Die Klimakonferenzen erfüllen ihren Zweck nicht mehr

Unser Gastautor hat alle 25 Weltklimagipfel besucht, beim 26. dieses Jahr in Glasgow will er nicht mehr mitmachen. Der bangladeschische Klimawissenschaftler warnt: Die Konferenzen sorgen nicht für Klimaschutz – und benachteiligen systematisch den globalen Süden.


Vertrocknete Topfpflanzen, dahinter grün angestrahlte Buchstaben
Trostlos wie die Ergebnisse der Weltklimakonferenz in Madrid: Nach zwei Tagen Verlängerung haben die Zimmerpflanzen schlappgemacht. (Foto: Susanne Schwarz)

Nach meiner Rückkehr vom 25. Weltklimagipfel, der COP 25, bin ich so weit zu sagen: Der Entscheidungsprozess bei dieser jährlichen Klima-Sause erfüllt seine Funktion nicht mehr.

Lassen Sie mich erklären warum.

Die COP 25 war die längste Weltklimakonferenz überhaupt, man hängte noch zwei Tage (und Nächte) an die ursprünglich vorgesehenen zwölf dran. Das Überziehen ist mittlerweile zum Standard geworden.

Das ist nicht nur extrem ineffizient, sondern auch zutiefst unfair gegenüber den Entwicklungsländern, deren Delegierte nicht einfach länger bleiben können. Die Entscheidungen fallen dann stets zu ihrem Nachteil aus, in den letzten Stunden der Verlängerung. Sie kommen nach Hause und stellen fest, dass ihre Worte aus dem Gipfelbeschluss verschwunden sind.

Es ist logisch, dass jeder Beschluss, der an einem Zusatztag fällt, im Prinzip auch vorher hätte fallen können. Die Verlängerungen sind eine absichtliche Taktik, um die Delegierten der armen und verletzlichen Staaten loszuwerden.

Wenn die Klimakonferenzen auch nur den Anschein von Fairness aufrechterhalten wollen, muss die diesjährige COP 26 in Glasgow pünktlich am Freitag der zweiten Verhandlungswoche enden. Was bis dahin nicht beschlossen ist, muss eben auf der COP 27 geklärt werden. Dann muss eben schon am Mittwoch oder Donnerstag die Nacht durch verhandelt werden und nicht erst Freitag oder Samstag.

Porträt Saleemul Huq
Foto: ICCCAD

Saleemul Huq

ist ein bangladeschischer Klimaforscher. Derzeit lebt er in London, wo er das International Centre for Climate Change and Development leitet. Huq war Leitautor des Kapitels zur Klimaanpassung im dritten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Er war bei allen bisherigen Weltklimagipfeln dabei, unter anderem unterstützte er Delegationen aus dem globalen Süden durch Verhandlungstrainings.

Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, den gesamten Prozess der jährlichen COPs zu überdenken – und das Konzept der "umgekehrten COP" aufzugreifen, für das ich mich seit dem Paris-Abkommen einsetze. Ich argumentiere, dass die Umsetzung von Klimaschutz – also echtes Handeln – mehr Raum bekommen sollte als weitere Verhandlungen um Regeln für die Umsetzung.

In meinem Modell füllen die Zivilgesellschaft, Unternehmen, Städte, Universitäten, indigene Gruppen, Jugendliche und andere die großen Plenarsäle und präsentieren dort ihre Aktivitäten. Die offiziellen Verhandler können in den kleinen Räumen bleiben und sich bis in die Nachtstunden über Kommas und Wörter streiten.

Vielleicht kann die schottische Regierung ja in Betracht ziehen, so eine "Action COP" dieses Jahr parallel zur offiziellen Klimakonferenz abzuhalten?

Die Realität hat die Verhandlungen überholt

Mein Hauptgrund für die These, dass die Weltklimagipfel ihren Zweck nicht mehr erfüllen, ist die Tatsache, dass die Realität des Klimawandels die Klimaverhandlungen dieses Jahr überall auf der Welt überholt hat. Bisher war es vernünftig, sich jedes Jahr zu treffen, um dabei zu vereinbaren, dass man die schlimmsten Folgen durch Emissionsreduktion und Klimaanpassung verhindern wolle.

Wir sind davon ausgegangen, dass wir noch massig Zeit hätten. Das war ganz klar falsch – und hat dazu geführt, dass wir vor dieser Herausforderung versagen. Wir treten ein in eine Welt der Schäden und Verluste, die sich deutlich auf den menschengemachten Klimawandel und damit auf den Ausstoß von Treibhausgasen zurückführen lassen.

Es ist ein Indikator dafür, wie realitätsfern die Klimaverhandlungen geworden sind: Anders als es die verletzlichen Entwicklungsländer gefordert haben, gibt es keinen internationalen Geldtopf im Rahmen des sogenannten Warschau-Mechanismus für den Umgang mit Schäden und Verlusten.

Die Menschen, die die Problemlage wirklich verstehen, weil sie sie mit eigenen Augen sehen – die Wissenschaftler, Kinder und armen Menschen aller Länder, sind in Madrid zu Tausenden mit Greta Thunberg zusammen auf die Straße gegangen. Und obwohl Greta von der Gipfelpräsidentin eingeladen wurde, auf der Klimakonferenz zu sprechen, haben die Diplomaten nur höflich zugehört, das Gesagte komplett ignoriert und sind wieder zu ihrem üblichen Prozedere des Feilschens um Details übergegangen.

Gerechtigkeit spielt keine Rolle mehr

Noch etwas deutet darauf hin, dass die Klimakonferenzen ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Früher gab es in den Abschlusstexten zumindest rhetorisch ein Signal der reichen und mächtigen Länder – von denen die meisten große Treibhausgas-Emittenten sind –, dass es Fairness geben müsse. Diese Fassade ist nun komplett gefallen.

Die USA mit Donald Trump als Präsident sind das ungeheuerlichste Beispiel, aber noch viele andere spielen das Spiel ihrer fossilistischen Unternehmen.

Die ganze Zeit war der Hauptgrund dafür, dass die verletzlichsten Entwicklungsländer an die UN-Klimaverhandlungen geglaubt haben, dass sie dort einen Platz am Tisch hatten und mitreden konnten. Dieser Prozess ist zerstört und es ist zu fragen, ob sie sich noch die Mühe machen sollten, daran teilzunehmen.

Ich selbst habe für mich beschlossen, nur noch zu einer "Action COP" zu gehen, sollte es so etwas dieses Jahr in Glasgow geben.

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