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Die Glasgow-Lücke

Dass die am Sonntag beginnende UN-Konferenz in Glasgow das Klima rettet, ist leider unwahrscheinlich. Dazu müssen die globalen CO2-Emissionen bis 2030 halbiert werden. Das bedeutet, die Logik des fossil befeuerten Wohlstands und Wachstums durch ein grünes Leitbild abzulösen – und in den reichen Ländern durch Suffizienz.


Ein Tourist überwindet eine Klamm durch einen großen Schritt, von schräg unten gegen den Himmel aufgenommen.
Nein, diese Lücke lässt sich nicht überspringen oder rhetorisch zukleistern, sie muss real geschlossen werden. (Foto/​Ausschnitt: Rúben Gál/​Pixabay)

Die Kurve kennt, mit kleinen Ausnahmen, nur eine Richtung: nach oben. Seit 1970 haben sich die energiebedingten CO2-Emissionen global von 16 auf 38 Milliarden Tonnen mehr als verdoppelt.

Hinzu kommen die anderen Quellen für Treibhausgase, sodass die Weltgemeinschaft in diesem Jahr die Rekordmenge von geschätzt 60 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent in die Atmosphäre pusten wird. Und da soll nun ein zweiwöchiges Gipfeltreffen die Wende bringen? Die COP 26 in Glasgow, die am Wochenende beginnt?

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, doch sich Illusionen zu machen, bringt nichts. Denn: Dass Glasgow die Welt rettet, ist leider unwahrscheinlich.

Das UN-Treffen in Schottland gilt vielen als letzte Chance, das Ruder herumzuwerfen. Konkret: das 1,5-Grad-Limit der globalen Erwärmung doch noch anzusteuern.

Um dieses Ziel in Reichweite zu halten, müssen die weltweiten Emissionen bis 2030 praktisch halbiert werden. Das zu schaffen bedeutet, die bisherige Logik des fossil befeuerten Wohlstands und Wachstums binnen nicht mal eines Jahrzehnts abzulösen durch ein grünes Leitbild mit 100 Prozent CO2-freiem Strom, Wasserstoffwirtschaft, E-Mobilität, Energieeffizienz – und in den reichen Ländern Suffizienz, das heißt Genügsamkeit statt neuer Konsumorgien.

Wie groß die Herausforderung ist, zeigt besagte CO2-Kurve. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben nur ökonomische Mega-Krisen oder Umbrüche einen Rückgang der Emissionen bewirkt: die erste und die zweite Ölkrise, der Zusammenbruch des Ostblocks, die Weltfinanzkrise nach der Lehman-Pleite und zuletzt die Coronakrise.

Nicht einmal der UN-Erdgipfel und die Weltklimakonvention von 1992 mit dem feierlichen Versprechen, eine gefährliche Störung des Weltklimas zu verhindern, konnten das Muster durchbrechen. Nach jeder Krise erreichten die Emissionen schnell wieder den Wert von vorher, und dann ging es mit Volldampf weiter nach oben.

China hat abgewinkt

Bisher haben die 25 UN-Klimagipfel nichts daran geändert. Die jüngste Bilanz des UN-Umweltprogramms zeigt, dass die Welt mit den bisherigen CO2-Reduktionsplänen der Regierungen nicht auf 1,5, auch nicht auf zwei, sondern 2,7 Grad Erwärmung zusteuert.

Eigentlich indiskutabel, misst man das an den von fast allen Ländern der Welt unterzeichneten Vorgaben des Paris-Abkommens von 2015. Alle fünf Jahre sollten die nationalen CO2-Pläne so nachgeschärft werden, dass sie auf den 1,5-bis-zwei-Grad-Pfad führen. Trotz der Corona-Verzögerung um ein Jahr – der Gipfel musste verschoben werden – haben das nicht einmal alle Staaten getan, und die Bilanz zeigt: Die Ambitionen reichen schlicht bei Weitem nicht.

Die wichtigste Frage ist nun: Können Glasgow und der just vorher stattfindende G20-Gipfel der führenden Industrie- und Schwellenländer dem weltweiten Klimaschutz trotzdem noch neue Dynamik verleihen?

Hier ruhen die letzten Hoffnungen auf den USA und der EU. Vor allem, nachdem der weltgrößte Emittent China am Donnerstag klargemacht hat, dass er, anders als erwartet, keine verstärkten Klimaanstrengungen mit Blick auf 2030 ankündigen wird.

Das Land steckt in einer Energiekrise und versucht, sie mit stärkerer Kohlenutzung zu lösen. So bleibt es bei Pekings Plan, das Maximum der CO2-Emissionen bis 2030 zu erreichen und sie dann abzusenken – zu spät, um auf einen 1,5-Grad- oder wenigstens Zwei-Grad-Pfad zu kommen.

Wer geht voran?

Doch auch andere CO2-Schwergewichte hinken hinterher. Australien zum Beispiel peilt zwar nun Klimaneutralität bis 2050 an, will bis 2030 aber nicht mehr tun als bisher angekündigt. Noch bedenklicher: Russland, Brasilien und Mexiko haben neue Pläne aufgestellt, die die 2030er CO2-Ziele teils sogar abschwächen, statt sie zu verschärfen.

Die USA und die EU sind die großen Blöcke, die zumindest ansatzweise mit ihren "Green Deal"-Plänen auf dem richtigen Kurs sind – und gemeinsam eine überzeugende Führungsrolle übernehmen könnten.

Es ist allerdings weiter unklar, ob US-Präsident Biden es schafft, eine Mehrheit im Kongress für einen abgespeckten, aber immer noch ansehnlichen Klimaschutz-Investitionsplan zu sichern.

Und auch die EU muss erst noch hart daran arbeiten, dass ihr Green Deal nach der Verschärfung des 2030er CO2-Ziels auch wirklich in die Tat umgesetzt wird. Zuletzt hat Bremser Polen mit seiner starken Kohleabhängigkeit wieder Zweifel daran gesät, zudem streiten die Länder über den richtigen Technologie-Weg, ob mit Atomkraft oder ohne.

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gibt es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, wird sich beim 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Kommissionspräsidentin von der Leyen und die EU-Regierungschefs haben nun den Job, den Laden beim Klima zusammenzuhalten und der Weltgemeinschaft den Eindruck zu vermitteln, dass der alte Kontinent begriffen hat, um was es geht.

UN-Generalsekretär Guterres attestierte den Politikern, die in diesen Jahren über die Klimazukunft des Planeten entscheiden, jüngst eine "Führungslücke". Glasgow ist eine der letzten Chancen, ihn zu widerlegen.

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