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Fürs 1,5-Grad-Ziel muss Deutschland CO₂‑Budgets zukaufen

Selbst wenn die Bundesrepublik bis 2045 klimaneutral wird, überzieht sie ihr fürs 1,5‑Grad-Ziel verbleibendes Emissionsbudget deutlich. Um die Lücke zu schließen, soll Deutschland in anderen Ländern anspruchsvolle Klimamaßnahmen finanzieren, schlägt eine Studie des Öko-Instituts für den WWF vor.


Von Kohlestaub eingehülltes Kohlekraftwerk in Südafrika
Kohlekraftwerk in Südafrika: Mit Geld aus Deutschland wird das Land seinen Energiesektor dekarbonisieren. Das soll zum Modell werden, schlägt die WWF-Studie vor. (Foto: Jane Flowers/​Flickr)

Wie schmerzlich es ist, dass die letzten 30 Jahre für den Klimaschutz so verschenkt wurden, wird mit jeder neuen Studie deutlicher. Inzwischen hat das Industrieland Deutschland schon so viel CO2 emittiert, dass offenbar nicht mehr genügend Zeit und Budget übrig ist, um für das 1,5‑Grad-Ziel rechtzeitig klimaneutral zu werden.

Die nüchternen Zahlen sehen laut einer gestern veröffentlichten Studie des Öko-Instituts für die Umweltstiftung WWF so aus: Schon jetzt ist der deutsche Anteil am internationalen CO2-Budget für das 1,5-Grad-Limit aus dem Pariser Klimavertrag zu 60 Prozent ausgeschöpft. Auch bei strikter Treibhausgasreduktion wäre das deutsche CO2-Budget 2028 aufgebraucht.

Klimaneutral soll Deutschland aber erst 2045 werden. Das deutsche CO2-Budget würde damit, rechnet die neue Studie aus, fürs 1,5‑Grad-Limit noch um die 4,9 Milliarden Tonnen und für 1,7 Grad um 1,6 Milliarden Tonnen überzogen werden. Nur beim schon sehr riskanten Zwei-Grad-Ziel würden einige wenige Emissionsmengen aus dem Budget nicht beansprucht.

Deutschland wisse schon lange, dass auch die zuletzt geschärften Klimaziele nicht geeignet seien, um einen "fairen Beitrag" zum Pariser Klimaziel zu leisten, sagte WWF-Klimaexpertin Viviane Raddatz gestern bei der Präsentation der Studie. Dafür reiche selbst die Klimaneutralität 2045 nicht aus. 

Raddatz plädierte dennoch nicht dafür, die Klimaneutralität vorzuziehen. Die in Deutschland angestrebten klimapolitischen Maßnahmen seien aus WWF-Sicht schon "sehr ambitioniert".

Auf einen wirklichen 1,5‑Grad-Pfad zu kommen, sei mit kaum durchzusetzenden Strukturbrüchen verbunden, warnte Raddatz. Insofern stelle sich die Frage, wie Deutschland seinen "fairen Beitrag" auf andere Weise leisten könne. Und hier kommen für den WWF direkte finanzielle Tansfers ins Spiel.

Funktionieren könnte das so: Deutschland finanziert in einem anderen Land Klimaschutz in einem Maße, dass dieses Land sein CO2-Budget, bezogen auf 1,5 Grad, nicht mehr ausschöpfen muss – indem zum Beispiel von Kohle gleich auf Solarstrom oder solares Heizen oder auf grünen Wasserstoff umgestellt wird.

Mit der so erzielten CO2-Einsparung könnte Deutschland dann seine "Ambitionslücke" ausgleichen, meinte Raddatz. "So ließe sich das Pariser Klimaziel global erreichen, auch wenn es national für Deutschland relativ schwierig aussieht."

"Das ist kein Ablasshandel"

Was für eine Debatte sie damit anstoßen, ist Raddatz und auch Studienautor Felix Matthes vom Öko-Institut durchaus bewusst. Es gehe darum, gemeinsam schnell und rechtzeitig umzusteuern, und "nicht um einen Ablasshandel", sagte Raddatz.

Um den zu verhindern, stellten die beiden einen begleitenden Forderungskatalog zu ihrem Lückenschluss-Konzept vor:

  • Deutschland muss alles tun, um spätestens 2045 klimaneutral zu sein.
  • Die Lücke zwischen dem 1,5‑Grad-Pfad und dem, was Deutschland bei bestem Willen schaffe, ist dann zu quantifizieren und in Finanztransfers zu übersetzen.
  • Die Transfers müssen zusätzlich zur internationalen Klimafinanzierung, vor allem zur 100‑Milliarden-Zusage, fließen.
  • Bei den so finanzierten Projekten muss es sich um vergleichsweise teure Klimavorhaben in den Zielländern handeln. Es dürfen keine low hanging fruits abgegriffen werden. Diese sollen den Ländern selbst vorbehalten bleiben.

Als Vorbild für den Transfer schwebt Raddatz die Art von Klimapartnerschaft vor, wie sie Deutschland beim Klimagipfel in Glasgow mit Südafrika einging.

Die Kosten, um die teureren Früchte zu ernten, bezifferte Matthes auf 50 bis 150 Euro je eingesparte Tonne CO2. Um mithilfe direkter Klimafinanzierung auf den 1,5‑Grad-Pfad zu kommen, müsste Deutschland laut der Studie jährlich acht bis 25 Milliarden Euro aufwenden, für 1,7 Grad seien drei bis fünf Milliarden Euro nötig.

"Missbrauch muss verhindert werden"

Auch Matthes ließ bei der Präsentation der Studie erkennen, dass sich für ihn ohne einen solchen Budgetausgleich das Pariser 1,5‑Grad-Ziel nicht erreichen lässt. Anpassungsgeschwindigkeiten seien "nicht unendlich", sagte er zur Begründung. Technische, wirtschaftliche und soziale Trägheiten seien ebenso zu berücksichtigen wie bestimmte Erneuerungszyklen bei Infrastruktur und Kapitalstöcken.

Auch werde man sich mit Versuchen auseinandersetzen müssen, ein solches Konzept zu missbrauchen, betonte Matthes. Die Klimakrise sei aber inzwischen "so weit eskaliert", dass man verschiedene Möglichkeiten nutzen müsse. Einen gangbaren Weg aus Angst vor Missbrauch gleich zu verwerfen sei keine Option, sagte Matthes. Vielmehr stelle sich die Frage: Nützt etwas dem Klima oder nützt es dem Klima nicht?

Mögliche Partnerstaaten, die noch nicht in großem Maßstab in eine emissionsintensive Infrastruktur eingestiegen sind und zugleich wegen ihrer hohen Bevölkerungszahl noch über ein genügend großes Emissionsbudget verfügen, sind aus Sicht von Matthes Indien, Indonesien und einige lateinamerikanische Länder.

Das Potenzial an CO2-Budgets, um auf die Weise "Ambitionslücken" schließen zu können, sei "nicht überreichlich", betonte Matthes, aber es würde "knapp" genügen, um weltweit noch auf den 1,5‑Grad-Pfad zu kommen.

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