"Die Menschheit wird nicht vergessen"

Eine weltweite Energiewende kann eine gemeinsame Lösung für die aktuellen Krisen sein, sagt die frühere UN-Klimachefin Christiana Figueres. Die Menschen werden sich später daran erinnern, wie ihre politischen Führungen in diesen Wochen die Weichen gestellt haben.


Porträtaufnahme von Christiana Figueres.
Christiana Figueres. (Foto: Fernando Luna/​Gobierno de México)

Klimareporter°: Frau Figueres, Kundgebungen müssen zurzeit größtenteils ins Netz umziehen – so auch die einwöchige Aktionswoche zum 50. Jubiläum des ersten "Earth Day", auf der Sie am morgigen Dienstag sprechen sollen. Was heißt das für den Protest?

Christiana Figueres: Ich hätte auf der großen Veranstaltung zum 50. Earth-Day-Jubiläum in Washington sprechen sollen. Ich war deshalb sehr enttäuscht, als dieses Festival abgesagt werden musste, das viele Menschen zusammengebracht hätte. Umso mehr hat es mich gefreut, dass das "Earth Day Network" und die Initiative "We don't have time" diese riesige Online-Konferenz aus dem Boden gestampft haben.

Der "Tag der Erde" ist 2020 nicht nur wegen des Jubiläums besonders wichtig, sondern auch weil er am Anfang der folgenreichsten Dekade in der menschlichen Geschichte steht. Wir müssen die Kurve der globalen CO2-Emissionen nicht nur flach halten, sondern sie muss drastisch sinken, sodass wir in zehn Jahren eine Reduktion um die Hälfte erreichen. Das entspricht einer jährlichen Minderung der Treibhausgase um 7,6 Prozent von jetzt an bis 2030.

Das ergibt sich laut einer Studie des UN-Umweltprogramms daraus, dass wir die Erhitzung der Erdatmosphäre möglichst bei 1,5 Grad begrenzen wollen.

Und es übersteigt alles, was die Menschheit jemals geschafft hat. Das Wichtige bei Events wie dem "Earth Day" ist, dass Millionen Menschen mehr über diese Fragen lernen können, was sich hoffentlich in mehr politischem Engagement niederschlägt.

Die Menschen müssen verstehen, dass der Klimawandel unsere demokratischen Systeme bedroht – und dass wir alle politisch aktiv werden müssen, damit Entscheidungsträger im Einklang mit unseren Werten handeln.

Junge Menschen überall auf der Welt protestieren seit anderthalb Jahren ausdauernd, in vielen Ländern ergänzen sie eine Klimabewegung, die seit vielen Jahren aktiv ist. Sie werden bejubelt, gewinnen im politischen Diskurs – aber in der Politik schlägt sich das noch nicht nieder. Woran liegt das?

Christiana Figueres

leitete von 2010 bis 2016 das Sekretariat der Klima­rahmen­konvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Die costa-ricanische Diplomatin und Politikerin gilt als eine Architektin des Pariser Klima­abkommens von 2015. Zusammen mit ihrem früheren UN-Mitarbeiter Tom Rivett-Carnac gründete sie das Beratungs­unternehmen Global Optimism. Kürzlich erschien ihr gemeinsames Buch "The Future We Choose. Surviving the Climate Crisis" (Die Zukunft, die wir wählen. Die Klimakrise überleben). Die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung verzögert sich durch die Coronapandemie.

Die Jugend hat herausragende Arbeit geleistet und wir können nur ehrfürchtig sein vor dem, was sie in kürzester Zeit erreicht hat. Klimawandel ist in Parlamenten, Aufsichtsräten und an Küchentischen angekommen.

Es ist nicht ihr Job, gute Gesetze zu schreiben. Wenn sie Länder und Unternehmen führen, ist es längst zu spät, die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Das ist allein die Verantwortung älterer Generationen.

Wir betrachten die Corona-Pandemie oft als Gesundheitskrise, aber sie hat genauso soziale und wirtschaftliche Auswirkungen. Unter anderem hat sie zu einem Kollaps großer Teile unserer Wirtschaft geführt. Haben Sie Angst, dass damit bald Verwässerungen beim Klimaschutz gerechtfertigt werden?

Bevor die Corona-Pandemie in unsere Welt gekracht ist, hatten wir es schon mit zwei anderen großen Krisen zu tun: dem Ölpreis-Crash und dem Klimawandel. Die drei Krisen sind eigentlich unabhängig voneinander, sind aber zusammengeströmt und haben nun eine vorher ungekannte Schlagkraft.

Die Pfade, die wir zur Bewältigung der Krisen beschreiten, können und sollten sich auch treffen. Das müssen wir bedenken, wenn wir finanzpolitische Maßnahmen ergreifen.

Sie glauben also, dass diese Krisen durch Marktmechanismen zu lösen sind?

Regierungen können die Realitäten der Wirtschaft nicht ignorieren. Nach 200 Jahren auf der Wachstumsschiene geht die Nachfrage nach fossilen Kraftstoffen zurück. Wenn die Wirtschaft sich zu erholen beginnt, könnte das von erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Fossile Geschäfte werden zunehmend unwirtschaftlich, außerdem tolerieren immer weniger Menschen, dass sie so stark zum Klimawandel beitragen und durch die Luftverschmutzung seit vielen Jahren die Gesundheit von Millionen von Menschen aufs Spiel setzen.

Die Menschheit wird nicht vergessen, welche ihrer politischen Anführer welche Positionen vertreten haben, um diese Pandemie zurückzudrängen – oder welche Schritte sie unternommen haben, um uns aus den anderen globalen Krisen zu führen.

Einige Staaten wie Japan und Russland wollen ihre Klimaziele für 2030 dieses Jahr nicht oder kaum verschärfen, obwohl das im Paris-Abkommen eigentlich verabredet wurde. Die USA treten ganz aus. Andere werden für die bloße Bekräftigung des vereinbarten Prozesses gefeiert. Steht damit nicht der Kern des Paris-Vertrags direkt unter Beschuss?

Es ist jetzt fünf Jahre her, dass das Paris-Abkommen unterschrieben wurde – und es stimmt, der darin vorgezeichnete Kurs ist in ernsthafter Gefahr. Allerspätestens müssen wir im Jahr 2050 klimaneutral sein. Keine Regierung, die sich darauf nicht jetzt einstellt, kann ernsthaft glauben, dass sie sich an das Paris-Abkommen hält.

Das ist die Lösung! Oder?

Die Welt weiß, wie man die CO2-Emissionen senken kann – sie muss es nur tun. Wir stellen in einer Serie verschiedene Lösungsansätze mit ihren Vor- und Nachteilen vor.

 

Klimareporter° beteiligt sich damit wie hunderte andere Zeitungen und (Online-)​Magazine weltweit an der Initiative "Covering Climate Now". Anlässlich des 50. Jubiläums des "Earth Day" am 22. April berichten die Kooperationsmedien eine Woche lang verstärkt über Lösungen für die Klimakrise.

Der aktuelle Shutdown der Wirtschaft durch die Coronakrise wird die weltweiten Emissionen dieses Jahr zwar um ein paar Prozentpunkte senken, aber das ist natürlich nicht nachhaltig.

Und trotzdem fordern Sie und Ihr Koautor Tom Rivett-Carnac in Ihrem neuen Buch Optimismus in Sachen Klimaschutz. Wie kommen Sie darauf?

Wir haben in dem Buch den Begriff des sturen Optimismus geprägt. Es geht uns darum, die Ernsthaftigkeit der Lage voll zu verstehen und trotzdem mutige Entschlossenheit an den Tag zu legen. Nur so können wir die Herausforderung in Angriff nehmen. Wir haben die Lösungen, die Technologien und das Geld dafür zur Hand.

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