Glasgower Wundertüte

Die erste der beiden Klimagipfel-Wochen in Glasgow ist vorüber. Die Regierenden scheinen begriffen zu haben, dass sie sich ein Scheitern nicht mehr leisten können. Herausgekommen ist mehr als auf vielen früheren Konferenzen – gemessen am 1,5-Grad-Ziel reicht es noch lange nicht.


Ein schwebender Globus im Konferenzzentrum in Glasgow beim Klimagipfel COP 26.
Die "Action Zone" in der Glasgower Hydro-Arena, zurzeit Teil des Konferenzgeländes. (Foto: Alan Harvey/​COP26/​Flickr)

Halbzeit beim Klimagipfel COP 26 in Glasgow. Das ist, wie immer bei diesen Treffen, die Zeit der Demonstrationen. Diesmal sind die Proteste auf der Straße noch größer als früher, als es noch keine globale Fridays-for-Future-Bewegung gab. Gleich zwei Tage wird demonstriert.

Auch Fridays-Ikone Greta Thunberg ist dabei. Sie, die mit ihrem "Skolstrejk" erstmals auf dem Klimagipfel 2018 in Polen internationale Beachtung fand, will sich dafür einsetzen, dass es nicht wieder nur "Blablabla" gibt statt wegweisender Beschlüsse zur Rettung des Weltklimas.

Das ist, einerseits, ein Missverständnis. Denn der Glasgow-Gipfel kann so, wie er angelegt ist, das Klima gar nicht retten. Er soll vor allem technische Regeln beschließen, damit der 2015 geschlossene Pariser Klimavertrag komplett erfüllt werden kann, etwa in Bezug auf den internationalen Handel mit CO2-Emissionen.

Konkrete, verpflichtende Ziele und Maßnahmen zur CO2-Einsparung können die Delegierten nicht vorgeben. Das ist der Job der Regierungen der Vertragsstaaten. Sie wollten und wollen sich nicht von mächtigen "COPs" hereinreden lassen. Das war der Grund dafür, dass der Klimagipfel 2009 in Kopenhagen scheiterte.

Damals sollte, sechs Jahre vor Paris, schon einmal ein globaler Klimavertrag geschlossen werden – mit viel mehr Macht für die UN-Gipfel. Das war nicht durchsetzbar. Es kam zum größten diplomatischen Flop der Nachkriegszeit.

Druck, nicht zu versagen

Andererseits hat Thunberg natürlich recht. Blablabla hat es auf den 25 UN-Klimagipfeln bisher genug gegeben.

Und siehe da: Tatsächlich ist schon nach der Hälfte der Konferenz klar, dass hier mehr herausgekommen ist als auf vielen Vorgängertreffen. Der Druck, bei der Bilanz der Paris-Versprechen nicht völlig zu versagen, hat einige Nachzügler dazu gebracht, ihre nationalen CO2-Strategien nachzuschärfen.

Am bedeutsamsten: Indien, mit 1,4 Milliarden Menschen einer der größten Emittenten, peilt nun die Klimaneutralität an, wenn auch erst für 2070, und hat ambitionierte Ausbaupläne für Ökoenergien aufgelegt.

Zusammen mit dem in Glasgow geschlossenen Abkommen zur Reduktion des zweitwichtigsten Treibhausgases Methan könnten die neuen Ankündigungen dazu führen, dass sich die Erderwärmung bis 2100 unter zwei Grad drücken lässt, wie im Paris-Abkommen gefordert. Laut ersten Berechnungen ergibt sich ein Wert von 1,8 Grad, allerdings nur, wenn alles auch umgesetzt wird.

Das ist immer noch zu viel. Schließlich ist inzwischen Konsens unter Klimaforschern, dass dringend 1,5 Grad eingehalten werden müssen, um die Gefahr des Auslösens von Kippelementen im Klimasystem weitgehend auszuschießen. Aber es zeigt, dass die Regierungen grundsätzlich begriffen haben, wohin die Reise gehen muss.

Hoffnungsposten

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Zukunft damit längst noch nicht gerettet. Tatsächlich beschlossen haben die Regierungen erst CO2-Reduktionen bis 2030, die auf einen 2,7-Grad-Pfad führen würden. Und schaut man auf die aktuelle Politik, wird es noch viel finsterer. Denn die lässt eine Erwärmung von bis zu vier Grad erwarten.

Gerade versuchen die Länder der Welt ja, aus der Corona-Wirtschaftsdelle herauszukommen. Und das führt, da die Konjunkturprogramme kaum angegrünt sind, zu einem Wiederanstieg der Emissionen aufs alte Niveau. Dabei müsste, um die 1,5 Grad in Reichweite zu halten, jedes Jahr eine Reduktion um global sechs Prozent wie im Corona-Jahr 2020 erfolgen.

Es gibt zwar weitere Hoffnungsposten. Darunter eine Verabredung zum Waldschutz mit Zieljahr 2030, die über 100 Staaten mittragen. Eine milliardenschwere Musterkooperation von vier Industriestaaten mit Südafrika, um dort die Energiewende zu pushen.

Zwei Initiativen zum Kohleausstieg, bei denen sogar Polen und die Ukraine mitmachen. Eine Selbstverpflichtung von 450 Banken und anderen Finanzunternehmen weltweit, die die gigantische Summe von 130 Billionen Dollar in klimafreundliches Wirtschaften umschichten wollen.

Das alles wäre vor wenigen Jahren in dieser Ballung noch nicht denkbar gewesen. Trotzdem ist die Frage, wie stringent es umgesetzt wird.

Ernst gemeint?

Und in manchen Fällen auch, ob es wirklich ernst gemeint ist. Oder wie soll man es bewerten, wenn der bekennende Amazonas-Waldvernichter Bolsonaro, Brasiliens rechtsextremer Präsident, plötzlich den Bäume-Umarmer gibt?

Es bleiben also noch viele Fragezeichen. Gerne würde man den Politikern Glauben schenken, die sich zum Beginn des Glasgow-Gipfels als Warner vor der Apokalypse betätigten und Besserung gelobten, einer Apokalypse, die sie bis vor Kurzem, nämlich in den klimazerstörerisch gestalteten Corona-Konjunkturprogrammen, weiter befeuert haben. Also auch in dem Moment, als enorme Finanzmittel für ein Umsteuern da waren.

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gibt es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, wird sich beim 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Wie sagte der britische Premier und Gipfel-Gastgeber Boris Johnson? Es sei "eine Minute vor Mitternacht auf der Weltuntergangs-Uhr", aber es gebe noch die Möglichkeit, die "tickende Weltuntergangs-Maschine" zu stoppen.

Nur wenn er und das übrige Spitzenpersonal in Politik und Wirtschaft das endlich ganz radikal auch in der Praxis tun, haben Gipfel wie der in Glasgow einen Sinn.

Es tickt einstweilen weiter.

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