Der dramatische 0,5-Grad-Unterschied

Der Klimawandel entwickelt sich mit der Präzision der Naturgesetze. Deshalb kann es bei der politischen Antwort nicht um einen "Deal" gehen, sondern nur um die Anerkennung wissenschaftlicher Fakten. Die Politik muss vom Notwendigen ausgehen statt wie heute vom angeblich nur Möglichen.


Erde
Die Wissenschaft zeigt, dass zwei Grad Erwärmung viel gefährlicher als 1,5 Grad sind – die Politik schafft nicht mal einen Drei-Grad-Kurs. (Foto/​Montage: Gerd Altmann/​Pixabay)

Nach intensiver Vorarbeit und breiter wissenschaftlicher Debatte hat der Weltklimarat IPCC am Montag den Sonderbericht zu einer globalen Erwärmung um 1,5 Grad vorgelegt. Er begründet eindrucksvoll, warum es endlich wirksamen Klimaschutz geben muss.

Der Bericht ist zugleich ein erschreckendes Dokument des Versagens der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Diese bleiben in der wichtigsten Menschheitsfrage Klimaschutz weit hinter dem zurück, was notwendig ist. Die Kette der Verantwortungslosigkeit reißt nicht ab, die ökologische Kolonialisierung der Zukunft spitzt sich weiter zu. Eine Selbstvernichtung der Menschheit wird möglich.

Dabei ist die Einsicht in der Gesellschaft gewachsen, dass es zu einem grundlegenden Wandel kommen muss. Immer mehr Menschen engagieren sich – wie die Großkundgebung am Hambacher Forst zeigte – für einen schnellen Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter. Doch Politik und Wirtschaft verharren in einem Modus der Ignoranz und Tatenlosigkeit. Das ist eine Form von Gewalt, deren Folgen schon heute die Menschen in armen Weltregionen erleiden müssen.

Ausgangspunkt für den Sonderbericht sind die unterschiedlichen Folgen für Mensch und Natur bei einer 1,5-Grad- und einer Zwei-Grad-Erwärmung. Das Zwei-Grad-Ziel war in den letzten Jahren von den internationalen Klimagipfeln ausgegeben worden – und auch von Klimaforschern, die angesichts des kläglichen Scheiterns der Klimadiplomatie der Politik nicht mehr zutrauten. Doch beim Klimaschutz muss es um das Notwendige gehen, das von den naturwissenschaftlichen Fakten bestimmt wird.

Immer noch auf Crashkurs

Die 0,5 Grad Unterschied, das zeigt der neue Report, sind dramatisch. Allein dadurch wären mindestens 400 Millionen Menschen mehr von Hunger und Elend durch Dürre und Überflutungen betroffen. Die Zahl der weltweiten Flüchtlinge würde unvorstellbare Ausmaße annehmen. 50 Millionen Menschen mehr als heute würden unter Wasserknappheit leiden.

Die Fischerei wäre massiv betroffen, die biologische Vielfalt ginge stark zurück. Wetter- und vor allem Hitzeextreme würden noch sehr viel häufiger auftreten. Die Korallenriffe würden absterben. Insgesamt ergäben sich negative Synergien, die nicht in Kauf genommen werden dürfen.

Tatsächlich steuert die Menschheit unvermindert auf eine sehr viel höhere Erwärmung als zwei Grad zu. Auch wenn die Selbstverpflichtungen der Staaten für das Pariser Klimaabkommen eingehalten werden, erhöht sich die Erdtemperatur um rund drei Grad. Und nicht einmal das ist sicher, denn US-Präsident Donald Trump will aus dem Vertrag aussteigen, obwohl die USA einer der größten Klimazerstörer sind.

Der Klimawandel kommt mit der Präzision der Naturgesetze auf uns zu. Deshalb kann es nicht um einen "Deal" gehen, sondern nur um die Anerkennung wissenschaftlicher Fakten. Die Politik muss von dem Notwendigen ausgehen und dafür gemeinsames Handeln ermöglichen – statt wie heute umgekehrt zu handeln und das angeblich nur Mögliche zur Politik zu machen.

Viele verpasste Gelegenheiten

Der IPCC-Bericht liefert eine überzeugende Begründung für die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad. Damit knüpft der Weltklimarat an das ursprüngliche Ziel des deutschen Bundestages von 1990 an, das ebenfalls von einer Obergrenze von 1,5 Grad ausging. Damals war der Klimawandel politisches Neuland, die Lobby- und Interessengruppen der fossilen Wirtschaft hatten sich mit ihren Verdrehungen und Unterstellungen noch nicht formiert.

Das geschah einige Jahre später, ab 1992. Die Politik reduzierte Zug um Zug ihre selbst gesetzten Ziele, gleichwohl sonnte sie sich im Licht sinkender Kohlendioxid-Emissionen. Die waren aber nicht das Ergebnis einer konsequenten Klimaschutzpolitik, sondern des Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft.

Zur Person

Michael Müller ist SPD-Vordenker, ehemaliger Umweltstaatssekretär, Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Mitherausgeber von Klimareporter°.

Viel Zeit ging verloren. Aber die Verantwortlichen machen weiter wie bisher. Es ist erschreckend, dass zum Beispiel Vertreter von Union und FDP, von den Klimaleugnern der AfD gar nicht zu reden, auch nach dem neuen Gutachten des IPCC auf die Bremse treten. Was für eine Verlogenheit, den Klimawandel zu beklagen, aber kein konkretes Ziel zu akzeptieren.

Es ist ein Skandal, dass bei der Vorstellung des IPCC-Berichts in Berlin nicht wenigstens das Wissenschaftsministerium auf Leitungsebene vertreten war. Und es passt ins Bild, dass von der Bundeskanzlerin, die noch am Wochenende auf dem Deutschlandtag der Jungen Union ein stärkeres Engagement des politischen Nachwuchses für mehr Klimaschutz forderte, nichts zu hören war.

Wo war Angela Merkel, als es um den nationalen Klimaschutzplan ging? Warum gibt es kein Klima-Investitionsprogramm? Warum hat eine Erneuerung der Infrastruktur für mehr Klimaschutz in den Koalitionsverhandlungen keine Rolle gespielt? Angela Merkel hätte überall viel mehr erreichen können. Nun geht sie als Klimaversagerin in die Geschichte ein.

Merkel kennt die Fakten – und tut nichts

Der IPCC-Sonderbericht macht deutlich, dass es heute gewaltiger, bisher nicht dagewesener Anstrengungen bedarf, um das 1,5-Grad-Limit einzuhalten, auch viele dreistellige Milliardenbeträge mehr als für die zwei Grad. Die Folgekosten aber werden noch höher sein, wenn das Ziel nicht eingehalten wird.

Die nötigen Anstrengungen sind größer als alles, was bisher für Umbau- und Aufbauprojekte ausgegeben wurde. Faktisch jedoch geschieht nichts, auch in Deutschland nicht. Die Menschheit rast auf einen Abgrund zu und das Bemühen der besser verdienenden Fahrgäste ist es, einen Platz möglichst weit hinten einzunehmen.

Niemand kann sagen, er wüsste nicht, was auf uns zukommt. Man muss schon ein schrecklicher Klimaleugner sein, die Wahrheit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Genauso schlimm ist es, die Fakten zu kennen, aber nichts zu unternehmen. So wie es die Bundeskanzlerin tut.

Angela Merkel ist seit 2005 Kanzlerin. Die Wahrheit ist, dass sie in dieser Menschheitsfrage versagt. Das wird nicht dadurch besser, dass andere wie Trump oder Putin noch schlechter dastehen.

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