Russland überarbeitet seine Klimastrategie

Erstmals legt die russische Regierung eine langfristige Klimastrategie vor und will ihr bislang wenig ehrgeiziges Klimaziel für 2030 anheben. Trotzdem sollen die Emissionen weiter steigen.


Qualmendes Kohlekraftwerk an einem baumbestandenen See.
Keine Ausstiegspläne: Das Kohlekraftwerk Reftinski im Uralvorland ist das größte Russlands. (Foto: Ilja Karatschenko/​Wikimedia Commons)

Russland hat erstmals eine Klimastrategie für die kommenden drei Jahrzehnte vorgelegt. Nach dem Entwurf, den das Wirtschaftsministerium am Montag veröffentlichte, will das Land seine CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um ein Drittel senken.

Bislang war ein Minus von 25 Prozent geplant. Bis 2050 soll die Minderung 36 Prozent und damit nur geringfügig mehr betragen.

"Die vorbereitete Strategie beschreibt detailliert die mit dem Klimawandel verbundenen Prozesse in der Welt", sagt der stellvertretende Wirtschaftsminister Michail Rasstrigin gegenüber Klimareporter°. "Sie bewertet die Bereitschaft der russischen Wirtschaft für solche Veränderungen und legt die Hauptrichtungen für mögliche Veränderungen fest."

Der Plan liegt nun den föderalen Behörden zur Genehmigung vor und wird dann durch Regierungsverordnung genehmigt.

Die vom Wirtschaftsministerium entwickelte Strategie beschreibt vier Szenarien – ein Basis-Szenario, ein "intensives" und ein "träges" Szenario und eines ohne staatliche Unterstützungsmaßnahmen.

Priorität soll das Basis-Szenario haben, das vom Ministerium als realistisch und machbar eingeschätzt wird. Es umfasst insbesondere "eine groß angelegte Steigerung der Energieeffizienz der russischen Wirtschaft, eine vollständige Ausgewogenheit der Waldreproduktion, eine Ausweitung der Schutzgebiete und eine deutliche Reduzierung der Entwaldung".

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehört die Verbesserung der Energieeffizienz in fast allen Bereichen – Wohnen und kommunale Dienstleistungen, Industrie, Energie und Brennstoffe sowie Verkehr. Zudem soll ein nationales CO2-Regulierungssystem eingeführt und der Anteil von erneuerbaren Energien und Atomenergie erhöht werden.

In allen Szenarien steigen die CO2-Emissionen

Das Basis-Szenario führt zu einer Zunahme der Treibhausgasemissionen, da Russlands Wirtschaft laut Prognose des Ministeriums weiter wächst. Gleichzeitig sinkt die Kapazität der russischen Wälder, Kohlendioxid aufzunehmen.

Bis 2030 nehmen die Treibhausgasemissionen in diesem Szenario um fast 30 Prozent zu: Sie steigen von knapp 1,6 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2017 auf 2,1 Milliarden Tonnen.

Danach sinken die Emissionen bis 2050 leicht auf zwei Milliarden Tonnen. Gleichzeitig wird die CO2-Intensität gegenüber 2017 weiter schrittweise abnehmen – um neun Prozent bis 2030 und um 48 Prozent bis 2050.

Bei dem "intensiven" Szenario ist ein stärkerer Ausbau der Erneuerbaren vorgesehen. Außerdem sollen Technologien zur Abscheidung, Speicherung und Verarbeitung von CO2 entwickelt und die Entwaldung gestoppt werden. Dieses Szenario "wird in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts CO2-Neutralität erreichen", heißt es im Entwurf.

Dabei hat Russland, verglichen mit dem Niveau von 1990, längst eine Emissionsreduktion von 50 Prozent geschafft – einschließlich Landnutzungsänderungen. Allein durch den Zusammenbruch der Sowjetunion halbierte sich der CO2-Ausstoß. Vorher lagen die CO2-Emissionen noch bei rund drei Milliarden Tonnen.

Mit dem neuen Klimaziel für 2030, das ein Minus von 33 Prozent gegenüber 1990 vorsieht, geht das Wirtschaftsministerium zwar über das bisherige Ziel von minus 25 Prozent hinaus. Es liegt aber immer noch deutlich unter dem bereits erreichten Niveau.

Das neue 2030-Ziel schließt auch die CO2-Aufnahme durch Wälder ein. Sowohl offizielle nationale Berichte als auch wissenschaftliche Arbeiten gehen jedoch von einem starken Rückgang der Nettoabsorption aus. Dies liegt an der langsamen, unaufhaltsamen Veränderung der Altersstruktur der Wälder und den kurzfristigen, vermeidbaren Auswirkungen von Abholzung und Bränden.

Laut einer Studie der Moskauer Staatsuniversität von 2015 werden Russlands Wälder von 2021 bis 2030 nur sieben bis 22 Prozent der Treibhausgasmenge absorbieren, die sie im Jahr 1990 aufgenommen haben.

Bis 2050 könnte das Absorptionsniveau sogar auf null sinken, falls die Forstpolitik nicht reformiert wird und keine weiteren nachhaltigen Bewirtschaftungspraktiken eingeführt werden.

Optimismus wundert Ökonomen

Bei russischen Klimaschützern stößt die vorgeschlagene Klimastrategie auf Kritik. "Wir begrüßen, dass die Regierung die Notwendigkeit anerkennt, auf einen CO2-armen Entwicklungspfad umzusteigen", heißt es bei Greenpeace Russland. Aber: "Wir halten die vorgeschlagenen Maßnahmen für unzureichend, um einen angemessenen Beitrag Russlands zum 1,5-Grad-Ziel zu leisten."

"Wir sind mit der vorgeschlagenen Strategie überhaupt nicht einverstanden", erklärten Vertreter von Fridays for Future Russland in einer offiziellen Stellungnahme. Die Forderungen der Klimaaktivisten und weiterer Nichtregierungsorganisationen seien nicht berücksichtigt worden.

"Um das Ziel des Paris-Abkommens mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erreichen, muss der CO2-Ausstoß bis 2050 auf null gesenkt werden", hatten Aktivisten in einer früheren Erklärung gefordert.

Die Strategie könne kaum als CO2-arm bezeichnet werden, da die Treibhausgasemissionen nicht reduziert, sondern erhöht werden, sagt Michail Julkin, Experte für Klimapolitik und CO2-arme Entwicklung, gegenüber Klimareporter°.

Das gelte für alle vier Szenarien. Nur in dem "intensiven" und dem Basis-Szenario würden die Emissionen nach 2030 überhaupt sinken. "Es ist jedoch nicht klar, wie wir von der Basislinie, nach der wir bis 2030 leben, zur intensiven wechseln und dann eine Reduktion schaffen können", so Julkin.

Alle Szenarien gehen dem Experten zufolge von den gleichen, identischen Wachstumsraten aus. "Das kann nicht sein. Das Trägheitsszenario und das Szenario ohne Maßnahmen dürften kein Wachstum zeigen, sondern ein Schrumpfen der Wirtschaft, schon allein aufgrund von Exportproblemen."

In jedem Fall gehe es nicht, nur die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts zu betrachten, sagt der Klimaexperte. "Es ist notwendig, die Struktur der Produktion und dementsprechend die Struktur der Exporte und Importe zu erörtern."

Auch viele andere Ökonomen halten die Einschätzung des Ministeriums zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in Russland für zu optimistisch – gerade vor dem Hintergrund der Coronakrise.

Ein Weg aus der fossilen Abhängigkeit – auch eine soziale Frage

"In der gegenwärtigen Situation werden die Ziele und Vorgaben der Regierung hauptsächlich bis 2025 festgelegt. Angesichts der langen Investitionszyklen ist der Handlungsspielraum bis 2030 recht begrenzt", sagt Vize-Wirtschaftsminister Rasstrigin gegenüber Klimareporter°.

"Deshalb wird die größte Änderung der CO2-Intensität nach 2030 auftreten." Gleichzeitig enthalte die Strategie Indikatoren für die Emissionsreduzierung in einzelnen Sektoren und Produktionsprozessen.

"Diese Indikatoren hängen nicht von externen Faktoren ab, etwa vom Wirtschaftswachstum, und sind heute ein spezifischer Maßstab für Unternehmen für ihr Handeln bis 2030 und bis 2050", so Rasstrigin. "Wir beabsichtigen, die Strategie weiter zu aktualisieren, um die Richtung zur Diversifizierung der russischen Wirtschaftsstruktur entsprechend den sich ändernden äußeren Bedingungen zu klären."

Trotz aller Kritik glauben die meisten Experten, es sei gut, dass Russland nun zumindest damit begonnen hat, sich mit Dekarbonisierung auseinanderzusetzen und das Thema ernst zu nehmen.

Die Diversifizierung der Wirtschaft und ein Weg aus der Abhängigkeit von der Produktion und dem Export von Kohle, Öl und Gas sind für Russland nicht nur klimapolitisch wichtig. Es geht auch um soziale und ökonomische Fragen – vor allem um eine nachhaltige wirtschaftliche und technologische Entwicklung und um das Wohlergehen der Bevölkerung.

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