In Australien sehen wir den Klimawandel

Während eines Aufenthalts in Australien erlebt der bekannte US-Klimaforscher Michael Mann, wie dort beispiellose Brände wüten. Für ihn sind die Rekordhitze und die Dürre – die Auslöser der Feuer – unschwer als Folgen des Klimawandels zu erkennen.


Ein Känguru vor einem brennenden Haus
Aufnahme vom 31. Dezember 2019: Die Brände in Australien haben verheerende Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen. (Foto: Bruce Detorres/​Flickr)

Nach Jahren klimawissenschaftlicher Forschung hat mich meine Arbeit nach Sydney geführt, wo ich die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und extremen Wetterereignissen untersuche.

Bevor mein Sabbatical in Sydney begann, nutzte ich die Gelegenheit, mit meiner Familie in Australien Urlaub zu machen. Wir haben das Great Barrier Reef – eines der großen Wunder dieses Planeten – besucht, solange wir es noch können.

Beeinträchtigt durch einen doppelten Angriff infolge der Erderwärmung – durch die Korallenbleiche und die Versauerung der Ozeane – wird das Riff in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein, wenn ein dramatisches Reduzieren der globalen Treibhausgasemissionen ausbleiben sollte.

Wir bereisten auch die Blue Mountains, ein weiteres australisches Welterbe, das für üppige gemäßigte Regenwälder, majestätische Klippen, Felsformationen und Panoramablicke bekannt ist und es mit jedem Naturwunder aufnehmen kann. Auch die Blue Mountains sind nun durch den Klimawandel bedroht.

Ich habe das aus nächster Nähe miterlebt.

Unendlichen Regenwald, der von fernen, blau gefärbten Bergketten umrahmt wird, habe ich nicht gesehen. Stattdessen schaute ich in Täler voller Rauch vor fernen Höhenzügen und Gipfeln, die schemenhaft im Hintergrund zu erkennen waren.

Der charakteristische Blauton – der vom Dunst der Terpene stammt, die die so hier zahlreichen Eukalyptusbäume verströmen – war durch einen braunen Schleier ersetzt worden. Auch der blaue Himmel war diesem braunen Dunst gewichen.

Michael E. Mann

Der US-amerikanische Klimaforscher ist Direktor des Zentrums für Geowissenschaften an der Pennsylvania State University. Mann bestätigte sich in der Vergangenheit als Hauptautor für die Sachstandsberichte des Weltklimarats. Seine Arbeit war Grundlage für das Hockeyschläger-Diagramm, das mitterweile von anderen Forschern bestätigt wurde.

Die Einheimischen, die ich als freundlich und aufgeschlossen erlebte, erzählten freimütig, dass sie so etwas noch nie zuvor gesehen hatten. Einige sprachen sogar, ohne danach gefragt worden zu sein, vom "Klimawandel".

Die Songs von Peter Garrett und Midnight Oil, die ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal gehört habe, bekamen für mich plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Sie scheinen angesichts dessen, was wir in Australien erleben, auf beunruhigende Weise vorausschauend zu sein.

Der braune Himmel, den ich über den Blue Mountains gesehen habe, ist eine Folge des von Menschen verursachten Klimawandels. Nimmt man die Rekordhitze und kombiniert sie mit einer noch nie da gewesenen Dürre in ohnehin schon trockenen Regionen, erhält man beispiellose Buschfeuer wie die, die die Blue Mountains verschlingen und sich über den Kontinent ausbreiten. Schwer zu verstehen ist das nicht.

Die Erwärmung unseres Planeten und die damit einhergehenden Klimaveränderungen sind auf die fossilen Rohstoffe zurückzuführen, die wir verbrennen: Öl – ob um Mitternacht oder zu jeder anderen Stunde des Tages –, Erdgas und, der größte Übeltäter von allen, Kohle. Auch das ist kein komplizierter Zusammenhang.

Wenn wir Kohle aus der Erde holen, wie es die umstrittene geplante Adani-Mine vorhat, die Australiens Treibhausgasemissionen aus der Kohleförderung mehr als verdoppeln würde, legen wir im Grunde Hand an unseren blauen Himmel. Die Adani-Mine könnte mit Fug und Recht in Blauer-Himmel-Mine umbenannt werden.

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In Australien brennen die Betten. Ganze Städte, unersetzliche Wälder und gefährdete, wertvolle Tierarten wie der Koala (das wohl einzige lebende Plüschtier der Welt) gehen wegen der beispiellosen Buschfeuer massenhaft zugrunde.

Der Kontinent Australien steht bildlich – und in gewisser Weise auch wörtlich – in Flammen.

Dennoch scheint der australische Premierminister Scott Morrison der Klimakatastrophe, unter der Australien leidet, bemerkenswert gleichgültig gegenüberzustehen. Während er seinen Familienurlaub auf Hawaii verbrachte, mussten die Australier mit beispielloser Hitze und Buschfeuern fertigwerden.

Morrison zeigt sich als den Interessen der Kohle verpflichtet, und seine Regierung hat sich mit einer kleinen Zahl Erdöl fördernder Länder zusammengetan, um die jüngste Weltklimakonferenz in Madrid zu sabotieren. Die UN-Verhandlungen gelten als allerletzter Versuch, die Erderwärmung unter einem Niveau von 1,5 Grad zu halten, das von vielen als Grenze zur "gefährlichen" Erhitzung angesehen wird.

Doch die Australier müssen nur morgens aufwachen und den Fernseher einschalten, die Zeitung lesen oder aus dem Fenster schauen, um zu sehen, was für viele immer offensichtlicher wird – in ihrem Land ist der gefährliche Klimawandel schon Realität. Es stellt sich lediglich die Frage, einen wie viel schlimmeren Klimawandel wir bereit sind zuzulassen.

Covering Climate Now

Dieser Artikel erscheint als Teil von Covering Climate Now, einer globalen Partnerschaft von mehr als 300 Medien weltweit, die für eine starke Klima-Berichterstattung stehen.

Australien befindet sich im Klima-Notstand. Das Land brennt buchstäblich. Es braucht eine Führung, die in der Lage ist, das zu erkennen und zu handeln. Und es braucht Wählerinnen und Wähler, die ihre Politiker an der Wahlurne zur Rechenschaft ziehen.

Die Australier müssen die fossil angetriebenen Politiker, die sich entschieden haben, Teil des Problems zu sein, abwählen und für Klima-Champions stimmen, die bereit sind, das Problem zu lösen.

Der Beitrag erschien zuerst in der britischen Zeitung The Guardian. Inzwischen werden aus Australien neue Brände gemeldet.

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