Eine Lachnummer wird zum Trauerspiel

Selten hat es ein Flughafen so oft in die Schlagzeilen und in Kabarettprogramme geschafft wie der BER. Deutschland hatte viel zu lachen mit dem Berliner Pannenflughafen. Es gibt allerdings einen BER-Skandal, über den bisher kaum jemand redet und der es noch nicht in die breite Öffentlichkeit geschafft hat.


Tower und Flugzeuge auf der riesigen betonierten Fläche des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg.
Der neue Berliner Flughafen BER ist fertig – für das Klima wäre das auch 2011 schon eine schlechte Nachricht gewesen. (Foto: Markus Mainka/​Shutterstock)

Im Jahr 2020, während sich die Klimakrise überschlägt, ist das größte Infrastrukturprojekt, das Deutschland ans Netz bringt, ein Flughafen.

Zeitgemäß wäre die Einweihung eines europäischen Nachtzugnetzes. Stattdessen werden utopische Summen an Steuergeldern für die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung ausgegeben.

Neben den Milliarden, die in den Bau des BER sowie die kürzliche Rettung der Lufthansa geflossen sind, wird die Flugindustrie zusätzlich indirekt mit 13 Milliarden Euro pro Jahr durch die fehlende Kerosin- und Mehrwertsteuer subventioniert.

Anstatt diese Gelder zum Aufbau von klimafreundlichen Alternativen zu nutzen, wirken sie in der Flugindustrie als Brandbeschleuniger der Klimakrise.

Fliegen ist nicht nur der größte Klimakiller unter den Fortbewegungsmitteln – es ist auch zutiefst ungerecht und undemokratisch.

In Deutschland fliegen sieben Prozent der Bevölkerung zehnmal oder häufiger pro Jahr – vorwiegend Wohlhabende. Die Mehrheit fliegt selten bis gar nicht – dafür nutzen die meisten täglich öffentliche Verkehrsmittel. Gleichzeitig sind fast zwei Drittel der Inlandsflüge Geschäftsreisen. Es profitieren also vor allem Konzerne und Vielflieger:innen.

Global sieht das Ganze noch dramatischer aus: Während über 80 Prozent der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug betreten haben, sind zwei Drittel aller Flüge aus Deutschland touristische Urlaubsreisen und Kurztrips.

Von einem kulturellen Austausch auf Augenhöhe kann also keine Rede sein. Vielmehr zeigen sich globale Ungerechtigkeiten, die in einer traurigen Tradition stehen. Die Wenigen, die fliegen, verursachen stolze sechs Prozent der globalen Treibhausgasemissionen.

Mal wieder sind also gerade diejenigen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, am stärksten davon betroffen.

Wie kann der Flugverkehr am Boden bleiben?

In der Flugdebatte zeigt sich, dass der Wandel zu einer klimagerechten Gesellschaft auf mehreren Ebenen stattfinden muss.

Natürlich kann es nicht sein, dass Flugtreibstoff und Flugtickets nicht besteuert werden und eine Zugreise oft teurer ist. Und natürlich ist bei der Bahn sowohl innerhalb Deutschlands als auch in Europa noch extrem viel Luft nach oben.

Damit politische Maßnahmen ergriffen werden, braucht es jedoch genügend Druck aus der Bevölkerung – und einen kulturellen Wandel. Solange ein Urlaubsflug als normal gilt und andere Formen des Reisens unvorstellbar sind, wird es schwer, Mehrheiten für eine Kerosinsteuer zu finden.

Porträtaufnahme von Benno Hansen.
Foto: privat

Benno Hansen

ist Student und Klimaaktivist und engagiert sich bei "Am Boden bleiben" und "Ende Gelände". Nach einem abgeschlossenen Studium der regenerativen Energien absolviert er jetzt ein Zweitstudium der Rechts­wissen­schaften.

Es braucht eine gesellschaftliche Debatte darüber, welche Flüge notwendig sind und welche nicht. Ein monatlicher Shopping-Trip nach Barcelona muss anders behandelt werden als der Besuch der Eltern auf einem anderen Kontinent. Nicht alle Menschen haben ihre Familienangehörigen auf demselben Kontinent, geschweige denn im selben Land.

Tourismus wird sich zukünftig ändern müssen. Wenn wir uns mehr Zeit nehmen, mit der Bahn fahren oder einmal in die Pedale treten, können sich neue erfüllende Formen des Reisens entwickeln. Mehr Zeit für langsames Reisen ließe sich durch Arbeitszeitverkürzung und das Recht auf Sabbaticals erreichen.

Dass solche tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen möglich sind, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Noch im 19. Jahrhundert war eine Sechs- bis Sieben-Tage-Woche mit zwölf Stunden Arbeitszeit pro Tag ohne Urlaubsanspruch der Normalfall. Heute diskutieren wir über die Vier-Tage-Woche.

Damit sich Arbeitsmodelle verändern, braucht es massiven Druck von sozialen Bewegungen und Gewerkschaften. Ein neuer Flughafen für noch mehr schnellen Massentourismus ist jedoch ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung.

Die Klimabewegung stellt sich der Zerstörung in den Weg

Leider ist der BER nicht das einzige fossile Megaprojekt, dem eine lebenswerte Zukunft geopfert wird. Im Dannenröder Forst wird gerade ein alter Wald gerodet, um Platz für eine neue Autobahn zu schaffen. Im Rheinischen Braunkohlerevier sollen Menschen zwangsumgesiedelt und Dörfer zerstört werden, um an die darunterliegende Kohle zu kommen.

Ob bei der Mobilität oder der Stromerzeugung – die Alternativen stehen zur Verfügung und warten darauf, ausgebaut zu werden. Da die Regierung den Ernst der Lage noch nicht begriffen hat, wird aber lieber in Verkehrsprojekte aus dem letzten Jahrhundert investiert – Vergangenheit frisst Zukunft.

Die Handlungsmöglichkeiten für soziale Bewegungen sind in Zeiten der Covid-19-Pandemie zwar extrem eingeschränkt, aber eines zeigt sich deutlich: Im Jahr 2020 kann kein Tagebau, keine Autobahn und kein Flughafen mehr ohne massiven Protest in den Normalbetrieb übergehen.

Eine vielfältige Bewegung nimmt nicht länger hin, dass ihre Zukunft für die Profite von Konzernen verheizt wird. Der Ungerechtigkeit der Klimakrise soll ein Riegel vorgeschoben werden – wenn es sein muss, mit zivilem Ungehorsam. Deshalb sind am Wochenende vielfältige Protestaktionen geplant.

Neben Demonstrationen von Fridays for Future, Extinction Rebellion und vielen weiteren Gruppen hat "Am Boden bleiben" angekündigt, die BER-Eröffnung zu blockieren. Damit wollen die Bewegungsakteure ein Zeichen gegen den größten BER-Skandal setzen – die Eröffnung eines Flughafens mitten in der Klimakrise.

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