"Junge Menschen beim Klimagipfel besser einbinden"

In der ersten Woche der COP 26 in Glasgow gab es ein Feuerwerk an Reduktionszusagen. Doch die Chancen auf substanzielle Umsetzung sind nicht in jedem Fall gut, sagt der Umweltökonom Reimund Schwarze vom UFZ Leipzig, der die Konferenz vor Ort beobachtet.


Protestierende mit Schild bei der Klimademo in Glasgow
Die Verantwortung für künftige Generationen kommt langsam in den Köpfen an: Klimademo in Glasgow zur Halbzeit der COP 26. (Foto: Sandra Kirchner)

Klimareporter°: Herr Schwarze, zum Auftakt des Klimagipfels in Glasgow gaben sich die Staatschefs auf dem World Leaders Summit die Klinke in die Hand. Hat das die Gipfel-Atmosphäre beeinflusst?

Reimund Schwarze: Der Summit war interessant. Es fand mehr statt, als sich gegenseitig zu feiern. Die Staatschefs mussten sich die Konfrontation mit den sogenannten vulnerablen, also verletzlichen Staaten gefallen lassen.

Das Bemerkenswerteste war für mich, dass die Vertreterin der Jugend, Elisabeth Wathuti, die anwesenden Staatsoberhäupter zu einem Büßer-Ritual aufgerufen hat und eine Gedenkminute für die Opfer des Klimawandels in ihrem Land Kenia und auf der Welt eingefordert hat.

Im Vergleich zu früheren Gipfeln, wo Reden Jugendlicher nicht so prominent platziert waren, ist das eine völlig veränderte Wahrnehmung der Verantwortung für künftige Generationen. Das zeigt eine neue psychologische Prägung – und das schärft wiederum den Blick auf die Diskussion um die Menschen, die nicht in Glasgow sind, aber schon heute von den Folgen des Klimawandels betroffen sind.

In der ersten Woche gab es eine Reihe verheißungsvoller Ankündigungen neuer Reduktionsverpflichtungen. Was ist davon zu halten?

Ja, es gab allerhand Ankündigungen. Jede Erklärung ist aber nur so gut wie der Sanktionsmechanismus bei Verfehlung der Selbstverpflichtung.

Hinter dem in Glasgow verkündeten "Global Methan Pledge" sehe ich ökonomische Motive. Methan ist beim Klimaschutz eine low hanging fruit, eine tief hängende Frucht. Damit sind Maßnahmen gemeint, mit denen sich leicht Emissionen sparen lassen.

Die Unternehmensberatung McKinsey gibt dazu an, dass 90 Prozent aller Aktivitäten, die die Freisetzung von Methan verhindern, sich zu Kosten von unter 25 US-Dollar pro Tonne CO2-Äquivalent umsetzen lassen.

Unterm Strich ist der Methan-Pakt positiv zu werten, auch wenn die versprochenen 30 Prozent Reduktion bis 2030 nicht ausreichen. Schätzungen – etwa von Unep, dem UN-Umweltprogramm – gehen davon aus, dass mehr Einsparungen möglich wären.

Aber der Pakt setzt einen Impuls, der sich aufgrund seiner ökonomischen Vorteilhaftigkeit durchsetzen wird.

Wie beurteilen Sie die auf dem Gipfel gegebenen Zusagen mehrerer Länder, aus der Kohle auszusteigen?

Bei den Ankündigungen zum Ausstieg aus der Kohle verhält es sich ähnlich wie beim Methan. Kohle ist eigentlich ökonomisch schon tot und wird zum Teil hoch subventioniert. Überall, wo der Markt frei ist, wie zum Beispiel in den USA, ist die Kohle massiv eingebrochen.

Deswegen gilt: Selbst wenn für die Nichteinhaltung solcher Zusagen keine zwischenstaatlichen Sanktionen vorgesehen sind, werden sie sich quasi von selbst erfüllen.

Foto: UFZ

Reimund Schwarze

ist Professor für Inter­nationale Umwelt­ökonomie an der Frankfurter Viadrina, Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umwelt­forschung UFZ in Leipzig und Berater von Klimareporter°.

Ganz anders sehe ich das beim Waldschutz. Da haben sich über 100 Länder verpflichtet, die Rodungen bis 2030 zu beenden. Allerdings gibt es das internationale Ziel, den Waldverlust bis 2030 zu beenden, schon seit 2014. Aber da ist nichts passiert – eher sehen wir das Gegenteil.

Und weil im Rahmen dieser Zusage keine Sanktionen verankert wurden, kann da allenfalls diplomatisch Druck auf die Länder mit weiter hoher Abholzung ausgeübt werden.

Es stimmt: In der ersten Woche gab es ein Feuerwerk von Zusagen. Aber ohne substanzielle Umsetzungen bleibt es bei der bloßen Ankündigung, und das wäre vor allem bei der Abholzung schlecht. Aber die Initiativen sind breit angelegt, sodass nicht in allen Bereichen eine schleppende Umsetzung droht.

Parallel zu den politischen Ankündigungen gingen natürlich die Verhandlungen unter den Staaten weiter, um endlich das Regelwerk für den Pariser Klimavertrag zu verabschieden. Da geht es vor allem um Artikel 6, der den Staaten künftig erlauben soll, untereinander Emissionsrechte zu handeln.

Die Diskussion geht ihren Gang. In der Grundkonstellation ist die Diskussion um den Artikel 6 zwar noch immer die gleiche wie beim Madrider Klimagipfel vor zwei Jahren. Ich glaube aber, am Ende werden wir nicht mehr so viel Widerstand erleben wie in Madrid, weil sich die globale Lage verändert hat.

Zudem wirkt sich das Fehlen der Auslegungsregeln zum Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens langsam erdrückend für die projektbezogene Zusammenarbeit zwischen den Staaten aus.

Da steht in Entwicklungsländern ein gewaltiges wirtschaftliches Interesse dahinter, das durch die fehlenden Ausführungen zu Artikel 6 ausgebremst wird. Insofern wird der Druck von dieser Seite zunehmen, das Thema abzuschließen.

Was könnte sich – neben Artikel 6 – noch als Knackpunkt für einen Erfolg des Gipfels erweisen?

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gibt es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, wird sich beim 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Am Montag fand eine Generalversammlung statt, gewissermaßen um zu zeigen, wir sind hier in Glasgow beschlussfähig. Vor allem kleinere und wirtschaftlich schwächere Länder aus Afrika oder Asien – ich meine, es sind 17 an der Zahl – können aus unterschiedlichen Gründen nicht anwesend sein. Und da sollte nun, sozusagen wie bei einem Verein, festgestellt werden, ob man beschlussfähig ist.

Das ist aus meiner Sicht weniger eine Frage der Legitimität, sondern viel mehr der Inklusivität.

Auf den Straßen in Glasgow demonstrieren die Jugendlichen. Die Stimmung unter den jungen Menschen radikalisiert sich. Wo bleiben diese Menschen hier bei den UN-Klimaverhandlungen?

Reicht es, ihnen Redeplätze zu geben, auch wenn die jungen Leute hier in Glasgow viel präsenter sind? Es ist nicht mehr so wie 2015 in Paris. Insofern müssen wir langsam eine andere Vorstellung von diesem Prozess der Klimaverhandlungen realisieren und die jungen Menschen besser einbinden.

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