Corona-Pandemie, Homeoffice und die Krise als produktiver Zustand

Kalenderwoche 12: Die Coronakrise kann eine Chance sein, wenn wir daraus die richtigen Lehren für den bislang unzureichenden Umgang mit der Klimakrise ziehen, sagt Jens Mühlhaus, Vorstand beim Münchner Ökostrom-Anbieter Green City und Mitglied des Herausgeberrates von Klimareporter°. Alle Konjunkturprogramme, die jetzt aufgelegt werden, sollten sich an den Klimazielen orientieren.


Jens Mühlhaus. (Foto: Dominik Parzinger)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Green City AG.

Klimareporter°: Herr Mühlhaus, Politiker, Aktivisten und Wissenschaftler debattieren heftig, was die Corona-Bewältigung für die Klimapolitik bedeutet – sollte diese auch so radikal daherkommen oder taugt eine Coronakrise nicht als Blaupause für eine vernünftige, demokratisch fundierte Klimapolitik?

Jens Mühlhaus: Zunächst einmal bin ich der Meinung, dass wir diese beiden Themen nicht miteinander vergleichen sollten. Und das aus zwei Gründen: Ursache und Zeit.

Eine Pandemie geht auf genau eine Ursache zurück. In dem Fall auf das Coronavirus. Beim Klimawandel gibt es eben nicht den einen Grund. Er ist hochkomplex und vielschichtig. Da spielen so viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle: Verkehr, Industrie, Energieproduktion und, und, und. Das brauche ich hier gar nicht alles aufzuzählen.

Außerdem ist die Zeitkomponente bei beiden eine völlig andere: Während die Maßnahmen bei einer Pandemie – hoffentlich – zeitlich begrenzt sind, ist es beim Klimawandel zwingend nötig, das Verhalten dauerhaft zu ändern.

Nichtsdestotrotz können wir aus der jetzigen Situation einiges lernen. Wir sehen gerade live, was politisch möglich ist. Einschränkungen, die vor einer Woche noch undenkbar waren, werden sofort umgesetzt. Und damit es nicht untergeht: ausgerechnet von den Politikern, die bis vor einer Woche noch Verbote verteufelt und auf Freiwilligkeit gesetzt haben.

Da stellt sich natürlich die Frage: Warum geht das nicht beim Klimaschutz? Da warnen angesehene Forscher seit Jahrzehnten und präsentieren realistische und nicht weniger bedrohliche Szenarien.

Ganz einfach: Weil wir mit dem Coronavirus eine greifbare Bedrohung haben. Es betrifft mich direkt, meinen Nachbarn, den Bäcker an der Ecke. Das ist real.

Und genau das ist das Problem beim Klimawandel. Auch, wenn wir die heißeste Dekade hinter uns haben, auch, wenn Australien monatelang gebrannt hat, ist das Thema für die meisten immer noch zu weit weg.

Wir sind, wenn ich jetzt doch einen Vergleich ziehen darf, mit dem Klimawandel ungefähr da, wo wir mit Corona vor vier, fünf Wochen waren: Man informiert, denkt über Maßnahmen nach, gibt Tipps – aber man handelt erst, wenn die Katastrophe an die eigene Tür klopft!

Ich würde mir wünschen, dass wir alle – wenn wir die eine Krise überstanden haben – endlich aufgewacht sind, damit wir noch rechtzeitig alles Nötige in die Wege leiten können, um die nächste abzuwenden.

Beim Klimawandel können wir es besser machen – wenn wir die jetzige Situation als Chance begreifen, die richtigen Lehren daraus ziehen und endlich genauso entschlossen handeln. Ganz konkret sollten etwa alle Konjunkturprogramme, die jetzt unweigerlich aufgelegt werden, den Klimazielen untergeordnet werden.

Das drastische Zurückfahren des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft bringt auch Ökoenergie-Projekte ins Wanken, weil Mitarbeiter erkranken, Zulieferungen fehlen und Genehmigungen sich weiter verzögern. Wie stark ist Green City davon betroffen?

Wir haben in der vergangenen Wochen sehr schnell Maßnahmen getroffen, um die Sicherheit unserer Mitarbeiter und den Weiterbetrieb der Firma gewährleisten zu können.

Alle ins Homeoffice zu schicken war ein drastischer, aber absolut notwendiger Schritt. Wir haben ein sehr gut funktionierendes Krisenteam, das kontinuierlich dafür sorgt, dass alle für uns wichtigen Informationen zusammengetragen und bewertet werden – und wir sind auch auf Entfernung im aktiven Austausch mit unseren Mitarbeitern. Das ist erst einmal der aktuelle Stand.

Was den Ausblick betrifft, so sind wir als Projektierer, Planer und Bauherr in der Situation, dass wir eben nicht wie die vielen Einzelhändler auf tagesabhängige Einnahmen angewiesen sind. Wir unterliegen anderen Rhythmen: Die langfristigen Planungs- und Realisierungszyklen, die einem sonst auch das Genick brechen können, erweisen sich in dieser Situation eher von Vorteil.

Noch gibt es keine Verzögerungen bei Genehmigungsverfahren et cetera, aber das ist nur eine Momentaufnahme. Sobald beispielsweise ein Landratsamt seine Tore schließen muss, ändert sich die Lage komplett und wir stellen uns bereits jetzt auf Verzögerungen ein.

Wir sind in der absolut glücklichen Situation, dass wir voll arbeitsfähig sind – vor allem auch dank der erst jüngst eingeführten mobilen IT-Infrastruktur und des absolut disziplinierten und engagierten Einsatzes unserer Mitarbeiter in dieser Extremsituation.

Ich habe es meinen Mitarbeitern schon gesagt und möchte es hier auch gerne noch anbringen, ein Zitat von Max Frisch: "Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." Und genau das versuchen wir bei Green City.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Das waren dieses Mal ehrlich gesagt gleich zwei Dinge: Bei all den Schreckensmeldungen sind die Ergebnisse der Kommunalwahl in Bayern verständlicherweise völlig in den Hintergrund gerückt. Trotzdem habe ich mich sehr gefreut, dass es gleich drei Green-City-Mitarbeiter in ihren Wahlkreisen in den Stadtrat geschafft haben. Ich finde es klasse, dass Engagement und aktive Bürgerbeteiligung auch über die Bürotür hinausgetragen werden.

Zum anderen habe ich mich sehr darüber gefreut, dass wir bereits zum dritten Mal in Folge mit dem TÜV-Siegel "Wegbereiter der Energiewende" ausgezeichnet wurden. Die Re-Zertifizierung belegt, dass wir die strengen Richtlinien fest in unserer Unternehmenspolitik verankert haben und auch in der Praxis konsequent anwenden – und das ist, bei all dem Chaos gerade, doch eine schöne Anerkennung.

Fragen: Jörg Staude

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