Nullsummenspiel oder moderner Ablasshandel?

Das Ausgleichen klimaschädlicher Aktivitäten mit Geld ist zu Recht umstritten. Dennoch wird es bei Staaten, Unternehmen und Privatpersonen immer beliebter. In einer Serie stellt Klimareporter° verschiedene Ansätze zur Lösung der Klimakrise vor und beleuchtet Vor- und Nachteile. Teil 7: Klimakompensation.


Wiederherstellung von Mangrovenwald durch Freiwillige 2014 in Samut Sakhon am Golf von Thailand.
Aufforstung oder saubere Kocher sind sinnvolle Projekte, sie dürfen aber nicht zu unterlassenem Klimaschutz in den reichen Ländern führen. (Foto: Sura Nualpradid/​Shutterstock)

Flüge, Veranstaltungen, Fleischkonsum: Mehr oder weniger alle Produkte und Dienstleistungen verursachen klimaschädliche Treibhausgase. Wer seinen Klima-Fußabdruck rechnerisch ausgleichen will, kann das über eine Zahlung an Kompensationsorganisationen tun. Das ist inzwischen über viele Anbieter möglich, etwa den Marktführer Atmosfair, Klima-Kollekte oder Myclimate.

Das Prinzip: Wer kompensieren will, zahlt Geld an den Dienstleister, der damit Klimaschutzprojekte unterstützt – oft, aber nicht nur in Entwicklungsländern.

Damit ist es natürlich nicht möglich, den eigenen Fußabdruck wieder rückgängig zu machen: Das CO2 bleibt in der Luft. Dafür wird durch die Zahlung dieselbe Menge CO2 an einem anderen Ort auf der Welt eingespart. Selbst im Idealfall senkt die Kompensation also die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen nicht, sondern ergibt ein Nullsummenspiel. Immerhin. Oder?

"Wir empfehlen die Kompensation – allerdings nur als letzten Schritt", sagt Frank Wolke vom Umweltbundesamt (UBA). "Im Vorfeld sollte man sich überlegen: Wo kann ich meine Emissionen vermeiden oder vermindern?"

Eventuell kann die Dienstreise über den Atlantik einfach zugunsten eines Online-Meetings abgesagt werden. Den Urlaub kann man als Zug- statt als Flugreise planen. "Das zu kompensieren, was nach allen Anstrengungen noch an Emissionen übrigbleibt, halten wir für sinnvoll", meint Wolke.

Doppelte Zählung

Aus der Klimaschutzbewegung kommen oft skeptische Stimmen. Die Befürchtung: Statt strikt so vorzugehen, wie Wolke es empfiehlt, könnten viele die Kompensation eher zur Rechtfertigung für klimaschädliches Verhalten nutzen. Aus dem Nullsummenspiel würde dann ein Ablasshandel.

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg zum Beispiel spricht von einem "Klimakompensations-Bluff", der "aller Wahrscheinlichkeit nach in den meisten Fällen mehr schadet als nützt".

Hinzu kommt, dass die verschiedenen Anbieter unterschiedliche Standards haben. Wer seinen CO2-Fußabdruck kompensieren will, sollte genau hinschauen, was mit dem Geld passiert.

"Man sollte darauf achten, dass der Anbieter seine Arbeit sehr transparent macht: Welche Klimaschutzprojekte finanziert er, mit welchen Standards sind sie zertifiziert, wie verhindert er die doppelte Zählung von Emissionseinsparungen?", erklärt UBA-Experte Wolke. Ein guter Anbieter gebe zudem einen Hinweis darauf, wie viel Geld in das Klimaschutzprojekt fließt und wie viel in seine eigenen Kosten.

Der Ökonom Franz Josef Radermacher setzt große Hoffnung ins Kompensieren. Er spricht von einem "Milliarden-Joker", mit dem die Klimaschutz-Lücke geschlossen werden könne: Privatleute, Unternehmen und andere Organisationen sollen freiwillig und im großen Stil CO2-Kompensationsprojekte in Entwicklungsländern finanzieren, dort zum Aufbau einer klimafreundlichen Wirtschaft beitragen und sich selbst dadurch "klimaneutral" stellen. Deutschland könnte Rademacher zufolge seine Emissionen so bis 2025 auf null senken.

Regeln fehlen

Als Modell für globalen Klimaschutz taugt das aber wohl nicht. Denn irgendwann haben die meisten Kompensationsprojekte ihr Potenzial erschöpft.

Das ist die Lösung! Oder?

Die Welt weiß, wie man die CO2-Emissionen senken kann – sie muss es nur tun. Wir stellen in einer Serie verschiedene Lösungsansätze mit ihren Vor- und Nachteilen vor.

 

Klimareporter° beteiligt sich damit wie hunderte andere Zeitungen und (Online-)​Magazine weltweit an der Initiative "Covering Climate Now". Anlässlich des 50. Jubiläums des "Earth Day" am 22. April berichten die Kooperationsmedien eine Woche lang verstärkt über Lösungen für die Klimakrise.

Ein einfaches Zahlenspiel verdeutlicht das Problem. Die zehn größten Industrieländer verursachen allein rund zwei Drittel der weltweiten CO2-Emissionen. Selbst wenn alle übrigen Länder allein durch Kompensationsprojekte ihre Emissionen komplett auf null senken könnten, wäre nur ein Drittel der aktuellen Treibhausgase eingespart.

Auch die Menschen in den Industrieländern kommen also nicht darum herum, ihre eigene Wirtschafts- und Lebensweise umzustellen.

Trotzdem steht die CO2-Kompensation im Fokus der internationalen Politik. Etliche Staaten wollen untereinander mit Klimaschutzerfolgen handeln. Auch das weitere CO2-Wachstum der weltweiten Luftfahrt soll kompensiert werden.

Aber: Gemeinsame Regeln, um nicht in die vielen möglichen Fallen zu tappen, gibt es trotz jahrelanger Verhandlungen noch nicht.

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