unabhängig zu entscheiden.

Was kann denn getan werden, um die Erdgaskrise schnell zu entschärfen? Mehr Gas aus Norwegen oder den Niederlanden, Flüssigerdgas aus den USA?

Kurzfristig kann man nicht viel machen. Die Niederlande, die einmal der Hauptlieferant für Deutschland waren, können nicht einspringen. Dort gibt es Erdbeben und Gebäudeschäden durch das Leerwerden der Gasfelder. Norwegen ist fast am Anschlag, kann allenfalls kleine Mengen zusätzlich liefern. In den USA ist es ähnlich. Sie könnten zwar mehr nach Europa umlenken, dann bekommen andere Abnehmer weniger.

Das Problem ist: Der Kuchen wird insgesamt nicht größer. Die globale Energienachfrage ist sehr stark angestiegen, man kann zwar umschichten, aber das bringt keine generelle Entspannung.

Waren solche Verwerfungen auf den Energiemärkten nicht absehbar?

Natürlich waren sie das. Wir diskutieren zum Beispiel seit Jahren darüber, dass "Peak Oil" droht. Doch die offizielle Politik hat das nicht ernst genommen. Verknappungstendenzen gibt es auch bei Kohle und Erdgas, zwar nicht so stark, aber der Aufwand, die verbleibenden Reserven zu fördern, steigt an.

Was bleibt also? Heizung runterdrehen?

Innerhalb des fossilen Systems ist keine zufriedenstellende Lösung möglich. Länder wie Deutschland, die finanzstark sind, werden höhere Preise zahlen und so die nötigen Energiemengen bekommen. Ärmere Länder werden das Nachsehen haben.

Entscheidend ist es nun, die Abhängigkeit von den fossilen Rohstoffen so schnell wie möglich zu senken – und das heißt, schnell in die erneuerbaren Energien und die Energieeinsparung zu investieren. Das ist die Lösung, die allerdings in den letzten 16 Jahren unter Kanzlerin Merkel missachtet wurde. Das rächt sich nun bitterböse.

Kurzfristig bringt das aber auch keine Entspannung.

Hans-Josef Fell

ist Präsident der Energy Watch Group. Als langjähriger Bundestags­abgeordneter der Grünen war er Mitautor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2000 und einer der wichtigsten Vorantreiber der Energie­wende in Deutschland und Europa.

Richtig. Aber in drei, vier Jahren lässt sich da sehr viel tun. Der Ausbau der Erneuerbaren kann wieder auf ein Niveau gebracht werden wie zuletzt 2012, als wesentlich mehr Leistung hinzukam als 2021. Zudem muss in Speicher investiert und die Flexibilisierung des Stromverbrauchs erhöht werden.

Ein wichtiger Schritt wäre, die Abhängigkeit vom Erdgas in der Stromproduktion zu verringern. Man kann die vorhandenen Biogasanlagen ohne großen Aufwand so umrüsten, dass sie den Strombedarf zu Zeiten abdecken helfen, wenn Sonne und Wind wenig liefern. Bereits Mitte des Jahrzehnts könnten wir rund 80 Prozent unseres Strombedarfs durch Ökoenergien decken und gegen 2030 sogar 100 Prozent.

Nun will die Ampel-Bundesregierung aber neue Erdgaskraftwerke bauen, um den Atom- und Kohleausstieg abzufedern.

Das war von vornherein die falsche Strategie. Erstens ist Erdgas keine klimafreundliche Energie. Es kann sogar bis zu 30 Prozent klimaschädlicher als Kohle sein, wenn es mit Fracking gewonnen und als LNG geliefert wird, als Flüssigerdgas. Zweitens hatte es schon vor dem Ukraine-Krieg keinen Sinn, sich noch abhängiger von Russland zu machen. Das jetzt weiterzuverfolgen, wäre völlig abwegig.

Ist es besser, die Abschaltung der restlichen drei AKW und der Kohlemeiler zu verschieben?

Das ist auch keine Lösung. Um die Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, müssten sie sicherheitstechnisch für viel Geld nachgerüstet werden, und ein späteres Abschalten der Kohle verbietet sich aus Klima- und Umweltgründen.

Das Geld muss in den Ausbau der erneuerbaren Energien und der Speicher gesteckt werden. Hier haben wir die großen Potenziale. Hätten die Merkel-Regierungen den Boom der Erneuerbaren nicht seit 2012 Stück für Stück abgewürgt, könnten wir heute schon 100 Prozent Ökostrom haben. Auf diesen Pfad müssen wir zurückfinden.

Bis wann wäre eine Umstellung auf ein rein "grünes" Energiesystem machbar?

Mit großen Anstrengungen können wir sogar die Umstellung der Gesamtenergieversorgung bis 2030 schaffen. Wir haben das in der Energy Watch Group in einer Studie durchgerechnet. Den Hauptbeitrag werden Sonne und Wind liefern, aber auch Biomasse, Wasserkraft und Geothermie haben noch Potenzial, das ökologisch ausgebaut werden kann. Ergänzt wird das durch Speichertechnologien wie Batterien, Wasserstoff-Speicher, Pumpspeicher und Wärmespeicher. Das Ganze wird digital gesteuert, sodass das Stromsystem weiter so stabil ist wie heute.

Wäre das überhaupt bezahlbar?

Natürlich. Erneuerbare liefern die Energie billiger als neue Erdgas- oder Atomkraftwerke, selbst inklusive Speichern.

Hinzu kommt: Die nötigen Investitionen sind leichter finanzierbar als die steigenden Preise der fossilen Energien, die die Privathaushalte und die Industrie erdrücken. Es gibt so viel privates Kapital, das auf Bankkonten liegt und keine Zinsen abwirft. Dieses für die Erneuerbaren, gerade auch als Bürgerenergie in Genossenschaften, zu mobilisieren, hätte enorme Wohlfahrtseffekte. Das muss von der Politik angereizt werden.

Sie muss aber auch mehr Unterstützung für eine Erneuerung der industriellen Basis geben. Wir brauchen neue Fabriken für Solarzellen, Batterien, Elektroautos, Wärmepumpen und andere Technologien, gerade auch in Deutschland. Das bringt auch viele Jobs und neue Einkommensmöglichkeiten.

Würde dieser Erneuerbaren-Turbo denn von der Bevölkerung akzeptiert? Siehe Windkraft-Proteste.

Die Zustimmungsraten zum Ausbau der Erneuerbaren liegen seit vielen Jahren bei 80 Prozent oder mehr. Das ist viel höher als bei Atom, Kohle oder Erdgas. Wenn das keine Grundlage ist, was dann?

Nord Stream 2 dürfte nun zunächst eine Bauruine werden. Aber wäre es denkbar, die Pipeline später, in besseren Zeiten, für den Import von grünem Wasserstoff zu nutzen? Das hat unlängst der renommierte Ökoenergieexperte Eicke Weber vorgeschlagen.

Ich halte das nicht für realistisch, die technischen Anforderungen sind bei Wasserstoff andere als bei Erdgas. Eine Umrüstung von Unterwasser-Anlagen halte ich für kaum machbar. Eher denkbar wäre das bei der Pipeline, die durch die Ukraine führt. Dann hätte das Land, das hoffentlich politisch überleben wird, eine Perspektive als Produzent von grünem Wasserstoff. Das Potenzial dafür ist dort vorhanden.

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