Weniger Stress, weniger Klimakrise

Unser Wirtschaftswachstum heizt den Klimawandel an, in Phasen mit sinkender Wirtschaftskraft nehmen auch die CO2-Emissionen ab. Verfechter:innen des Postwachstums wollen ein Wirtschaftssystem, das den Menschen und dem Planeten guttut. In einer Serie stellt Klimareporter° verschiedene Ansätze zur Lösung der Klimakrise vor und beleuchtet Vor- und Nachteile. Teil 12 und Schluss: Postwachstum.


Graffito mit Aufschrift:
"Das einzige nachhaltige Wachstum ist Postwachstum." (Foto: Paul Sableman/​Flickr)

Endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten? Wenn es nach EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen geht, ist das kein Widerspruch.

Als sie im Dezember ihren Green Deal auf der Weltklimakonferenz in Madrid ankündigte, sprach sie von einer "neuen Wachstumsstrategie".

Es ist das alte Versprechen des grünen Kapitalismus. Durch saubere und effiziente Technologien könne man das Wirtschaftswachstum von Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß entkoppeln, so die Idee. Und den Kapitalismus, für den ständiges Wachsen die Luft zum Atmen ist, in eine schöne grüne Welt retten.

Da gibt es nur ein Problem: "Die Empirie deutet nicht darauf hin, dass die Green Economy ihr Versprechen einlösen kann", meint Kai Kuhnhenn vom gemeinnützigen Konzeptwerk Neue Ökonomie. Bisher hätten neue Technologien und Energieeffizienz in keinem Land der Welt dazu geführt, dass die CO2-Emissionen angemessen sinken.

"Der Wachstumsglaube verhindert nicht nur, dass wir die Emissionen durch weniger Produktion verringern, sondern auch, dass eine starke Effizienzstrategie – siehe Automobile – oder die Ablösung fossiler Energiegewinnung von der Politik durchgesetzt werden", ist sich der Umweltwissenschaftler sicher.

Sprich: In der Theorie mag das grüne Wachstum mit aller technologischen Finesse verlockend klingen – aber was bringt das, wenn unsere politischen und wirtschaftlichen Strukturen es nicht eintreten lassen?

"Wenn Leute behaupten, dass grünes Wachstum funktioniert, müssten sie eigentlich den Beweis dafür erbringen, und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch im Rahmen der vorherrschenden Machtverhältnisse", findet Kuhnhenn.

Für das Gegenteil gibt es indes gute Indizien. Der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur, den wir mittlerweile als die Klimakrise kennen, begann mit dem Durchbruch des Kapitalismus inklusive Wachstumszwang in der Industrialisierung. Ein Blick auf die Temperaturkurve des Planeten zeigt das anschaulich.

Es gibt kein IPCC-Szenario für Postwachstum

Und wenn die Wirtschaftskraft sinkt, tun es ihr die Emissionen gleich. Das war in Deutschland nach der Wende so, als die ostdeutsche Wirtschaft zusammenbrach. Es zeigte sich nach der Finanzkrise ab 2007.

Und es wird sich dieses Jahr wohl wiederholen, wo die Politik die Wirtschaft infolge der Coronapandemie brachgelegt hat. "Wir werden eine Reduzierung der Emissionen durch Corona erleben", sagte Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamts, schon im März. "Das ist ja offensichtlich."

Um fast acht Prozent könnte der globale CO2-Ausstoß in diesem Jahr zurückgehen, prognostizierte die Internationale Energieagentur in dieser Woche. IEA Chef Fatih Birol sprach von einem "historischen Einbruch der Emissionen".

Das ist die Lösung! Oder?

Die Welt weiß, wie man die CO2-Emissionen senken kann – sie muss es nur tun. Wir stellen in einer Serie verschiedene Lösungsansätze mit ihren Vor- und Nachteilen vor.

 

Klimareporter° beteiligt sich damit wie hunderte andere Zeitungen und (Online-)​Magazine weltweit an der Initiative "Covering Climate Now". Anlässlich des 50. Jubiläums des "Earth Day" am 22. April berichten die Kooperationsmedien eine Woche lang verstärkt über Lösungen für die Klimakrise.

Trotzdem ist Postwachstum oder Degrowth in der allgemeinen Klimadebatte kaum präsent. Der Weltklimarat IPCC zum Beispiel bildet in seinen Szenarien zahlreiche Klimaschutz-Strategien ab, etwa verschiedene Technologie-Mixe. Dass man aber die Wirtschaft gezielt schrumpfen lassen könnte, kommt darin nicht vor.

Dabei erkennt auch der IPCC an, dass Wachstum die hauptsächlich treibende Kraft für Treibhausgasemissionen ist.

"Im begleitenden Textwerk wird das erwähnt, aber in den Berechnungen kommt kein Postwachstum vor", meint Kuhnhenn. "Und aus denen werden die harten Aussagen abgeleitet, die dann als Grundlage für politische Entscheider:innen dienen."

Postwachstum braucht massive Umverteilung

Den Corona-Lockdown will der Umweltwissenschaftler nicht als Degrowth-Projekt verstanden wissen. "Es ist zwar interessant, dass die Politik jetzt einmal sagt: Es gibt einen höheren Wert als Wirtschaftswachstum", sagt er. "Aber das ist kein Postwachstum, denn dahinter steht kein Entwurf einer Wirtschaftsweise, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt." Postwachstum müsse auch soziale und ökologische Gerechtigkeit beinhalten. Emanzipation statt Gürtel enger schnallen.

"Im Übrigen würden auch in einer Postwachstumsgesellschaft manche Branchen wachsen, zum Beispiel die ganze Sorgearbeit, Bildung, Kunst und Kultur", meint Kuhnhenn. Also solche Arbeiten, die herkömmliche Indikatoren für Wirtschaftskraft kaum abbilden. Sie werden schließlich zum größten Teil nicht im Rahmen einer Erwerbstätigkeit geleistet. "Andere müssten drastisch schrumpfen." Das sei nur durch die massive Umverteilung von Reichtum zu haben, meint Kuhnhenn.

Vorschläge in diese Richtung gibt es längst: Neben einer sozial-ökologischen Steuerreform sind das etwa die flächendeckende Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit oder das bedingungslose Grundeinkommen. Unsere Sozialsysteme hängen schließlich vom Wirtschaftswachstum ab. Das müsste sich ändern.

Protest und Experimente für den Systemwandel

Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat das Postwachstum mittlerweile zum festen Teil ihrer Agenda gemacht. Seit 2015 findet auf den Klimacamps in den deutschen Kohlerevieren auch eine "Degrowth Summer School" mit Workshops und Diskussionen statt.

"Klar sind wir gegen Kohle, aber wir müssen auch das System ändern, das überhaupt dazu führt, dass die Kohle verbrannt wird", meint Dorothee Häußermann, die seit vielen Jahren in der Anti-Kohle-Bewegung aktiv ist. "Das Problem ist nur: Wir wollen möglichst konkrete Vorschläge liefern, nicht nur für Utopien, die vielleicht in 100 Jahren verwirklicht werden können, sondern auch für einen Übergang zu einem anderen Wirtschaftssystem in den nächsten Jahren."

Die Vernetzung mit der Degrowth-Bewegung hat dabei geholfen. Im vergangenen Jahr haben Gruppen wie "Ausgeco2hlt" und "Am Boden bleiben" das "Sofortprogramm Klimagerechtigkeit" vorgestellt.

Darin geht es zwar durchaus auch um Kohleausstieg, erneuerbare Energien und Klimagelder für den globalen Süden – aber eben auch um Arbeitszeitverkürzung, progressive Vermögenssteuer und die zentrale Rolle der Sorgearbeit für die Wirtschaft.

"Parallel experimentieren Menschen in der Klimabewegung auch mit Alternativen in ihrem eigenen Umfeld, organisieren Umverteilung schon mal selbst", erzählt Häußermann. "Ich habe Freund:innen, die all ihr Geld auf ein Konto geschmissen haben, um gemeinsam und solidarisch zu wirtschaften."

Das beende für sich genommen natürlich weder den Kapitalismus noch die Klimakrise, sagt die Aktivistin. "Aber es schafft Freiräume für die Beteiligten und stößt hoffentlich gesellschaftliche Lernprozesse an."

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