Glasgow beginnt mit Reden im Drei‑Minuten‑Takt

Eine Rede an die Welt oder ans Heimatpublikum? Pathos oder trockene Maßnahmen? Das sind die Optionen, wenn die Staats- und Regierungschefs bei der UN-Klimakonferenz ihre Statements abgeben. Die meisten blieben sich treu.


Mikrofon vor orange-violettem Hintergrund.
In den gehaltenen und nicht gehaltenen Reden war wenig Überraschendes zu entdecken. (Foto: Joshua Hoehne/​Unsplash)

Früher kamen die Staats- und Regierungschefs erst ganz am Schluss einer UN-Klimakonferenz, um die letzten politischen Fragen zu lösen. Doch dieses Modell scheiterte spektakulär im Jahr 2009 in Kopenhagen. Seither kommen die Führer der Welt zu Beginn der Konferenzen, um den Verhandlungen Schwung zu verleihen.

So auch heute in Glasgow. Den Beginn machte der Gastgeber, der britische Premierminister Boris Johnson. In seiner ganz eigenen Art begann Johnson seine Ansprache mit einem absurden Vergleich: Er verglich sich und die anderen Regierungschefs mit James Bond, der versucht, im letzten Moment eine Bombe zu entschärfen, bei deren Detonation "das menschliche Leben, wie wir es kennen, endet".

Und dann, gerichtet an die anderen Regierungschefs, sagte Johnson: "Wir sind heute in etwa der gleichen Situation wie James Bond, außer, dass das kein Kinofilm und die Weltuntergangsmaschine real ist."

UN-Chef António Guterres argumentierte ähnlich, aber mit deutlich mehr Gravitas. Die von den Staaten versprochenen Anstrengungen beim Klimaschutz reichten nicht aus: "Wir schaufeln unser eigenes Grab", warnte Guterres die Staats- und Regierungschefs. Der Planet verändere sich vor unseren Augen – von den Tiefen der Ozeane bis zu den Berggipfeln, von schmelzenden Gletschern bis zu extremen Wetterereignissen.

Und dann stellte Guterres eine Forderung, von der in den kommenden Wochen noch zu hören sein wird: Die Länder sollten nicht alle fünf Jahre neue Klimaziele vorlegen, sondern jedes Jahr – bis die Ziele mit dem 1,5-Grad-Limit vereinbar sind. Außerdem machte er eine Ankündigung, die in den Chefetagen großer Konzerne gehört werden dürfte: Die Vereinten Nationen wollen eine Expertengruppe einsetzen, um die Netto-Null-Ziele von Firmen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verzichtete sowohl auf schillernde Vergleiche als auch auf Pathos. Die scheidende Regierungschefin kündigte aber in ihrer Rede noch zwei Dinge an. Zum einen unterstützt Deutschland eine neue Waldinitiative. Diese hat zum Ziel, den weltweiten Verlust an Waldfläche innerhalb von zehn Jahren zu stoppen.

Wichtige Länder fehlen oder enttäuschen

Zum anderen ist Deutschland an einer Partnerschaft mit Südafrika beteiligt. Das Land ist besonders stark von Kohle zur Elektrizitätserzeugung abhängig. Gleichzeitig ist der staatliche Energiekonzern Eskom nahezu bankrott und die Stromproduktion hinkt hinter der Nachfrage her. In dieser Situation soll mit einer Partnerschaft zwischen Deutschland, Südafrika und weiteren Staaten Eskom in sozial verträglicher Weise umgebaut werden. Merkel hofft hier auf ein "Pilotprojekt für viele Länder Afrikas".

Die Ansprache von US-Präsident Joe Biden richtete sich primär an sein Publikum zu Hause. Biden sagte zwar auch, dass der Klimawandel keine "hypothetische Bedrohung" mehr sei und dass Glasgow der Startschuss für ein Jahrzehnt des Ehrgeizes und der Innovation sein müsse. Anschließend listete er aber vor allem auf, was in seinen beiden Infrastrukturpaketen enthalten ist, die allerdings noch vom US-Parlament verabschiedet werden müssen.

Zudem wiederholte er, dass die USA ihre Klimahilfen für arme Länder dieses Jahr vervierfacht hätten. Das ist aber weder neu noch sonderlich beeindruckend. Bidens Vorgänger Trump hatte die Klimahilfen radikal zusammengestrichen.

Obwohl mehr als 120 Staats- und Regierungschefs am Montag und Dienstag in Glasgow im Drei-Minuten-Takt sprachen, fehlten doch die Vertreter wichtiger Länder. Die Präsidenten von China, Russland und Brasilien, Xi Jinping, Wladimir Putin und Jair Bolsonaro, sind wie erwartet nicht nach Schottland gekommen.

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gibt es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, wird sich beim 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Überraschend hat zudem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan abgesagt, obwohl er eigentlich ein neues Klimaziel zu verkünden hat: Die Türkei will neuerdings ab 2053 klimaneutral wirtschaften.

Enttäuschend waren die Ansprachen der Regierungschefs von Indien und Indonesien. Narendra Modi kündigte an, dass Indien erst 2070 klimaneutral sein wird. Und Joko Widodo verkündete wider Erwarten keinen Kohleausstieg Indonesiens bis 2040. In seiner Rede ging es vor allem um Wälder und die Pflicht der Industriestaaten, die Entwicklungsländer finanziell zu unterstützen.

Und so bleibt vielleicht am ehesten Boris Johnson in Erinnerung, womit er sein Ziel erreicht haben dürfte.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Die Führer der Welt haben Angst

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